Krematorium Ruhleben

Ideelle Zielsetzungen der Architekten

Abbau der konventionellen Grenzlinie zwischen Pathetik (des Feierhallenbereiches) und Technik (des Kremationsbereichs), durch schlichte Signifikanz der Bauformen (Einheit der Dächer über den Feierhallen und der Kremationshalle) und ehrliche Verwendung der Materialien (nacktes Mauerwerk aus Betonsteinen).
Neben der Möglichkeit für große Feiern ein verbessertes räumliches Angebot für die Aufbahrung (stilles Abschiednehmen) in drei feierlichen Aufbahrungsräumen an einem Innenhof des Hauptgeschosses.
Ersetzen der peinlichen Versenkung des Sarges am Ende der Feier durch den angemesseneren horizontalen Transport bzw. Stehen lassen und Vorbeidefilieren.
Abbau der ritualisierten Kondolenz, die sich in freieren Formen zwischen den Ausgängen, den offenen Höfen und dem Friedhofsausgang abspielen soll.

Allgemeine Angaben zur Entstehung des Krematoriums

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Krematorium Ruhleben kleine Feierhalle
Bild: Krematorium Ruhleben
In einem allgemeinen, bundesoffenen Bauwettbewerb in den Jahren 1962/63 erhält die Arbeit von Herrn Jan Rave von 52 Teilnehmern den 1. Preis.
  • Bauherr: Bezirksamt Charlottenburg von Berlin
  • Architekten: Jan und Rolf Rave, Berlin
  • Bildende Kunst: Markus Lüperts (Wandbilder)
  • Bauzeit: 1972-1975
  • Betriebsbeginn: April 1975

Die bauliche Anlage besteht aus dem Krematorium selbst (1 Hauptgeschoss, 2 Kellergeschosse) mit einem separaten Glockenturm, einem eingeschossigen Verwaltungsgebäude mit Blumenladen und zwei teilunterkellerten, eingeschossigen Dienstwohnhäusern.
Die Konstruktion der Anlage besteht in den Kellergeschossen aus einem Stahlbetonskelett mit Kalksandstein-Ausfachungen. Die tragenden Wände des Hauptgeschosses und alle Außenwände wurden als Sichtmauerwerk aus holländischen Betonhohlsteinen errichtet. Die Attika- und Hallendächer-Verkleidung besteht aus Kupfer.

Die Architekten über die Anlage

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Krematorium Ruhleben große Feierhalle
Bild: Krematorium Ruhleben

“Die seltene Bauaufgabe Krematorium ist stark mit Traditionen behaftet, und der um die Jahrhundertwende revolutionäre Gebäudetyp hat sich seitdem so wenig verändert wie der Totenkult selbst: Ängstlich wird die Trennungslinie zwischen Pathetik und technischer Perfektion aufrechterhalten. Wie weit konnten wir bei der Entwicklung eines Gebäudetyps der Zukunft gehen?

Ein Fernziel, die Kremation selbst zu einem Bestandteil der Feier zu machen, konnte aus betriebstechnischen Gründen nicht realisiert werden. Die Idee der anonymen Beisetzung der Asche setzt sich nur sehr langsam durch. Da dies aber keine baulichen Konsequenzen nach sich zieht, blieben uns nur drei reformatorische Ansätze:

1. Die Möglichkeit zum großen pompe funèbre mit Orgelmusik bleibt bestehen: zwei Feierhallen verschiedener Größe. Gleichzeitig wird aber das stille Abschiednehmen, das Betrachten des Toten im kleinen Kreise in den Mittelpunkt der Anlage gerückt: drei Aufbahrungshallen an einem Innenhof des Hauptgeschosses. Dieser intime Abschied kann der großen Feier vorangestellt werden, er kann diese jedoch auch ersetzen.

2. Das Versenken des Sarges am Schluss der Feier ist eine Imitation der Erdbestattung. In Ruhleben wird der Katafalk durch eine Schleuse aus der Feierhalle hinausgeschoben. Dies bot sich außerdem an, weil auch die Leichenzüge zur Erdbestattung von den Feierhallen ausgehen.

3. Die im Raumprogramm vorgesehenen Kondolenzräume wurden zugunsten von offenen Hallen und Höfen fallengelassen, um die konventionelle Zwangskondolenz abzubauen.

Der Standort in zwar landschaftlich reizvoller, doch durch weithin sichtbare Bauten städtischer Versorgungsbetriebe beeinträchtigter Lage erforderte schlichte Bauformen, die sich von den Bauobjekten der Umgebung abheben. Eine landschaftsgärtnerische Öffnung zu den Murellenbergen und zur Fließwiese sollte diese Anforderungen unterstützen.

Das Verwaltungsgebäude wurde in die bisher beziehungslose Friedhofsachse gestellt, es verhilft – mit dem kleinen Glockenturm – zur Orientierung. Von der Mittelachse des Verwaltungsgebäudes aus erfolgen die Urnenbeisetzungen.

Der Hauptzugang zum Krematorium führt parallel zur alten Tannenallee auf den Vorplatz, der zu den beiden Vorhallen leicht ansteigt. Ein langer Bauteil mit Personalräumen und der Elektrostation schließt den Vorplatz zum Wirtschaftshof ab; dieser bildet den Zielpunkt der Anlieferungsstraße, er ist auf das Kellerniveau abgesenkt.

Nach der Feier verlassen die Besucher das Krematorium durch die Kondolenzhöfe, sie gelangen am Glockenturm vorbei auf die Tannenallee. Währenddessen kann sich in den Vorhallen und Warteräumen das Publikum für die folgende Feier versammeln.

Der Baukörper zeigt die funktionelle Gliederung der Anlage. Entsprechend dem parallelen Ablauf der Feiern gliedert sich das Bauwerk in drei nebeneinanderliegende Zonen: zwei durchlaufende Achsen für die kleine, drei für die große Feierhalle; die Hallendächer und Oberlichter der Warteräume erheben sich über die flache Dachlandschaft.

Zwischen diesen Feierhallenbereichen liegt, ebenfalls dreiachsig, eine im vorderen Teil halböffentliche Zone mit dem Innenhof und den Aufbahrungszellen; dahinter die Betriebszone mit dem Oberlicht des Gewächshauses und dem Hallendach über der Kremations- und Rauchgasfilteranlage, das die Schornsteine enthält. Es ist so hoch wie die Feierhallendächer und bildet mit ihnen zusammen ein baukörperliches Ensemble. Die drei Hauptzonen werden durch niedrigere Flurbereiche voneinander abgesetzt.”

Aus: Sonderdruck “Bauwelt” 1975, Heft 42

Aus der Preisgerichtsbeurteilung

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Erdgeschoss Krematorium Ruhleben
Bild: Krematorium Ruhleben

“Die bauliche Gestaltung der Anlage zeigt eine hohe Identität von Form und Aufgabe. In bezug auf die verschiedenen menschlichen Begegnungen und Bestattungsweisen erfolgt die Gliederung der Anlage auf das einfachste und überzeugendste. Die städtebauliche Situierung und der optische Eindruck in Verbindung mit den ideellen Anregungen und der entsprechend gestalteten inneren Gliederung lassen über die vorgesehene Aufgabe hinaus einen Typus erkennen, der im Sinne des Verfassers die Trennungslinie zwischen Pathos und Technik durchbrechen könnte.”

Angaben zur Kapazität des Krematoriums

Bildvergrößerung: Längsschnitt und 2. Untergeschoss des Krematoriums Ruhleben
Längsschnitt und 2. Untergeschoss des Krematoriums Ruhleben
Bild: Krematorium Ruhleben

für Trauerfeiern und Abschiednahmen
1 (große) Feierhalle mit 160 Sitzplätzen
1 (kleine) Feierhalle mit 60 Sitzplätzen
3 Aufbahrungsräume – im Krematoriumsgebäude
1 Urnenübergaberaum – im Verwaltungsgebäude

für die Sargaufbewahrung
9 Leichenhallen mit insg. 2.260 m² Stellfläche für bis zu 800 Särge
1 Tiefkühlraum mit ca. 10 m² Fläche für 5 Särge

für die Einäscherungsanlage
4 Kremationsöfen: ca. 11.000 Einäscherungen pro Jahr (Drei-Schicht-Betrieb/5-Tage-Woche)

Die Einäscherungsanlage des Krematoriums

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Einäscherungsanlage Krematorium Ruhleben
Bild: Krematorium Ruhleben

Das Krematorium verfügt über vier baugleiche Etagenöfen mit drei Brennkammern und einem Abkühlbereich für die Asche.

Funktion der Hauptbrennkammern
In dieser Hauptbrennkammer findet der eigentliche Einäscherungsprozess statt. Dazu werden vor der Einäscherung die Feuerraumwände durch einen Hauptbrenner auf die erforderliche Temperatur gebracht. Ab dem Zeitpunkt der Sargeinfahrt wird dieser Brenner aus Pietätsgründen abgeschaltet. Bedingt durch die Wärmestrahlung der Feuerraumwände wird der Einäscherungsvorgang initiiert. Durch die freiwerdende Energie wird der gesamte Einäscherungsvorgang energetisch autark geführt. Erst am Ende einer Einäscherung wird zum besseren thermischen Aufschluss der Knochenreste und zur Vorwärmung der Einäscherungskammer für die nächste Einäscherung der installierte Hauptbrenner unterstützend eingesetzt. Die Mindesttemperatur liegt in der Einäscherungskammer bei 650° C.
Die durchschnittliche Dauer dieses Einäscherungsprozesses beträgt ca. 75 Minuten.

Resteverbrennung (Ascheausbrennkammer)
Die bei der Einäscherung übrig gebliebene Knochenasche kann mit Schadstoffen, z.B. Schwermetallen, behaftet sein. Um das Schadstoffpotential in der Urne zu reduzieren, wird in den Etagenöfen die Knochenasche einer weiteren thermischen Behandlung (Mineralisierung) unterzogen. Dies geschieht mit Hilfe des Restebrenners. Diese zusätzliche Kammer ist aus Sicht des Einäscherungsvorgangs nicht erforderlich, reduziert jedoch das Schadstoffpotential in der Asche.

Ascheabkühlkammer
Diese Kammer dient lediglich der Abkühlung der Aschereste bis zum Aufbereiten und Befüllen der Urne.

Rauchgasnachbrennkammer
Vor dem Hintergrund der Zerstörung von umweltkritischen Schadstoffen, wie beispielsweise Dioxine und Furane, fordert der Gesetzgeber die Nachverbrennung der Rauchgase bei einer Temperatur von mindestens 850° C. Dies geschieht dadurch, dass die Rauchgase aus der Einäscherungskammer in den Nachbrennkammern intensiv durchmischt und mittels der Nachbrenner nachverbrannt werden. Die Rauchgasnachverbrennung ist ein entscheidender Beitrag zum Umweltschutz im Krematorium.