HIER WOHNTE
GÜNTHER LEO
SPANDAU
JG. 1904
FLUCHT 1939
CHILE
Günther Leo Spandau wurde am 24. Oktober 1904 in Eberswalde in die jüdische Familie Spandau geboren. Sein Vater war Paul Spandau (geb.1874), seine Mutter war Emma Spandau, geborene Friedländer (geb.1874). Er hatte die Brüder Sigismund (geb.1867), Felix (geb.1872) und Georg (geb.1873), sowie die Schwester Florentine (geb.1866).
Günther ging in Berlin auf die Borsig-Realschule, danach in die Handelsschule, wo er das kaufmännische Textilfach mitsamt Bürotätigkeit erlernte. Er war Lehrling bei Callmann & Rosenbaum, Baumwollwaren, bei Kasper & Isaaksohn, Leinen und Baumwoll-Großhandel, bei Fa. Michael Adler & Co, bei Grünbaum & Co Kleiderstoffe, und von 1929 bis 1935 als freier Vertreter für verschiedene Firmen, zuletzt für Schoenemann & Co, Orientteppiche tätig. Diese Firma geriet aufgrund der Boykottmaßnahmen gegen Unternehmen jüdischer Eigentümer in Schwierigkeiten und wurde aufgelöst. Günther wurde entlassen.
Günther Spandau fand dann von 1936 bis zum 30.Juni 1939 eine Arbeit im jüdischen Hilfsverein. Dort lernte er seine zukünftige Frau Hildegard, genannt Gundi, kennen.
Wie alle Juden mußte Günther Spandau unter den zunehmenden Repressalien und den vielen antisemitischen Gesetze leiden.
Am 18. August 1937 heiratete er Gundi Schayer, die am 21. April 1912 in Berlin geboren war. Bereits im September 1937 wurde die Tochter Monika geboren. Die junge Familie lebte bis zur Flucht in der Zähringer Straße 33 in der 5. Etage.
Gundi, die zu diesem Zeitpunkt als Sekretärin beim Chilenischen Botschafter arbeitete, hatte das Glück, für sich, für Günther, für die Tochter Monika, für Gundis Mutter Selma Schayer und für Günthers Mutter Emma Spandau Einreisevisa für Chile zu ergattern.
Die Fluchtgeschichte ist ausführlich in der Biografie von Hildegard Gundi Spandau geb. Schayer zu lesen.
Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv existiert der Schriftverkehr über 13 Kisten Umzugsgut, die bereits durch die Firma Roth, Reichenberger Straße 154, nach Basel geschickt waren. Die Gestapo schrieb am 28. August 1942 an den Oberfinanzpräsidenten und forderte diese Kisten zurück, da sie aus Basel nicht weiter befördert werden könnten und weil Lagerkosten entstanden seien, die durch den Wert des Inhalts der Kisten beglichen werden sollten. Auch seien noch Telefonkosten von Günther Spandau offen. Dieses Umzugsgut kam nie in Chile an. Es wurde von den Nazis einbehalten.
Außerdem wurde dem „ausgereisten Juden Günther Israel Spandau“ die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.
Nach ihrer gelungenen Flucht nach Chile lebten Günther und Gundi Spandau erst in Temuco, einer Stadt etwa 670 km südlich der Hauptstadt Santiago. Dort gab es eine größere deutsche Community. Sie kauften 1940 ein Restaurant, wo Gundi in der Küche arbeitete und Günther in der Bar. Doch nach einigen Jahren verkauften sie das Restaurant wieder, weil sie dort nicht genug Geld verdienen konnten. Gundi zog nach Santiago, wo sie eine Arbeit als Sekretärin bei der Firma Gildemeister gefunden hatte. Sie brauchte Geld auch für ihre Tochter Monika. Günther blieb in Temuco, wo er die Konzession des Vereins der jüdischen Gemeinde übernommen hatte. Er musste auch den Lebensunterhalt für seine inzwischen ziemlich alte Mutter erwirtschaften. Diese starb im Oktober 1959.
Günther arbeitete in den 1950er- Jahren für verschiedene Firmen als Reisevertreter auf Provisionsbasis. Im April 1955 stellte er wegen 50% er Berufsunfähigkeit Anträge bei den Berliner Wiedergutmachungsbehörden. Die Verluste durch die Flucht im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen, der Verlust der Wohnungseinrichtung usw. wurden nach langen Jahren im Jahr 1964 entschädigt.
Günther Leo Spandau starb am 13. November 1985 in Santiago de Chile, seiner neuen Heimat, im Alter von 75 Jahren.
Recherche und Text: Renate Kratschmer, Stolperstein-Initiative Tempelhof-Schöneberg
Quellen:
- Berliner Adressbuch
- Ancestry
- Mappingthelives
- BLHA, Brandenburgisches Landeshauptarchiv
- Interview Gundi für den Chilenischen Rundfunk
- Familienüberlieferung durch die Enkelin – Tochter von Monika Spandau