Erste Stunde Gaming- Wie Grundschüler*innen am Kottbusser Tor zur Spielejury werden

Frau Kasparick zeigt den sechs Schüler*innen am Gruppenarbeitstisch die Bedienung der Tablets

„Heute dürft ihr die Noten verteilen!“ Unter diesem Motto tauschten am 7. November die Schüler*innen einer vierten Klasse aus Friedrichshain die Rollen. Statt der Lehrkräfte vergaben diesmal die Kinder selbst Noten – und zwar nicht für Diktate oder Aufsätze, sondern für digitale Spiele. Im Rahmen des Deutschen Kindersoftwarepreises TOMMI, auch bekannt als Tommi-Test Award, hat die Mittelpunktbibliothek am Kottbusser Tor auch in diesem Jahr wieder verschiedene Berliner Schulen aus Friedrichshain-Kreuzberg eingeladen, die Jury zu bilden.

Frau Kasparick zeigt den Schüler*innen verschiedene Konsolenspiele

Der TOMMI: Kinder entscheiden über die besten Spiele

Der Preis zeichnet seit 2002 digitale Angebote für Kinder aus – von PC- und Konsolenspielen über Apps bis hin zu elektronischem Spielzeug oder Lernsoftware. Eine Fachjury aus Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Pädagog*innen nominiert geeignete Titel, doch über die Gewinner*innen entscheiden am Ende die Kinder selbst. In über 40 öffentlichen Bibliotheken in ganz Deutschland testen sie die Spiele, tauschen sich aus und vergeben ihre Wertungen. Auch Berlin ist Teil des Projekts: Hier beteiligen sich die Mittelpunktbibliothek in der Adalbertstraße und die Anna-Seghers-Bibliothek in Lichtenberg. In Kreuzberg selbst testen rund fünfzehn Schulklassen Spiele in den Kategorien Konsolen-/PC-Spiele, Apps, Bildung und elektronisches Spielzeug.
Am Freitagmorgen ist die Aufregung groß: Die Klasse 4b der Modersohn-Grundschule ist in der Mittelpunktbibliothek zu Gast. Auch die Kinder- und Jugendbibliothekarin Lydia Kasparick und ihr Team begrüßen die Kinder herzlich. Bevor es losgeht, sprechen sie mit den Kindern erstmal über ihre Erfahrungen mit Spielen an PC, Konsole oder Handy.
Auf die Frage, wer denn überhaupt eine Konsole oder einen PC zum Spielen zu Hause hat, melden sich viele der Schüler*innen. Dass sie aber heute die Auswahl zwischen so vielen verschiedenen Konsolen, Apps und auch elektronischen Spielgeräten haben, ist für alle etwas Besonderes. „So viel Verschiedenes habe ich zu Hause nicht“, erklärt eine Schülerin.
Auch das Thema Bildschirmzeit – in vielen Familien wohl ein heiß diskutiertes Thema – wird besprochen. „Meistens darf ich am Tag 30 Minuten spielen, an besonderen Tagen vielleicht auch mal länger“, berichtet ein Schüler. Heute haben die Schüler*innen insgesamt zwei Stunden Zeit sich durch die verschiedenen Spiele zu testen und natürlich kritisch zu bewerten.

Vier Schüler spielen an der Station zum elektronischen Spielzeug

Jetzt wird getestet!

Nach der Einführung soll es dann endlich losgehen. Schnell finden sich die Kinder in sechsköpfigen Gruppen zusammen und teilen sich auf die verschiedenen Stationen auf.
Bei der Kategorie Bildung stöhnen viele zunächst laut auf und sind dann doch überrascht, wie spannend digitales Lernen sein kann. Mit dem Bären Rascal geht es in „Rascal’s Escape – Frechdachs auf Reisen“ quer durch Europa, im Spiel „Lazuli“ wird das Einmaleins zum Abenteuer und Chip-Schach vermittelt die Grundregeln des Schachs auf spielerische Weise. Schnell wird klar: BilduDie Kinder nehmen ihre Aufgabe als Jury sehr ernst und halten ihr Feedback für jedes Spiel auf kleinen Zetteln fest, die anschließend vom Bibliotheksteam eingesammelt werden. „Bei diesem Spiel fand ich die Steuerung etwas zu schwierig, aber als ich es dann verstanden habe, hat es viel Spaß gemacht“, bemerkt eine Schülerin zum Spiel „Projected Dreams“. In diesem Spiel wird das Kinderzimmer in eine Bühne für Schattenrätsel verwandelt. Aus Spielzeugen entstehen Silhouetten, die verblasste Erinnerungsfotos nachzeichnen. Jedes Kapitel bringt neue Mechaniken – etwa zwei Lichtquellen, Kleben, Vergrößern/Verkleinern oder Unsichtbarschalten – und belohnt kreative Lösungen ohne Zeitdruck. Spiele wie „Projected Dreams“ zeigen, dass PC- und Videospiele weit mehr sein können als bloßer Zeitvertreib: Sie fördern räumliches Vorstellungsvermögen, Problemlösefähigkeit und Feinmotorik.
Selbst zum Kunstexperten kann man sich ausbilden lassen: Im Spiel „Der gewaltige Nieser“ müssen sich die Kinder auf die Suche nach verschwundenen Bildern der Caspar-David-Friedrich-Ausstellung machen, nachdem der Chef der Ausstellung mit einem kräftigen Nieser die kompletten Werke durcheinandergewirbelt hat.
Auch Perspektivwechsel ist gefragt. An der Station Elektronisches Spielzeug sollen sich die Kinder etwa um den kleinen Affen Mango kümmern, ihn füttern und wiegen. „Meinen kleinen Geschwistern würde das total gefallen, mir gefällt aber Flipside besser“, meint ein Schüler. Bei „Flipside“, einem Geschicklichkeitsspiel, müssen – ähnlich wie beim altbekannten Zauberwürfel – Farben und Blöcke so schnell wie möglich zugeordnet werden. „Gar nicht so einfach“, bemerken die Kinder, aber mit ein wenig Übung gelingt es den meisten auch hier schnell die Farben richtig anzuordnen.
ng kann auch Spaß machen.

Vier Schüler*innen spielen an der Konsole Mario Kart

Klassiker mit Spaßgarantie

Ein Konsolenklassiker zieht aber damals wie heute alle Kinder, und wahrscheinlich auch einige Erwachsene, magisch an: Mario Kart. Beim Spieleklassiker von Nintendo messen sich die Schüler*innen der Modersohn-Grundschule in waghalsigen Rennen durch kreativ animierte Landschaften. Freudenschreie hallen durch die Bibliothek, wenn es gelingt, den Gegner mit einem Schildkrötenpanzer von der Bahn zu drängen oder in letzter Sekunde als Erste*r die Ziellinie zu überqueren.
Nach etwa zwei Stunden, vielen neuen Eindrücken und zahlreichen ausgefüllten Feedbackbögen sind sich alle Schüler*innen einig: „Das hat ziemlich viel Spaß gemacht!“ Auch wenn viele am liebsten noch länger geblieben wären. Einen Favoriten zu bestimmen ist vielen gar nicht so leicht gefallen, dafür war das Angebot einfach zu groß.
Wer wissen will, wie die Kinderjury entschieden hat, schaltet am besten am 14. Dezember um 20 Uhr beim KiKA-Medienmagazin Team Timster ein – dort wird die große Preisverleihung übertragen.
Und wer Lust hat, einige der nominierten Spiele selbst zu testen: Viele der Spiele sind in den Höusern der Stadtbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg ausleihbar oder können direkt vor Ort gespielt werden. „Am besten einfach mal vorbeischauen, man findet hier immer etwas Neues“, bestätigt das Bibliotheksteam der Mittelpunktbibliothek.