Ehemaliges Strafgericht Charlottenburg

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Ehemaliges Strafgericht Charlottenburg, 9.7.2010
Bild: KHMM, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Baudenkmal
Das Gebäude wurde 1896-97 von Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau mit einer Fassade im Stil des Augsburger Barock errichtet, nachdem das Amtsgericht Charlottenburg zu klein geworden war. Die Strafabteilungen wurden ausgelagert und hier untergebracht. Im Hof wurde ein Gefängnistrakt mit roten Verblendern und reichhaltigem Bauschmuck als Vollzugsanstalt für weibliche Jugendliche und Strafabteilung des Amtsgerichtes eingerichtet.
Das Gefängnis war zwischen 1933 und 1945 mit Regimegegnern, ab 1939 ausschließlich mit Frauen belegt. In den Jahren 1942-45 wurde das Gefängnis von der Fürsorgerin Änna Wieder geleitet, die dafür bekannt war, daß sie die Frauen menschlich behandelte und Vergünstigungen gewährte.

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Ehemaliges Strafgericht Charlottenburg, 5.10.2009
Bild: Andreas Fritsch

Nach der Verurteilung durch das Reichskriegsgericht nach wochenlangen Verhören. Schikanen und Verunsicherungen wurde ein Teil der Frauen, die der Roten Kapelle zugeordnet wurden, hier eingeliefert: Elfriede Paul , Lotte Schleif, Martha Schulze, Antonie Graudenz, Rose Schlösinger, Marta Husemann, Hannelore Thiel, Erika von Brockdorf, Cato Bontjes van Beek, Eva Rittmeister, Joy Weisenborn und Ilse Schaeffer. Einige wurden später in Plötzensee ermordet, darunter Eva-Maria Buch, Ursula Goetze, Greta Kuckhoff, Annie Krauss, Maria Terwiel, Oda Schottmüller, Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen.
Der Komplex diente in der Nachkriegszeit als Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und gerichtliche Chemie, später als Dienstgebäude des Amtsgerichtes. Im ehemaligen Gefängnistrakt wurde bis 2010 das Archiv des Kammergerichtes untergegracht. Seit 1985 steht das Gefängnis im Hinterhaus leer. Die alten Zellen wurden für Dreharbeiten genutzt, beispielsweise für den Hollywood-Film “Der Vorleser”.

vgl. Sabine Deckwerth: Gefängnis zu verkaufen. Das alte Justizgebäude in der Kantstraße hat ausgedient. Einst war es Ort dunkler Geschichte, jetzt wird ein Investor gesucht, in: Berliner Zeitung 26.5.2010