Finanzbildungsprojekt der Volkshochschule

Özlem Yanilmaz-Supko

Die Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg hat im Vorjahr ein neues Finanzbildungsprogramm entwickelt. „GELD- Finanzbildung für alle“ richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene auf dem Weg in Ausbildung und Unabhängigkeit ebenso wie Menschen in wirtschaftlich prekären Lebenslagen. Durch Finanzbildung können die Menschen lernen, sich finanziell sicher einzurichten und Schuldenfallen zu entgehen. Die Themen reichen von Handyvertrag bis zum ETF. Die Volkshochschule kooperiert hierfür mit der Ellen-Key-Schule– und dem Dütti-Treff.

Özlem Yanilmaz-Supko hat die Workshopreihe für Multiplikator*innen im Dütti-Treff im Graefekiez durchgeführt. Zehn Mitarbeiter*innen und ehrenamtlich Tätige aus Nachbarschaftseinrichtungen, die selbst keine Fachkenntnisse im Bereich Finanzen haben, wurden von der Finanzexpertin ausgebildet. Die Workshopteilnehmer*innen wurden fit gemacht, um künftig Finanzbildungsbedarfe bei den Gästen ihrer Einrichtungen zu erkennen und selbst Vorträge zum Thema anbieten zu können. Ihre Multiplikatorenschulung war der Auftakt für eine regelmäßige Fortbildungsreihe zum Thema Finanzen, die nun im Dütti-Treff angeboten wird. Das Projekt läuft noch bis Ende des Jahres.

Haushaltsplan als Grundlage für finanzielle Entscheidungen

Hierfür hat die Dozentin entsprechende Unterrichtsmaterialien erstellt. Das 100-seitige Dokument richtet sich an die Multiplikator*innen. Sie enthalten Steckbriefe für potenzielle Interessent*innen und erfundene Beispielfälle, mit denen gearbeitet werden kann. Auch für einen Haushaltsplan, den sie jedem und jeder – ganz unabhängig von der Höhe des Einkommens – empfiehlt, um einen klaren Überblick über die eigenen Finanzen zu haben, gibt es in ihren Schulungsunterlagen eine Vorlage. „Ein Haushaltsplan ist die Grundlage für finanzielle Entscheidungen.“

Özlem Yanilmaz-Supko ist Diplom-Juristin und hat jahrelange Berufserfahrung als Schulden- und Insolvenzberaterin. Nach ihrer Elternzeit machte sie sich als Finanzcoachin selbstständig. Sie spezialisiert sich auf Finanzbildung und Schuldenprävention. Als Dozentin an Berliner Volkshochschulen hat sie jahrelang zum Thema Finanzen unterrichtet. In verschiedenen Bezirken bietet sie Onlinekurse zum richtigen Umgang mit Geld an. Dieser Kurs richtet sich an Menschen mit Schulden ebenso wie an solche, die für das Alter vorsorgen oder einen Notgroschen sparen wollen. Der Kurs spreche eine sehr gemischte Klientel an. Frauen seien meist in der Überzahl. Über diese Tätigkeit kannte sie auch die Programmbereichsleiterin für den Bereich Arbeit und Beruf in der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg, mit der sie gemeinsam das Finanzbildungsprojekt entwickelte.

Frau mit Taschenrechner und Rechnungen

Finanzbildung für Schüler*innen

An der Ellen-Key-Schule in Friedrichshain hat die Juristin im Rahmen von Projekttagen drei Tage lang Schüler*innen zum Thema Finanzen unterrichtet. Die Jugendlichen aus zehnten und elften Klassen seien extrem gut informiert und sehr zahlenaffin gewesen. Am ersten Tag ging es um die Entstehungsgeschichte des Geldes und die Fragestellung „Wie könnte eine Welt ohne Geld aussehen?“. Tag 2 drehte sich um den Haushaltsplan. Die Schüler*innen sollten sich damit auseinandersetzen, wie viel Geld sie haben und sich die Einnahme- und Ausgabeseite anschauen. Fragen waren: Welche Kosten habe ich und in welcher Höhe? Özlem Yanilmaz-Supko ließ die Schüler*innen schätzen, wie viel Miete man in Berlin durchschnittlich bezahlt oder wie die Einkommen einzelner Berufsgruppen sind. „Hier lagen die Jugendlichen vielfach sehr weit weg von der Realität. Damit sie ihre Vorstellung mit den Gegebenheiten abgleichen konnten, habe ich ihnen Statistiken gezeigt.“ An Tag 3 wurde dann das Sparen bearbeitet und besprochen, wie man Geld anlegen und investieren kann. Jeder Tag wurde mit einem Finanzspiel abgeschlossen.

Frau mit Einkaufstüten vor einem Schaufenster

Ausgaben kritisch hinterfragen

Özlem Yanilmaz-Supko will den Menschen ein Grundwissen zum Thema Finanzen vermitteln und möchte sie motivieren, Geld zurückzulegen. Sie erläutert, wie das Sparen funktioniert und wie Ausgaben kritisch hinterfragt werden können. Das Thema Finanzbildung ist aus Sicht der Finanzexpertin für alle wichtig – auch für diejenigen mit hohem Einkommen. Es sei wichtig, sich klarzumachen, wie viel man beispielsweise beim Kauf eines Autos ausgebe und wie viel man dafür gearbeitet habe. Generell sollten alle im Umgang mit ihrem Geld kritisch sein, Impulskäufe vermeiden und ihren Konsum hinterfragen. „Wir sollten über unsere Anschaffungen nachdenken und uns fragen: Brauche ich wirklich eine zweite oder dritte Winterjacke?“ So möchte sie die Menschen fit machen, um reflektiert finanzielle Entscheidungen zu treffen. „Viele beschäftigen sich nicht gern mit ihren Finanzen, weil sie im Alltag andere Themen im Kopf haben. Aber man sollte sich unbedingt ein Bild von der eigenen Finanzsituation machen.“

Entscheidend für die Finanzbildungsangebote sei generell die Alltagsnähe, damit jede*r etwas damit anfangen könne. „Die Menschen sollen ihren Alltag in Bezug auf Finanzen gut bewältigen können. Jeder sollte sich mit seinem Geld auseinandersetzen und Klarheit über die eigenen Finanzen haben.“

Eine Rolle in der Finanzbildung spielten auch Verbraucherrechte. „Viele Leute kennen das Widerrufsrecht gar nicht. Dabei ist es bei Kaufentscheidungen, die unbedacht getroffen wurden, sehr hilfreich.“ Die Menschen sollten lernen, die Verbraucherrechte für sich zu nutzen. Gerade für Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können, sei das Thema Finanzen extrem herausfordernd.

blaues Sparschwein, in das ein Zwei-Euro-Stück geworfen wird

Alltagsnahe Beispiele für effizientes Haushalten

„Ich möchte die Menschen erreichen, bevor sie sich verschulden.“ Doch wie kommt es überhaupt zu Überschuldungen? „Häufig fehlt einfach das Geld auf der Einnahmeseite.“ Gerade bei Menschen mit Bürgergeld oder geringer Rente sei es schwierig zu haushalten.

Auch die Verlockungen von Ratenkäufen seien tückisch – gerade für Jugendliche. Hier sei es wichtig, Aufklärung zu leisten und die Konsequenzen deutlich zu machen. Denn bei Ratenkäufen treffe ich eine Entscheidung für meine Zukunft, ohne zu wissen, wie diese aussieht. Das könne problematisch sein. „Aber manchen Menschen fällt es schwer, es einfach auszuhalten, dass man sich etwas nicht leisten kann.“

Generell möchte die Finanzexpertin den Menschen beibringen, effizient zu haushalten und zeigt ihnen auch konkrete Möglichkeiten auf, dies mit begrenzten Ressourcen zu tun. Die Grundfrage sei: Wie kann ich Einnahmen erhöhen und wo kann ich Ausgaben reduzieren. Gerade bei den Ausgaben könne man ganz kreativ werden und sollte offen für Neues sein: Was kann ich gebraucht kaufen statt neu? Welche ungenutzten Gegenstände aus meinem Haushalt kann ich wiederum verkaufen? Wie kann ich meine Nebenkosten senken? „Ich gestalte das immer so alltagsnah wie möglich. Wenn es zu theoretisch ist, erreiche ich die Leute nicht.“