202. Kiezspaziergang

Von der Sammlung Scharf-Gerstenberg bis zur Kirche Sankt Canisius

Mit Bezirksbürgermeister Naumann

Bildvergrößerung: 202. Kiezspaziergang Kartenzkizze
202. Kiezspaziergang Kartenzkizze
Bild: BA CW, ML

Treffpunkt: Platz vor der Sammlung Scharf-Gerstenberg
Länge : ca. 1,7 km

Herzlich willkommen zu unserem 202. Kiezspaziergang durch die Charlottenburger Altstadt. Als erstes möchte ich ganz herzlich unsere Kulmbacher Gäste begrüßen, die uns heute auf unserem Kiezspaziergang begleiten werden. Herzlich willkommen in unserer Runde! Dann begrüße ich ganz herzlich Frau Dr. Zacharias, die künstlerische Direktorin der Sammlung Scharf-Gerstenberg, die uns gleich diese einzigartige Sammlung vorstellen wird. Wir werden heute die Schloßstraße mit den zahlreichen Baudenkmalen erkunden. Dann gehen wir über den Sophie-Charlotte-Platz zum ehemaligen Reichskriegsgericht am Witzlebenplatz. Der Kiezspaziergang endet in der katholischen Kirche St. Canisius, wo uns Pfarrer Hösl empfangen wird.

Doch bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen Datum und Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs mitteilen. Wir treffen uns am Samstag, den 10.11.2018, um 14 Uhr am Parkplatz der BVG an der Hertzallee. Neben dem Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938 werden uns dieses Jahr aber auch die Novemberrevolution von 1918 und die Einführung des Frauenwahlrechts beschäftigen. Von dort gehen wir zum Hardenbergplatz, wo uns Herr Nebel von der Stadtmission die baulichen Veränderungen in der Bahnhofsmission erläutern wird, danach durch die Jebensstraße zur C/O Galerie und zur Synagoge in der Fasanenstraße. Der Kiezspaziergang endet am Kurfürstendamm am Maison de France.

Station 1: Schloßstraße 70

Station 1.1: Sammlung Scharf-Gerstenberg
Sie erinnern sich sicher noch an den Kiezspaziergang im April diesen Jahres mit meiner Kollegin Schmitt-Schmelz, bei dem Sie die Villa Gerstenberg und die Villa Scharf gesehen haben, in denen die Sammler zu ihren Lebzeiten wohnten. Walter und Dieter Scharf waren die beiden Enkel von Otto Gerstenberg, der vermögender Versicherungsunternehmer war und es unter anderem in Kunst investierte. Diese Leidenschaft führte Dieter Scharf fort und vermachte dann die Sammlung als Leihgabe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Daher sind wir hier in der City West nun in der glücklichen Lage, diese Sammlung hier im östlichen Stülerbau bewundern zu können. Was ist denn nun das Besondere an dieser Sammlung, Frau Dr. Zacharias?

Gegenüber befindet sich auch das Berggruen-Museum, können Sie uns dazu kurz etwas sagen?

Vielen Dank, Frau Dr. Zacharias!

Sammlung Scharf-Gerstenberg
Sammlung Scharf-Gerstenberg
Bild: BA-CW,ML

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg und das Museum Berggruen sind in den beiden sogenannten Stüler-Bauten untergebracht. Sie wurden 1855 bis 1859 im Auftrag Friedrich Wilhelms IV. von Friedrich August Stüler für ein Schwadron der königlichen Leibwache, die Garde du Corps, gebaut, das seit 1740 in Charlottenburg stationiert war. Im östlichen Bau war von 1967 bis 2005 das Ägyptische Museum untergebracht. Ich vermisse Nofretete noch heute.

Links neben dem Berggruen-Museum befindet sich das Bröhan-Museum. Das Gebäude wurde 1892 bis 1893 von dem Architekten Kahl als Mannschaftsgebäude und Offizierswohnhaus für die königliche Leibwache errichtet. 1929 baute Alfred Richter das Haus zum Polizei-Institut um und 1983 zog das Bröhan-Museum ein. Es ist heute das Landesmuseum für Jugendstil, Art-Déco und Funktionalismus. Hervorgegangen ist das Museum aus der Privatsammlung Karl H. Bröhans, der sie Anfang der 80er-Jahre dem Land Berlin schenkte. Die Sammlung enthält Gemälde der Berliner Sezession, Industriedesign, Kunsthandwerk und Möbel. Das Bröhan-Museum zeigt immer wieder interessante Sonderausstellungen. Im Hof des Bröhan-Museum befindet sich der nach der Ehefrau von Heinz Begrgruen benannte Bettina-Berggruen-Garten. Dort stehen auch die zwei Skulpturen United Enemies von Thomas Schütte, die er 2011 geschaffen hat.

In der Schloßstraße 69 neben der Sammlung Scharf-Gerstenberg war bis zum Umzug 2012 in die Villa Oppenheim das damalige Heimatmuseum, jetzt Museum Charlottenburg-Wilmersdorf untergebracht.

Wir gehen nun auf den Mittelstreifen.

Station 2: Schloßstraße

Station 2.1: Schloßstraße
Zur Herkunft des Namens der Schloßstraße brauchen wir natürlich nichts zu sagen, da der Name sich selbst erklärt. Wie wir beim letzten Kiezspaziergang erfahren haben, werden Straßen häufig nach ihrem Zielort benannt, das heißt die Schloßstraße ist die Straße, die auf das Schloss zuläuft. Sie wurde bereits 1698 im Zusammenhang mit dem Bau des Schlosses als senkrechte, barocke Sichtachse und als Wohnstraße für Schlossbedienstete und für das Militär angelegt und hieß zunächst Große Allee. Sie ist einen Kilometer lang und 70 Meter breit. Eine Bedeutung für den Verkehr hat sie erst im 19. Jahrhundert erlangt, denn sie endete zunächst im sogenannten Nassen Dreieck auf der Höhe der heutigen Zillestraße und Knobelsdorffstraße. Zum Schloss gelangte man damals über die Berliner Straße (heute: Otto-Suhr-Allee und Spandauer Damm).

Die Schloßstraße hat eine spannende Geschichte. Vom Schloss und der Schloßstraße ausgehend entwickelte sich die Altstadt Charlottenburg. Die Mittelbauten des Schlosses errichteten die Baumeister Nehring, Grünberg und Eosander im Barockstil von 1695 bis 1712. Danach wurde aber weitergebaut: Knobelsdorff errichtete von 1740 bis 1742 Anbauten im Spätbarock und Rokokostil, Langhans von 1788 bis 1791 im Frühklassizismus und 1825 kam noch der klassizistische Schinkel-Pavillon hinzu.

Schloßstraße, Schloss Charlottenburg
Schloss Charlottenburg
Bild: BA-CW,ML

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss Charlottenburg ebenso stark zerstört wie das Berliner Stadtschloss. Dass das Schloss Charlottenburg nicht abgerissen, sondern wieder aufgebaut wurde, haben wir vor allem einer Frau zu verdanken: Margarete Kühn. Die Kunsthistorikerin lebte von 1902 bis 1995. Sie hat als erste Direktorin der Berliner Schlösserverwaltung nach 1945 wie eine Löwin für den Wiederaufbau der Ruine des Schlosses Charlottenburg gekämpft und ihn schließlich durchgesetzt.

Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen von 1840 bis 1861, war die Straße zu schlicht, und er ließ den Mittelstreifen mit den Linden und Blumenrabatten anlegen. Nun begann eine architektonische Erneuerung der Straße, die Villen und Häuser wurden durch repräsentativere Bauten mit Vorgärten ersetzt. Dazu gleich mehr.

In der Mitte der Schloßstraße steht seit 1901 das Bronzestandbild des Prinzen Albrecht von Preußen, der von 1809 bis1872 gelebt hat. Er war der jüngste Bruder Kaiser Wilhelms I. und ist hier als Reitergeneral dargestellt. Die Reliefs an den Seiten zeigen Kampfszenen aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, an dem Albrecht teilgenommen hatte. Das Denkmal wurde von dem Bildhauer Eugen Boermel und dem Maler Conrad Freyberg geschaffen. Dieser ist als Regimentskamerad Prinz Albrechts auf dem östlichen Sockelrelief selbst dargestellt.

Wir gehen nun ein paar Schritte weiter bis zur nächsten Wegkreuzung gegenüber der Hausnummer 2 und 67

Station 3: Mittelstreifen / Höhe Schloßstraße 2 und Schloßstraße 67

Station 3.1: Schloßstraße 2 / Erstes Rathaus von Charlottenburg
Neben dem Bröhan-Museum in der Schloßstraße 2 steht seit 1969 ein Wohnkomplex für Senioren und Seniorinnen mit 93 Wohneinheiten, das von dem Architekten Heiner Moldenschardt entworfen wurde. Viel wichtiger für die Geschichte unserer Stadt ist aber, dass dort das erste Rathaus von Charlottenburg stand. Herr Still, der im Moment unter anderem zur Geschichte unseres Verwaltungsinformationszentrums, der ehemaligen Magistratsbibliothek, forscht, wird Ihnen jetzt davon erzählen.

Vielen Dank, Herr Still!

Station 3.2: Schloßstraße 67
Das für den Ziegeleibesitzer Reinicke erbaute Wohnhaus ist als spätklassizistischer Putzbau der Schinkelschule ein typisches Beispiel für den Villenbau in der Gründerzeit. Sie sehen über der Eingangstür noch die Initialien von A. Reinicke. Baumeister der Villa war Georg Töbelmann. Die Villa wurde 1873/74 gebaut und steht unter Denkmalschutz. Sie hatte ursprünglich zwei Neun-Zimmer-Wohnungen, die nach 1930 aufgeteilt und einzeln vermietet wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde der schmiedeeiserne Gartenzaun abmontiert und eingeschmolzen.

Erst 1986, zur Vorbereitung der 750-Jahr-Feier Berlins, wurden die Vorgärten in der Schloßstraße durch die Gartendenkmalpflege wieder hergestellt. Die Vorgärten gehen bis auf das Jahr 1774 zurück. Damals dienten sie allerdings nicht als Ziergärten, sondern waren mit Obstbäumen und Gemüse bepflanzt, um die Selbstversorgung der Bewohner*innen sicherzustellen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den Vorgärten Gemüse angebaut, und es entstand ein „lebhafter Straßenhandel mit Verkaufsständen für zahlreiche Erzeugnisse des täglichen Bedarfs“.

Links nebenan in der Hausnummer 67a/68 stand ehemals die älteste Schankwirtschaft Charlottenburgs des Zinngießers Peter Sauerwaldts.

Wir gehen nun weiter, bis wir auf der Höhe der Häuser 4a und 5 sind.

Station 4 : Schloßstraße 4 und 6

In der Schloßstraße 4 und 6 befanden sich die Häuser der berühmten „Kammertürken“ Aly und Hassan. Sie kennen vielleicht den bekannten Schriftsteller und Journalisten Götz Aly. Er ist einer der Nachkommen. Die beiden Kammertürken waren sozusagen die ersten türkischen Bewohner der Stadt. Sie kamen allerdings nicht als „Gastarbeiter“ nach Charlottenburg, sondern waren „Kriegsbeute“ der preußischen Armee. Diese hatten sie während der sogenannten Türkenkriege gegen das osmanische Heer im 17. Jahrhundert auf dem Balkan gefangen genommen. Beide gehörten zum Hofstaat von Sophie Charlotte und kamen wahrscheinlich mit ihr 1684 aus Hannover an die Spree. Ich zitiere aus den Historischen Heften zum Kiez am Klausenerplatz von Harald Marpe:

In einem späteren Brief Hassans heißt es nämlich, daß er der letzte sei, die damals von Hannover nach Berlin gekommen seien. Ob Aly und Hassan überhaupt Türken waren, ist ungeklärt. Denkbar ist auch, daß sie in irgendeinem Teil des Osmanischen Reiches rekrutiert worden waren, in Marokko, dem Irak oder in Bosnien.

Die Berliner Gedenktafel für den Kammertürken Hassan wurde 1987 enthüllt. Darauf steht:

Hier befand sich bis zu seiner Zerstörung
im 2. Weltkrieg das ehemalige
FREIHAUS des KAMMERTÜRKEN HASSAN
das von 1855 bis 1857 dem Bildhauer
Christian Daniel Rauch
(2.11.1777 – 3.12.1857)
als Sommerhaus diente.

Aly und Hassan wohnten mit ihren Familien ab 1704 in den Häusern, die beide nicht mehr stehen. Das heutige Haus in der Schloßstraße 4 stammt aus dem Jahr 1961. Das Haus Nr. 4a wurde von dem Maurermeister Hermann Keim gebaut. Im Hof befand sich in den 20er- und 30er-Jahren eine Likörfabrik und eine Automobil- und Fahrradfabrik. Auf den Fundamenten von Haus Nr. 6 wurde nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg 1951 eine Kapelle für die Adventisten-Gemeinde errichtet.

Wir gehen nun weiter bis zur Ecke Otto-Grüneberg-Weg.

Station 5: Schloßstraße 56 / Ecke Otto-Grüneberg-Weg

Station 5.1: Otto-Grüneberg-Weg
Der Weg wurde 1989 nach Otto Grüneberg benannt. Er wurde 1908 in Charlottenburg geboren und wurde am 1.2.1931 von Nazis getötet. Er war Mitglied der Roten Jungfront und engagierte sich in der Häuserschutzstaffel des Zille-Kiezes zur Abwehr des SA-Terrors.

Station 5.2: Schloßstraße 56 / Carl-Schuhmann-Hallen
Die zwei übereinander angeordneten Turnhallen wurden 1987/88 von Inken und Hinrich Baller errichtet. Sie lösten die anfangs für unmöglich gehaltene Aufgabe, auf dem verhältnismäßig kleinen Grundstück eine Doppelturnhalle unterzubringen, indem sie die Hallen übereinander bauten. Auf diese Weise entstand ein aufgeständerter Stahlbetonbau. Im ersten Obergeschoss sind eine Halle in der Größe eines Handballfeldes und darüber eine weitere Halle, die olympischen Normen entspricht. Bei der oberen Halle kann man von innen die Dachkonstruktion gut erkennen, ein Tonnengewölbe. Statt der in Turnhallen sonst üblichen monströsen Lüftungsanlagen und Deckenkonstruktionen gibt es feine stählerne Spannglieder und Aufhängungen für die Sportgeräte. Die verglaste Fassade fügt sich aufgrund der Querverstrebungen, die die Sporthalle von außen scheinbar in fünf Geschosse unterteilen, in die Wohnhausarchitektur der Straße ein. Die Farben korrespondieren mit den Farben des Schlosses.

2016/2017 wurde im Rahmen der energetischen Sanierung die Beleuchtungsanlage durch eine neue und energiesparende LED-Beleuchtung mit einem Lichtmanagement ersetzt. Durch die Sanierung können in 20 Jahren 311 t CO2 eingespart werden. Die errechneten jährlichen Stromeinsparungen durch die Beleuchtungssanierung werden auf fast 40.000 kWh/a geschätzt. Die Umrüstung kommt nicht nur dem Klima und der Umwelt zugute, sondern durch die optimierte Beleuchtungssituation auch den Nutzern der Hallen, das sind vor allem Schulen und Sportvereine.

Benannt ist die Sportstätte nach Carl Schuhmann. Schuhmann wurde 1869 geboren und starb 1946. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen gewann er eine Goldmedaille im Pferdesprung und war damit der erste deutsche Olympiasieger.

Vor den Hallen befindet sich eine Gedenktafel. Darauf steht:
Carl Schuhmann Hallen
12.5.1869 – 24.3.1946
Zur Erinnerung an den 1. deutschen Olympiasieger
mit 4 Siegen erfolgreichster Teilnehmer der
Spiele der 1. Olympiade 1896 in Athen
Medaillen
Ringen: Offene Klasse Pferdesprung: Einzel
Barren: Mannschaft Reck: Mannschaft

Die Gedenktafel wurde am 14.12.1996 angebracht. Am 6. August 2018 wurde zudem der Südtorweg, der zum Olympiastadion führt, nach Carl Schuhmann benannt.

In dem Vorgängerbau wohnte von 1913 bis 1928 der letzte Charlottenburger Oberbürgermeister Ernst Scholz. Dieser hatte lang, aber vergeblich Widerstand gegen die Eingemeindung der Stadt Charlottenburg nach Berlin geleistet.

Nun gehen wir bis zur Schloßstraße 18 und 19.

Station 6: Zwischen Schloßstraße 18 und 19

Station 6.1: Schloßstraße 18
Das Mietshaus in der Schloßstraße 18 wurde 1856 von G. Gauß und J.J. Meyer gebaut. 1908 kam der Balkon hinzu und ein Anbau. Hier wohnten unter anderem der königliche Tänzer Bollert, der Kaufmann Carl Friedrich Lehmann, der Kunst- und Handelsgärtner Ohse und der königliche Hoflieferant F. Siegmund. Die uns bekannte Jugendpädagogin Anna von Gierke ließ als Mitbesitzerin das Haus 1920 zum Jugendheim ausbauen. Nach 1937 war in dem Haus eine Ergänzungsstelle der Waffen-SS untergebracht.

Station 6.2: Schloßstraße 19 / Kinder- und Jugendclub Schloss 19
In dem Haus daneben befindet sich der Kinder- und Jugendclub Schloss 19. Er bietet Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 26 Jahren zahlreiche Möglichkeiten ihre Freizeit zu gestalten: Tanzen, Spielen, Chatten, Surfen, Quatschen, alles, wozu sie Lust haben. Es werden auch Räume für politische und soziale Initiativen angeboten. Zudem gibt es einen Garten. Träger des Kinder- & Jugendzentrum Schloss19 ist der Jugendverband SJ – Die Falken LV Berlin, welcher offene Kinder- und Jugendarbeit und ehrenamtliche und selbst organisierte Kinder- und Jugendverbandsarbeit verbindet. Kooperationspartner ist der Deutsche Gewerkschaftsbund mit der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg. Der Club ist außer am Sonntag jeden Tag geöffnet.

Station 7: Schloßstraße 22

Station 7.1: Schloßstraße 20, 22 und 23
Die fünfgeschossigen Häuser entstanden von 1891 bis 1893. Im Haus Nummer 22 wohnten 1898 28 Mietparteien vom Straßenfeger bis zum Töpfermeister, der sogar schon ein Telefon besaß.

Station 7.2: Schloßstraße 22 / Gedenktafel Otto Grüneberg
Otto Grüneberg, den wir ja schon vorhin am Otto-Grüneberg-Weg kennengelernt haben, wohnte mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern hier in einer der Parterre-Wohnungen mit Stube und Küche im zweiten Quergebäude. Am Abend des 1. Februar 1931 kam es an der Ecke Schloßstraße und Hebbelstraße zu einem Zusammenstoß mit der SA. Grüneberg wurde dabei von Schüssen getroffen, an deren Folgen er zwei Stunden später im Lokal Wacher im Vorderhaus seines Wohngebäudes starb. Heute ist hier die Kastanie. Die Gedenktafel erinnert an diesen Mord mit folgendem Text:
HIER WURDE AM 1.FEBRUAR 1931
DER ANTIFASCHIST
OTTO GRÜNEBERG
GEBOREN AM 7. FEBRAUR 1908
VOM SA-STURM 33 ERMORDET.

Station 8: Knobelsdorffstraße 1 / Ecke Schloßstraße

Station 8.1: Schloßstraße / Mittelinsel
1891 wurde die ovalförmige Mittelinsel angelegt, sie sollte den Fußgängern und Fußgängerinnen als [ich zitiere] „mit einer Laterne zu versehenden Zufluchtsraum“ die sichere Überquerung der Schloßstraße an dieser Stelle ermöglichen. Aus der „Laterne“ wurde ein riesiger Kandelaber.

Station 8.2: Schloßstraße / Nasses Dreieck
Auf dieser Höhe befindet sich zwischen Zillestraße, Fritschestraße und Hebbelstraße das so genannte Nasse Dreieck. Es zieht sich entlang des zugeschütteten Schwarzen Grabens oder Lietzengrabens, einer eiszeitlichen Schmelzwasserrinne. Dort lagen die Karpfenteiche von König Friedrich I. Mit der Zeit verlandeten die Teiche. Durch den sumpfigen Untergrund war aber keine Bebauung möglich. Ich zitiere nun aus dem Buch von Herbert May Einst als Zierde der Residenz:
Um 1900 bemühte sich auch die Stadt Charlottenburg um den Erwerb des Nassen Dreiecks, mit dem Ziel, den städtebaulichen Schandflecken „mit Rücksicht auf die vorbeiführende schöne Schloßstraße und die Nähe des Schlosses … in einen würdigen Zustand zu versetzen.“ Eine Bebauung des morastigen Geländes sah der Magistrat als „auf absehbare Zeit ausgeschlossen“ an, allenfalls „nach 50 bis 80 Jahren“ sei der Boden durch Erdaufschüttungen so gefestigt, daß man eine Bebauung wagen könne. Nach den Vorstellungen des Magistrats sollte auf dem Gelände eine Baumschule oder eine Garten- oder Parkanlage entstehen. Auch ein „Platz für Jugendspiele“ oder mit gärtnerischen Anlagen versehene Lagerplätze waren im Gespräch. […]

Doch es kam anders [ich zitiere weiter]:

Es kommt einer Kapitulation der kommunalen Stadtplaner gegenüber der privaten Grund- und Bodenspekulation gleich, wenn nur vier Jahre, nachdem der Magistrat eine Bebauung der Karpfenteichwiese [= Nasses Dreieck, ML] ausgeschlossen hatte, die Bautätigkeit [dort] einsetzte.

Zu den Grundbesitzern im Nassen Dreieck gehörte auch Alfred Schrobsdorff, der die Grundstücke wohlweislich kurz vor Baubeginn verkaufte und sie dann als Architekt mit fünfgeschossigen Mietshäusern bebaute. Bereits wenige Jahre nach dem Bau zeigten sich die ersten Risse. 1911 ging das erste Haus zu Bruch. 1928 musste das Haus Hebbelstraße 17 wegen Einsturzgefahr geräumt werden. Nur während der Bombardierung der Stadt hatten diese Häuser einen Vorteil, denn [ich zitiere] sie schwangen elastisch auf ihrem moorigen Baugrund und wurden kaum zerstört. Mitte der 1950er-Jahre mussten dann die ersten vom Einsturz bedrohte Seitenflügel und Quergebäude abgerissen werden. Schließlich führte der Bau der U-Bahnlinie 7 und die damit verbundene Absenkung des Grundwassers 1972 zur Räumung und zum Abriss der noch existierenden Häuser auf dem Nassen Dreieck, insgesamt waren 28 Häuser mit 460 Wohnungen betroffen. Im Sommer 1983 bauten die geräumten Hausbesetzer aus der Danckelmannstraße und Sophie-Charlotten-Straße hier eine Zeltstadt, die sie Chaotenburg nannten. Nach zwei Wochen verließen sie das Nasse Dreieck freiwillig.

An dem problematischen Untergrund lag es auch, dass dieser Abschnitt der Schloßstraße lange zwischen Kaiserdamm und Zillestraße gepflastert blieb. 1992 allerdings hat der damalige Bezirk Charlottenburg den Umbau der Straße in der Investitionsplanung des Landes Berlin angemeldet. Es hat 11 Jahre gedauert, bis er möglich wurde. 2003 schließlich wurde auch dieser Abschnitt mit einer Bitumendecke versehen – vor allem um die Lärmbelästigung für die Anwohner zu verringern. Auch der Fußgängerüberweg mit Zebrastreifen und der Radfahrstreifen auf der Straße durchgehend bis zum Spandauer Damm wurden im Zuge dieser Baumaßnahme angelegt.

Station 8.3: Schloßstraße 45-47
Wir sind eben eine Zeit lang an dem Haus Nr. 45 – 47 vorbeigegangen. Dieses wurde 1987 am nord-westlichen Ende des Nassen Dreiecks im Auftrag des Bezirksamtes Charlottenburg errichtet. Unschwer zu erkennen ist, dass es ebenfalls von Inken und Hinrich Baller stammt. Es hat sieben Geschosse. Zudem befindet sich eine Kindertagesstätte in dem Bau. Wegen des Nassen Dreiecks steht das Haus teilweise auf 30 m tiefen Pfählen. Es ist ein Projekt des Sozialen Wohnungsbaus und damit ein deutlich sichtbarer Beweis dafür, dass auch im Sozialen Wohnungsbau anspruchsvolle Architektur möglich ist.

Station 9: Zwischen Schloßstraße 27 a und 27 b

Station 9.1: Schloßstraße 26-27 / Seniorenwohnheim
Hier stand von 1890 bis 1945 die Siemens-Oberrealschule – eine für jene Zeit moderne Schule mit vorbildlicher Technik, mit kleinen Klassen, einer großen Turnhalle und einem eigenen botanischen Garten. Die Schule wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nach dem Krieg baute man dann an ihrer Stelle dieses Seniorenwohnheim. Der Bilderzyklus an der Erdgeschoss-Außenwand wurde 1980 bis 1983 von Paul Blankenburg in einer Gemeinschaftsarbeit mit jugendlichen Strafgefangenen der Jugendstrafanstalt Plötzensee geschaffen. Die dafür gegründete Künstlergruppe Plötzlich arbeitete über zwei Jahre nach Fotovorlagen an diesen Bildtafeln, mit denen sie versuchte, die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Zehnjahresabschnitten abzubilden. Jeweils ein Triptychon, also eine Gruppe von drei Bildern schildert ein Jahrzehnt. Von links nach rechts sind so die 20er-, 30er-, 40er-, 50er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre dargestellt. Die Schlussbilder ganz am Ende rechts zeigen die Begegnung der älteren Hausbewohner mit Jugendlichen der Künstlergruppe Plötzlich in Picknickszenen. 1994 wurde der Bilderzyklus von Schülerinnen und Schülern der Schlesien- (heute Oppenheim-) Oberschule restauriert.

Wir gehen nun durch die Gartenanlage des Sophie-Charlotte-Platzes und treffen uns kurz vor dem Kaiserdamm wieder.

Station 10: Sophie-Charlotte-Platz

Station 10.1: Sophie-Charlotte-Platz / Herkunft des Namens
Der Sophie-Charlotte-Platz wurde 1892 nach der preußischen Königin Sophie Charlotte benannt. Die 1668 in unserer Partnerstadt Bad Iburg geborene Sophie Charlotte starb bereits im Jahr 1705. König Friedrich I. erhob daraufhin die Siedlung um das Schloss zur Stadt und nannte diese nach ihr Charlottenburg. Der Platz wurde 1910 als Blockplatz mit Rasen, Rabatten, Hecken und Bäumen angelegt.

Auf der anderen Seite des Kaiserdamms sehen wir ein interessantes Wohnhaus.

Station 10.2: Kaiserdamm 118 / Wohnhaus
Das mehrgeschossige Mietshaus wurde 1907/08 von Hermann Heider im Stil der Neorenaissance gebaut. Es hat eine kolossale Giebelfront und eine mit Mosaiken verzierte Ladenzone. Über dem Eingangsportal befindet sich auf mächtigen figürlichen Konsolen ein Erker. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zogen Offiziere der Roten Armee in die bis zu 400 m² großen Wohnungen. Das Haus steht unter Denkmalschutz und wurde 1990 restauriert.

Wir überqueren nun den Kaiserdamm und treffen uns wieder an der Ecke Witzlebenstraße.

Station 11: Kaiserdamm / Ecke Witzlebenstraße

Station 11.1: Kaiserdamm 1 / Polizeipräsidium
Dieses Haus wurde 1906 bis 1910 von Oskar Launer und Kloeppel im neobarocken Stil für das damalige Polizeipräsidium Charlottenburg gebaut. Die Barockfassade soll die Vorübergehenden beeindrucken. Nach der Eingemeindung Charlottenburgs 1920 wurde hier die Kriminalpolizei untergebracht, und in den 20er-Jahren war dies der Sitz des Berliner Vizepolizeipräsidenten und Chefs der Kriminalpolizei Bernhard Weiß. Nach dem Abitur im Jahr 1900 studierte Bernhard Weiß Rechtswissenschaften in Berlin, München, Freiburg und Würzburg und schloss das Studium mit der Promotion ab. Im Sommer 1918 wurde er als Stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei in Berlin in den Polizeidienst aufgenommen, 1925 wurde er Chef der Kriminalpolizei und 1927 Vizepolizeipräsident. Weiß, der Mitglied der DDP war, griff als Beamter der Republik gegen Rechtsbrüche systematisch durch. Er wurde Opfer regelmäßiger Diffamierungskampagnen der aufkommenden NSDAP unter dem Berliner Gauleiter Joseph Goebbels, der Weiß wegen seiner jüdischen Herkunft stets als “Isidor Weiß” bezeichnete. Besonders in Goebbels Hetzpostille Der Angriff war Weiß ständig Gegenstand antisemitisch motivierter Diffamierungen in Texten und Karikaturen. Mit Weiß hatte Goebbels einen Feind gefunden, der seiner Nazi-Ideologie entsprach: ein Bürger jüdischer Herkunft und Repräsentant der Republik, im Nazijargon “Vertreter des Systems”. Weiß führte gegen Goebbels mehr als 60 erfolgreich verlaufende Prozesse. Als Vizepolizeipräsident bekämpfte Weiß die SA-Truppen und gleichermaßen die Kampfformationen der Kommunisten, die der Weimarer Republik ebenfalls feindselig gegenüberstanden. In der Berliner Bevölkerung und in der Polizei war Weiß sehr populär und geachtet. Nach dem “Preußenschlag” Papens 1932 verlor Weiß – wie die gesamte Regierung Preußens – sein Amt. Nach kurzer Haft wurde er freigelassen und lebte bis zum März 1933 in Berlin. Als die Nazis ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatten, ermöglichten ihm Kollegen die Flucht. Weiß floh 1933 über Prag nach London, wo er 1951 kurz nach der Wiedererlangung seiner deutschen Staatsbürgerschaft im Alter von 70 Jahren starb.

Das Haus steht unter Denkmalschutz. Heute ist hier der Abschnitt 24 und einige Polizeispezialdienststellen des LKA untergebracht.

Noch ein paar Worte zu der Herkunft der Straßennamen.

Station 11.2: Kaiserdamm / Herkunft des Namens
Der Kaiserdamm war um die Jahrhundertwende noch ein unbefestigter Weg. Von 1904 bis 1906 wurde daraus eine breite Prachtstraße. Die Allee erhielt ihren Namen nach dem Kaiser Wilhelm II. 1908 wurde die U-Bahnlinie fertiggestellt, welche vom Knie (heute: Ernst-Reuter-Platz) zum Reichskanzlerplatz (heute: Theodor-Heuss-Platz) führte. So entstanden unter dem Kaiserdamm die Bahnhöfe Kaiserdamm und Sophie-Charlotte-Platz. Im Zuge der nationalsozialistischen Baumaßnahmen in Berlin versah Albert Speer den Kaiserdamm als Teil der neuen Ost-West-Achse mit seinen Doppelstraßenleuchtern.

Station 11.3: Witzlebenstraße / Herkunft des Namens
Die Witzlebenstraße wurde bereits nach 1905 nach dem preußischen Staats- und Kriegsminister Job von Witzleben benannt. Dieser wurde 1783 in Halberstadt geboren und starb 1837 in Berlin. 1823 erhielt Witzleben vom König Friedrich Wilhelm III., mit dem er befreundet war, 20.000 Taler, mit denen er den Lietzensee und Umgebung kaufte und daraus einen Sommersitz samt öffentlichem Park schuf. 1827 erhielt er, zum Dank für sein Wirken, die Charlottenburger Ehrenbürgerrechte. Im Jahr 1840 veräußerte die Familie den Besitz. 1899 baute dort eine Terrain-Gesellschaft repräsentative Wohnhäuser, in deren Mitte seither der Lietzenseepark liegt.

Station 11.4: Kaiserdamm 117 / B&B Hotel Berlin Charlottenburg
Das Hotel wurde von dem Architekturbüro R.B. Budd für die Hotelkette B&B entworfen und gebaut. Es wurde im April 2018 eröffnet.

Wir gehen nun ein paar Schritte weiter und treffen uns wieder vor der Informationstafel zum früheren Reichskriegsgericht.

Station 12: Informationstafel vor dem Reichskriegsgericht

Informationstafel zum Reichskriegsgericht
Informationstafel zum Reichskriegsgericht
Bild: BA-CW,ML

Station 12.1: Witzlebenstraße 34/35 / Lietzensee-Grundschule
Das Gebäude wurde 1903/04 nach Plänen von Paul Bratring und Rudolf Walter für die 21. und 22. Gemeindeschule Charlottenburg gebaut.

Paul Bratring wurde am 7.12.1840 in Berlin geboren. Als Architekt hat er vor allem Schulen und andere kommunale Bauten in Charlottenburg errichtet, aber auch Teile von Industrieanlagen. Er legte 1874 seine Baumeisterprüfung an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg ab. Von 1881 bis 1905 war er als Magistratsmitglied Stadtbaurat in Charlottenburg. Am 12.12.1905 wurde er Geheimer Baurat und 1907 Stadtältester in Charlottenburg. Rudolf Walter wurde am 29.8.1864 als Sohn des Architekten Carl Walter in Stuttgart geboren. Nach dem Studium an der Technischen Hochschule Stuttgart arbeitete er im Büro seines Vaters. 1897 siedelte er nach Berlin um und wurde 1900 Stadtbauinspektor in Charlottenburg, 1914 Magistratsbaurat und 1926 Magistratsoberbaurat. Er starb am 7.4.1941 in Berlin.

Das Schulgebäude ist ein Mauerwerkbau, der mit orangeroten Ziegeln verblendet ist. Die schmückenden und gliedernden Teile sind aus Muschelkalk und Sandstein. Die Fassade ist zum Teil mit bildhauerischem Schmuck versehen. Mädchen und Jungen hatten damals separate Eingänge und eigene Bereiche im Haus. Sie wurden nicht zusammen unterrichtet.

Das im Zweiten Weltkrieg ausgebrannte Dachgeschoss wurde nach 1945 vereinfacht wieder hergestellt. Heute ist hier die Lietzensee-Grundschule untergebracht.

Lietzensee-Grundschule
Lietzensee-Grundschule
Bild: BA-CW,ML
In der Lietzensee-Grundschule gibt es 315 Kinder und 23 Lehrkräfte, die von 13 Erziehern und Erzieherinnen unterstützt werden. Die Lietzensee-Grundschule hat drei Züge. Die ersten und zweiten Klassen werden jahrgangsübergreifend zusammen unterrichtet. An besonderen Räumen gibt es die Aula mit einer Bühne, ein naturwissenschaftliches Kabinett und ein Computerraum. Mittags gibt es für alle Kinder, die das wollen, ein Mittagessen. Die Betreuung am Nachmittag wird von einem freien Träger wahrgenommen.

Station 12.2: Witzlebenstraße 4-5 / Ehemaliges Reichskriegsgericht
Das Haus wurde von 1908 bis 1910 von Heinrich Kayser und Karl von Großheim erbaut. Das Eckgrundstück ist bebaut mit zwei Baukörpern um drei Höfe. Es hat eine neobarocke Fassade mit klassizistischen Elementen aus Werkstein. Es gibt einen zweigeschossigen, weit zurückspringenden Trakt, mit den ehemaligen Repräsentationsräumen und der ehemaligen Präsidentenwohnung, das durch ein turmartiges Gelenkstück mit dem eigentlichen dreigeschossigen Gerichtsgebäude verbunden ist. Im Festsaal, der im westlichen Trakt untergebracht war, stand eine Marmorbüste von Friedrich Leopold von Kircheisen und 1820 von Christian Daniel Rauch geschaffen wurde.

In dem Gebäude waren von 1910 bis 1920 das Reichsmilitärgericht, von 1922 bis 1938/39 das Reichswirtschaftsgericht und von 1923 an zudem das Kartellgericht untergebracht. 1936 bezog dann das Reichskriegsgericht, der höchste Gerichtshof der NS-Wehrmachtsjustiz das Gebäude. 1943 zog das Gericht wegen der zunehmenden Luftangriffe nach Torgau um. Nach den Bombenangriffen im November 1943, die das Rathaus Charlottenburg schwer getroffen hatten, zog ein Teil des Bezirksamtes in die Räume. Ab 1951 war es der Dienstsitz des Kammergerichtes, das sich heute wieder am angestammten Ort am Kleistpark befindet. Bis zum Umzug nach Leipzig wurde es vom 5. Senat des Bundesgerichtshofes genutzt. Ab 1997 stand das bundeseigene Gebäude leer.

Im Juni 2005 kaufte ein niederländischer Privatinvestor das Gebäude. Es entstanden rund 100 luxuriöse Mietwohnungen mit einer Größe zwischen 40 und 200 m². Auch das Dachgeschoss wurde ausgebaut. Architekt war Gregor Fuchshuber.

Das Reichskriegsgericht war als höchster Gerichtshof der NS-Wehrmachtsjustiz zuständig für Hoch- und Landesverrat von Militärangehörigen, “Kriegsverrat” und Wehrdienstverweigerung aus religiösen Gründen. Mit Kriegsbeginn 1939 wurde seine Kompetenz erweitert um die Delikte Spionage, Wirtschaftssabotage und “Wehrkraftzersetzung”. Aus den Jahren 1939 bis 1945 sind mehr als 1400 Todesurteile aktenkundig, von denen mehr als 1000 vollstreckt wurden. Insgesamt haben NS-Kriegsgerichte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Todesurteile verhängt, von denen die meisten vollstreckt wurden. Zum Vergleich: Während des gesamten Ersten Weltkriegs hat die Militärjustiz des Kaiserreichs insgesamt 150 Todesurteile verhängt, von denen 48 vollstreckt wurden. Am bekanntesten wurden die Verfahren gegen die Widerstandsgruppe Rote Kapelle. Mehr als 50 Mitglieder der Gruppe wurden hier zum Tode verurteilt und in Plötzensee ermordet. Das Reichskriegsgericht war ein Instrument des Terrors des NS-Staates.

Von einigen Überlebenden und Angehörigen der Opfer wurde unmittelbar nach dem Krieg gefordert, die Richter des Reichskriegsgerichtes als Kriegsverbrecher anzuklagen. Das französische Tribunal Général ermittelte gegen sieben führende Richter, die eineinhalb Jahre in der Festung Rastatt in Untersuchungshaft zubringen mussten. Dabei erhängte sich der ehemalige Senatspräsident Walter Biron 1947 in seiner Zelle. 1948 wurde das Verfahren vor Prozesseröffnung eingestellt. Keiner der Richter wurde nach dem Krieg verurteilt. Zwischen 1998 und 2009 wurden die meisten Urteile des Reichskriegsgerichts für nichtig erklärt.

Mehrere Gedenktafeln erinnern an die Geschichte des Hauses:

Station 12.3: Informationstafel zum Reichskriegsgericht
1988 scheiterten die Bemühungen, am Gerichtsgebäude eine Gedenktafel für die Opfer anzubringen. Eine 1989 angebrachte provisorische Gedenktafel aus Holz ließ ein Kammerrichter entfernen und zerstören. Im gleichen Jahr wurde zum 50. Jahrestag des Kriegsbeginns schließlich auf dem Gehweg an der Witzlebenstraße vor dem Gebäude eine metallene Gedenktafel aufgestellt. Für das öffentliche Straßenland ist der Bezirk zuständig, und die Einwilligung des Eigners Bundesfinanzbehörde oder des Nutzers(Kammergericht war nicht notwendig. Auf der Gedenktafel steht:

Zum Gedenken
In diesem Hause, Witzlebenstraße 4-10
befand sich von 1936-1943 das Reichskriegsgericht.
Die höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz
verurteilte hier
260 Kriegsdienstverweigerer
und zahllose Frauen und Männer des Widerstands
wegen ihrer Haltung gegen Nationalsozialismus und Krieg
zum Tode
und ließ sie hinrichten.

Wir gehen nun bis zur Ecke vor.

Station 13: Witzlebenplatz 1

Station 13.1: Gedenktafel für Franz Jägerstätter
Am Zaun des ehemaligen Reichskriegsgerichts wurde am 4.7.1997 eine Bronzetafel für den österreichischen katholischen Landwirt und Pazifisten Franz Jägerstätter enthüllt. Er wurde im Reichskriegsgericht am 6.7.1943 wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt und am 9.8.1943 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Zum 50. Todestag 1993 wurde eine Initiative gegründet, die mit ihrem Netzwerk die Gedenktafel durchsetzte, allerdings erst nach langen Auseinandersetzungen. Gegen eine erste Tafel mit Nennung der Initiatoren der Gedenkinitiative “Franz Jägerstätter” (Gandhi-Informations-Zentrum e.V., Österreichisches Generalkonsulat, Pax Christi Österreich, Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienst und Militär) wurde kurz vor der Enthülllung Einspruch seitens der Bundesvermögensverwaltung, des Bundesjustizministeriums und der Oberfinanzdirektion Berlin (damals Eigentümer des Gebäudes) erhoben. Deshalb wurde die Tafel 1995 im Beisein der Witwe Franziska Jägerstätter nur provisorisch enthüllt, aber anschließend wieder eingepackt. Die endgültige Anbringung mit dem jetzigen zweisprachigen Texte erfolgte erst 1997. Kurz zuvor wurde das Todesurteil auf Antrag der Familie Jägerstätter durch das Berliner Landesgericht aufgehoben. Der in Deutschland wenig bekannte Franz Jägerstätter wurde 2007 auf Anregung seiner Heimatdiözese Linz von der katholischen Kirche selig gesprochen. In der amerikanischen Friedensbewegung ist er eine Symbolfigur wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi. Auf der Gedenktafel steht:

In diesem Gebäude wurde der
österreichische Bauer
Franz Jägerstätter (1907-1943)
vom ehemaligen Reichskriegsgericht
wegen seiner Gewissensentscheidung
gegen eine Kriegsteilnahme
am 6. Juli 1943 zum Tode verurteilt.
Mit ihm gedenken wir all jener,
die wegen einer
Gewissensentscheidung Opfer
von Kriegsgerichten wurden.

Gedenktafel für Dr. Karl Sack
Bild: BA-CW,ML

Station 13.2: Gedenktafel für Dr. Karl Sack
1984 wurde eine Gedenktafel für Dr. Karl Sack enthüllt, der von 1938 bis zum November 1939 Richter am Reichskriegsgericht war. Auf der Gedenktafel steht:

Am Reichskriegsgericht wirkte hier
1938/39 Dr. Karl Sack als Widerstandskämpfer.
Am 9.4.1945 ermordet im KZ Flossenbürg.

Im September 1942 wurde Karl Sacks zum Chef der Heeresjustiz ernannt. Er hatte Kontakte zu der Widerstandsgruppe der militärischen Abwehr um Canaris, Oster und Hans von Dohnanyi. In den Plänen der Verschwörer vom 20. Juli 1944 war er in einer zivilen Regierung als Justizminister vorgesehen. Nach dem Attentat wurde er im September 1944 verhaftet und am 9. April zusammen mit anderen Widerstandskämpfern wie Dietrich Bonhoeffer, Admiral Wilhelm Canaris und Generalmajor Hans Oster im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt.

Station 13.3: Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg
Gegenüber der Gedenktafel für Franz Jägerstätter befindet sich ein Verkehrsspiegel, der auf das Mahnmal Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg hinweist. Das von der Berliner Künstlerin Patricia Pisani geschaffene Mahnmal wurde 2002 entlang des Waldweges von der Glockenturmstraße am Olympiastadion bis in die Nähe des Erschießungsortes hinter der Waldbühne aufgestellt. Sie waren dort mit Bezirksstadtrat Schruoffeneger im April 2017. Das Mahnmal besteht aus 106 Verkehrsspiegeln. Auf sechzehn Spiegeln informieren eingravierte Texte über das Geschehen in der Murellenschlucht. Unter den Nationalsozialisten wurde dort eine Wehrmachtshinrichtungsstätte errichtet, an der zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 Deserteure, Wehrdienstverweigerer und Befehlsverweigerer unterschiedlicher Dienstgrade standrechtlich erschossen wurden. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, ca. 230 sind bisher namentlich ermittelt; viele der Exekutierten wurden im Spandauer Fort Hahneberg beerdigt.

Station 13.4: Gedenktafel für die jüdischen Juristen im Foyer des Gerichts
1988 wurde im Foyer des dritten Obergeschosses des Gerichtes eine Gedenktafel mit folgendem Text angebracht:

Zum Gedenken an die jüdischen Juristen unserer Stadt 1933 – 1945. Den Richtern, Rechtsanwälten und Staatsanwälten, die sich um das Ansehen der Rechtspflege in Berlin verdient gemacht haben und Opfer der Verfolgung geworden sind.
Mit dieser Gedenktafel wird an die jüdischen Rechtsanwälte, Notare, Richter und Staatsanwälte erinnert, die in den Jahren der faschistischen Diktatur Opfer des Rassismus geworden waren. Wie den Angehörigen anderer Berufszweige, wurde auch den jüdischen Rechtswissenschaftlern die Ausübung ihrer Tätigkeit untersagt. 1938 wurden den privaten Anwälten jüdischer Herkunft endgültig die Praxen geschlossen. Sie wurden entlassen, ihrer sozialen Existenz beraubt, gedemütigt, zur Emigration gezwungen. Viele von ihnen wurden deportiert und ermordet.

Wir gehen nun am Lietzenseepark vorbei in die Kirche Sankt-Canisius. Auf dem Weg dorthin kommen wir an zwei Skulpturen von Volkmar Haase vorbei.

Skulptur von Volkmar Haase, Lietzenseepark
Skulptur von Volkmar Haase im Lietzenseepark
Bild: BA-CW,ML
Skulptur von Volkmar Haase im Lietzenseepark
Skulptur von Volkmar Haase im Lietzenseepark
Bild: BA-CW,ML

Volkmar Haase wurde 1930 in Berlin geboren und starb 2012. Die erste Arbeit heißt Woge mit Kugel – Der Anfang und das Ende, die zweite Versuch einer Balance (Tangentiale Berührung). Beide sind aus Edelstahl, die erste stammt aus dem Jahr 1995, die zweite wurde 1990 geschaffen. Sie gehören Klaus W. Döring und wurden 2003 hier als Leihgaben aufgestellt.

Station 14: Sankt Canisius

Sankt Canisius Kirche
Sankt Canisius Kirche
Bild: BA-CW,ML

Ich begrüße ganz herzlich Pfarrer Hösl, der uns hier so nett in seiner Kirche empfängt. Kirche und Gemeinde haben eine interessante Geschichte mit Höhen, aber auch Tiefen, und ich möchte nun gar nicht so viel zu diesem spannenden Kirchen-Neubau sagen, denn das wird nun alles Pfarrer Hösl tun.

https://vimeo.com/103953600

Vielen Dank, Herr Pfarrer Hösl!

Hier endet uns Kiezspaziergang. Mir bleibt nur noch, Ihnen noch einmal den nächsten Kiezspaziergang anzukündigen, den wir wieder, wie immer im November, im Gedenken an die Pogromnacht am 9.11.1938 begehen werden. Er findet am Samstag, den 10. November, um 14 Uhr statt. Treffpunkt ist der BVG-Parkplatz in der Hertzallee in der Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten. Er wird im Maison de France am Kurfürstendamm enden. Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und sage Tschüss bis zum nächsten Mal!

Quellen:
Marpe, Harald: Die Kammertürken-Häuser: frühe Bebauung der Schloßstraße (=Kiez-Geschichten: historische Hefte zum Kiez am Klausenerplatz; 1)

May, Herbert: „Einst eine Zierde der Residenz“: Die Schloßstraße in Charlottenburg. – Berlin, 1992

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schuhmann

http://schloss19.blogsport.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Gr%C3%BCneberg

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Canisius_(Berlin)(https://de.wikipedia.org/wiki/St._Canisius_(Berlin))