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Nachruf auf Prof. Dr. Manfred Wilke

Ein engagierter Aufklärer über die SED-Diktatur.

Manfred Wilke
Bild: Robert-Havemann-Gesellschaft, Frank Ebert

Der Berliner Aufarbeitungsbeauftragte Tom Sello trauert um Professor Dr. Manfred Wilke, der am 22. April 2022 im Alter von 80 Jahren verstorben ist. Der 1941 in Kassel geborene Historiker und Sozialwissenschaftler engagierte sich in vielfältiger Weise für die DDR-Forschung und prägte nach der Friedlichen Revolution die Aufklärung über die SED-Diktatur wesentlich.

Manfred Wilke zählte zu den wenigen westdeutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich schon vor 1990 mit der DDR, dem SED-Regime und anderen kommunistischen Diktaturen beschäftigten. Seine wissenschaftliche Arbeit verband er stets mit politischem Engagement. Mitte der 1960er Jahre lernte er Robert Havemann und Wolf Biermann kennen und gehörte fortan zu den wichtigsten Unterstützern Oppositioneller in der DDR. Erinnert sei an das Buch „Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation“ zu Robert Havemann. Mithilfe eines Tonbandgerätes war ein Dialog zwischen Manfred Wilke und dem Ost-Berliner Dissidenten entstanden, der so trotz des Hausarrests Havemanns in Grünheide auch im Westen gehört werden konnte.
Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 gründete Manfred Wilke zusammen mit anderen Engagierten das „Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus“, das sich für politische Häftlinge in der DDR einsetzte, ihre Freilassung forderte und sie nach ihrer Ausbürgerung in West-Berlin existentiell unterstützte.

Nach 1990 gestaltete Manfred Wilke die Aufarbeitungs- und Forschungslandschaft zur DDR-Geschichte wesentlich mit. Seine Arbeit stellte wichtige Weichen für den heutigen Umgang mit der SED-Vergangenheit. Von 1992 bis 2006 war er einer der beiden Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Sein Wissen um das Funktionieren des SED-Regimes bereicherte die Arbeit der beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Lange Jahre engagierte er sich in den Beiräten von Aufarbeitungsinstitutionen wie dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur oder der Stiftung Berliner Mauer.

Besonders in Berlin war Manfred Wilkes Engagement prägend für die heutige Aufarbeitungs- und Gedenklandschaft. Erinnert sei etwa an sein Wirken in der Fachkommission zur Errichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des MfS in Berlin-Hohenschönhausen. Die von dieser Kommission erarbeitete Konzeption war Mitte der 1990er Jahre ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Haftortes zur Gedenkstätte.

Für sein Engagement erhielt Manfred Wilke zahlreiche Auszeichnungen. Mit ihm verlieren wir einen engagierten Kämpfer für die Belange der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seine Arbeit bleibt jedoch weiterhin wirkmächtig – auch und vor allem in Berlin.