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„Die letzte Adresse“ erstmals in Berlin – Erinnerungstafel für Fritz Storch

Vierte Tafel in Deutschland angebracht

Die Stiftung „Die Letzte Adresse“ hat am 8. Juli 2022 ihre erste Tafel in Berlin angebracht. Die Metallplakette erinnert an Fritz Storch, der 1951 verhaftet, vom Sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet wurde. Storch wohnte bis zu seiner Verhaftung in der Treptower Mengerzeile 8.

Die Metalltafel erinnert an den letzten Wohnort von Fritz Storch
Die Metalltafel erinnert an den letzten Wohnort von Fritz Storch
Bild: BAB/Jens Schöne

Anliegen der Stiftung „Die Letzte Adresse“ ist es, die letzten Wohnorte von Opfern des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion mit kleinen Metalltafeln, auf denen die Namen und wichtigsten Lebensdaten der Betroffenen festgehalten sind, zu markieren. Erinnert wird an Personen, die auf Grundlage willkürlicher Anschuldigungen von sowjetischen Staatsorganen verhaftet und verurteilt wurden, die erschossen wurden oder in der Haft umkamen und deren Unschuld im Rahmen eines Rehabilitationsverfahrens bestätigt wurde. Dazu kooperiert die Stiftung mit Organisationen des Memorialnetzwerks. Inzwischen hängen über 1.000 Tafeln an Häusern in Russland, Tschechien, Moldau, Georgien, der Ukraine und in Deutschland.

BAB Tom Sello unterstützt Aktion

Die Berliner Tafel ist die vierte, die in Deutschland installiert werden konnte. Der Berliner Aufarbeitungsbeauftragte Tom Sello sagte in seinem Grußwort, es sei notwendig, an die vergessenen Opfer des Stalinismus zu erinnern: „Das schulden wir nicht nur ihren Familienangehörigen. Es ist auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine notwendig, die stalinistischen Verbrechen weiter aufzuarbeiten. Deshalb unterstütze ich die Aktion, die von den Stolpersteinen inspiriert ist und von der Organisation Memorial getragen wird.“

Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister Oliver Igel, BAB Tom Sello und UOKG-Bundesvorsitzender Dieter Dombrowski
Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister Oliver Igel, BAB Tom Sello und UOKG-Bundesvorsitzender Dieter Dombrowski
Bild: BAB/Jens Schöne

Bei der feierlichen Anbringung der Tafel war auch Jutta Jaeger anwesend, Enkelin von Fritz Storch. Die Familie blieb nach der Verhaftung Storchs lange im Unklaren über sein Schicksal. Erst in den 1990er Jahren erfuhren die Angehörigen, dass er bereits 1951 in Moskau hingerichtet worden war.

Die Besatzungsmacht aus der Sowjetunion war in den Nachkriegsjahren nicht zimperlich im Umgang mit politischen Gegnern. Wer dem Aufbau der kommunistischen Diktatur im Weg stand, musste mit Verfolgung bis hin zur Vernichtung rechnen. Die Helfershelfer aus der KPD und der SED unterstützten Moskau dabei, echte und vermeintliche Regimegegner in Ost-Berlin, der SBZ und später der DDR aus dem Weg zu schaffen.

Jutta Jaeger, Enkelin von Fritz Storch
Jutta Jaeger, Enkelin von Fritz Storch
Bild: BAB/Jens Schöne

Sello verwies darauf, dass die Todesstrafe zwar 1947 in der Sowjetunion abgeschafft worden war. „Aber schon 1950 wurde sie wieder eingeführt, und zwar explizit für sogenannte Vaterlandsverräter, Spione und Saboteure.“

Insgesamt wurden nach aktuellem Forschungsstand mindestens 1112 Deutsche durch sowjetische Militärtribunale zum Tod durch Erschießen verurteilt, davon rund 250 Berliner. 80 Prozent der Todesurteile wurden auch vollstreckt. Hinzu kommen die Zehntausenden Menschen, die zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt wurden und die unmenschlichen Bedingungen im GULag in vielen Fällen nicht überlebten.

Das Risiko, verurteilt zu werden, war hoch: Die Beschuldigten wurden mit oft erfundenen Vorwürfen konfrontiert. Geständnisse wurden mit Folter erpresst. Die Verfahren waren alles andere als rechtsstaatlich: Es wurde das sowjetische Strafrecht mit seinen Gummiparagraphen auf deutschem Staatsgebiet angewendet. Eine Verteidigung gab es nicht. Die Urteile waren nicht anfechtbar. Nur ein Gnadengesuch konnte die zum Tode Verurteilten retten. Im Fall von Fritz Storch blieb dies – wie in vielen anderen Fällen – erfolglos.