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Tom Sello erinnert an den Sturm auf die Stasi-Zentrale vor 32 Jahren

Unter bis heute ungeklärten Umständen öffnen sich die Tore und die Demonstranten können die Stasi-Zentrale besetzen.
Bild: Robert-Havemann-Gesellschaft, Rolf Walter, RHG_Fo_RDA_03608

2022 jährt sich zum 32. Mal der Sturm auf die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Etwa 2000 Demonstranten waren am 15. Januar 1990 auf das Gelände zwischen Normannen- und Ruschestraße geströmt, um die Weiterarbeit der kommunistischen Geheimpolizei zu unterbinden und die Offenlegung der Strukturen von SED und Stasi zu erzwingen.

Nachdem es seit Anfang Dezember 1989 zu Besetzungen von Stasi-, Bezirks- und Kreisdienststellen gekommen war, rief die Bürgerbewegung „Neues Forum“ am 15. Januar 1990 zu einer Demonstration vor der Stasi-Zentrale im Ostberliner Bezirk Lichtenberg auf. Die Tore sollten symbolisch zugemauert werden. Zehntausende folgten dem Aufruf. Unter bis heute ungeklärten Umständen öffneten sich die Tore und ermöglichten den Demonstranten, die Stasi-Zentrale zu besetzen. Wie an anderen Orten bildete sich ein Bürgerkomitee, das die Auflösung der Stasi betreiben und die Vernichtung von Akten verhindern sollte.

Ein Höhepunkt der Friedlichen Revolution

„Die Erstürmung des Stasi-Hauptquartiers in Berlin ist einer der Höhepunkte der Friedlichen Revolution“, urteilt Tom Sello, Berliner Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Der Versuch der SED, ihre Geheimpolizei durch eine Namensänderung zu erhalten, war gescheitert. Die Partei hatte ihre wichtigste Machtstütze endgültig verloren.“

Das Ringen um den Umgang mit dem Erbe der Geheimpolizei war mit dem Sturm auf die Stasi-Zentrale allerdings nicht beendet. „Die Akten offenlegen, auf Jahrzehnte wegschließen oder in einem Freudenfeuer verbrennen – die Diskussion über die Zukunft der Stasi-Akten lief auf allen gesellschaftlichen Ebenen und begleitete den Weg zur Deutschen Einheit“, so der Berliner Aufarbeitungsbeauftragte. Auch die Vertreter der ersten frei gewählten DDR-Regierung und die Abgeordneten der Volkskammer stritten über den richtigen Weg.

Der Erhalt der Stasi-Akten ist ein sichtbares Symbol der Friedlichen Revolution

In den Beitrittsverhandlungen mit der Bundesregierung gab es ebenfalls Kontroversen über die Zukunft der Akten. Nach massiven Bürgerprotesten, Demonstrationen, Hungerstreik und einer Archivbesetzung einigten sich die Regierungen der DDR und der Bundesrepublik schließlich darauf, die Akten in Ostdeutschland zu belassen und nicht im Bundesarchiv in Koblenz auf Jahrzehnte zu verschließen. In der entsprechenden Vereinbarung zum Einigungsvertrag vom 18. September 1990 heißt es, dass die „sichere Verwahrung, Archivierung und Nutzung der Unterlagen zentral und regional erfolgen“ soll. „Dass große Teile der Stasi-Unterlagen erhalten blieben und heute für die Opfer der Bespitzelung sowie für Forschung und Medien zugänglich sind, ist ein wichtiges Ergebnis und sichtbares Symbol der Friedlichen Revolution“, sagt Tom Sello. „Und es ist weltweit einmalig!“

Das Gelände des Campus für Demokratie in Berlin-Lichtenberg
Ein Areal mit viel ungenutztem Potential - der Campus für Demokratie auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale.
Bild: BStU/Dronebrothers.de

Bund und Land müssen die Weiterentwicklung des Stasi-Geländes zügig vorantreiben

Anlässlich des Jahrestags der Erstürmung der Stasi-Zentrale mahnt der Berliner Aufarbeitungsbeauftragte eine zügige Umsetzung der geplanten Weiterentwicklung des Stasi-Geländes an. „Das gilt zuerst, aber nicht nur, für das geplante Archivzentrum des Bundesarchivs. Die neuen Regierungen von Land und Bund haben sich in ihren Koalitionsverträgen dazu bekannt, das Areal zu einem Campus für Demokratie, einem öffentlichen Kultur-, Bildungs-, Erinnerungs- sowie Verwaltungsstandort weiterzuentwickeln. Die Politik muss jetzt zügig die notwendigen Voraussetzungen dafür schaffen und auch die Einrichtung des Forums Opposition und Widerstand vorantreiben.“ Das Forum wird von der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V. geplant. Es soll die Geschichte von Opposition und Widerstand als Teil der deutschen und europäischen Demokratiegeschichte thematisieren.