Coworking in Marrakesch

15.11.2018

Schule
Bild: Anna-Lena Brechtelsbauer

Wir (OPEM und ich) waren in Fes und besuchten dort ein Jugendhaus. Wir wurden von der Leiter*in des Hauses mit einem typischen marokkanischem Frühstück empfangen. Es gab Tee und Kaffee, Kekse, Msmen (Teigfladen), Harsha (Grießgebäck), Marmelade und Honig. Beim Frühstück erfuhr ich, dass die Kinder und Jugendlichen partizipativ die Veranstaltungen im Haus bestimmen können und wurde über das aktuelle Programm informiert.

Es war ein fröhliches Treffen und es wurde viel gelacht. Ein junger Mann wurde mir zur Seite gestellt und übersetzte für mich vom Deutschen ins Arabische. Er macht gerade seine Ausbildung zum Koch und hat im Goethe-Institut in Fes Deutsch gelernt. Er führte mich durch das Haus. Außerdem haben die Kinder und Jugendlichen die vergangenen Aktivitäten an einer gebastelten Schauwand präsentiert. Zum Abschluss gab es noch eine Aufführung der Kinder und Jugendlichen mit einer Beatbox, einem Theaterstück, einer Michael-Jackson-Tanzeinlage und traditioneller Musik aus Marrakesch.

Baumpflanzung
Bild: Anna-Lena Brechtelsbauer

Wiedermal beeindruckt von der marokkanischen Gastfreundlichkeit bedankte ich mich herzlich bei meinen Gastgebern. Danach zeigten mir Kamal, Zuri und Anas (OPEM) noch die Altstadt (Medina) von Fes mit seinen beeindruckenden Handwerkskunstgewerbe.

Als Nächstes stand ein Besuch mit OPEM in Tinghir an. In Tinghir angekommen holte mich Naima, ein OPEM Mitglied, ab und wir begannen sofort ein lebhaftes Gespräch über Politik, Gesellschaft, Frauen, die Sprache der Amazigh und deren noch mangelhafte Repräsentation in der Gesellschaft. Ich lernte die lokale Presidentin von OPEM, Nadiya kennen, die mir die Situtation der Bevölkerung in der ländlichen Region, das Problem der Arbeitslosigkeit und der Armut vor allem in den Bergdörfern schilderte. Am nächsten Tag trafen meine OPEM-Begleiter_innen aus Rabat ein und wir unternahmen einen touristischen Ausflug in die berühmte Toudra Schlucht, bevor wir am Sonntagmorgen zusammen in ein Bergdorf gefahren sind. Da Tinghir bereits auf 1300 Meter liegt ging es also nochmal hinauf auf ein Plateau im hinteren Atlasgebirge.

OPEM hat veranlasst das marode Schulgebäude zu reparieren und organisierte zur Einweihung eine Feier für die Kinder. Es gab Musik, Clowns, gemeinsames Bemalen des Klassenzimmers und Bäumepflanzen. Die Kinder hatten wenig Scheu im Kontakt und alberten viel mit mir herum. Ein Highlight des Tages waren die Jungs, die sich nach der Veranstaltung das Mikrofon griffen und in Taschelheit (Amazighsprache) zu Beatbox rappten. Bei den Bergdörfern handelt es sich um infrastrukturell schwache Gebiete. Für ein geregeltes Einkommen müssen meistens ein oder mehrere Familienmitglieder in die Stadt ziehen zum Arbeiten.

Nach einem ereignisreichen Wochenende verabschiedete ich mit von meinen Freunden von OPEM, die ich erst wieder am nächsten Wochenende in Tinghir treffen sollte, da ich noch Arcid (eine NGO) in Marrakesch besuchen wollte.
Marrakesch ist eine blühende und grüne Stadt, mit viel Kunst und Kultur. Abends traf ich alte Freunde und flanierte mit ihnen über den Jamal Fn Na und durch die Souks. Begeistert vom bunten Treiben tauschten wir die wichtigsten Ereignisse aus und sie berichteten mir von den Aktivitäten ihrer NGO’s, die sich dem Kunst- und Kulturaustausch widmen (von Straßenkunst über musikalische Austauschprogramme mit den USA).

Muahd von Arcid zeigte mir einen Co-Workingspace, der eine Bibliothek hat und Veranstaltungsort für soziokulturelle Events ist. Der Schwerpunkt liegt darauf, einen Raum zu schaffen, in dem kostengünstig Kunst und Kultur erfahren werden kann. Ein Ort, an dem sowohl gearbeitet wird als auch Synergien zwischen den Menschen entstehen, die dort aufeinander treffen. Einer der Gründer arbeitet auch noch für das Jugendministerium und erläuterte mir mithilfe eines Organigramms die Strukturen und Hirarchien. Nachdem ich all meine Fragen bezüglich staatlicher Regulation, bürgerlicher Partizipation und Bedarfsermittlung loswerden konnte, habe ich etwas Klarheit über die Verstrickung der einzelnen Ministerien in den sich überschneidenden Handlungsfeld, der Jugendarbeit gewonnen.

Die dezentralen Steuerungsmöglichkeiten sind sehr beschränkt, da die Zentralregierung in Rabat dezentrales autonomes Handeln strukturell verhindert. Marokko strebt dahingehend reformen an. Es wurde mir wieder bewusst, dass in Marokko ohne persönliches Engagement und Ideenreichtum ein solcher sozio-kultureller-Ort nicht ohne Weiteres existieren würde, da die staatlichen Zuwendungen zu gering sind. Die Gründer haben es geschafft, sich mit einem Social-Business-Modell die Freiheit zu schaffen, eigene Schwerpunkte zu setzen – und zwar unabhängig von den Themenauflagen, die mit Drittmitteln oder Regierungsfördermitteln einhergehen.

Am nächsten Tag zeigte mir Muad, der sich in mehreren NGO’s engagiert und eigentlich Programmierer ist, noch ein anderes Projekt außerhalb Marrakeschs. Die Organisation hat dort ein Grundstück ersteigert, das sie mühevoll hergerichtet haben und zum Landwirtschaftsmuseum ausbauen. Kinder und Jugendliche sollen dort lernen, wie früher und auch heute noch Vieh- und Landwirtschaft betrieben wird. Dazu werden die Austellungsgegenstände restauriert oder auch mal ein Esel aus Styropor prepariert.

Die Organisation ARCID hat mich eingeladen auf eine Konzerttour zu kommen, auf der sie traditionelle Amazighmusik in Dörfern spielen. Davon werde ich demnächst berichten.

Anna-Lena Brechtelsbauer