Erzbischof Koch: Missbrauchsopfer zu lange vernachlässigt

Erzbischof Koch: Missbrauchsopfer zu lange vernachlässigt

Nach einem Gutachten zu umfassendem sexuellem Missbrauch von Minderjährigen im Erzbistum Berlin hat Erzbischof Heiner Koch Versäumnisse der Kirche eingeräumt. «Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es im Umgang mit Missbrauchsfällen in der Vergangenheit zahlreiche Versäumnisse gegeben hat und wir die Opfer und ihr Leid viel zu lange vernachlässigt haben», sagte Koch dem Internetportal Katholisch.de in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview.

Erzbischof Heiner Koch spricht

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Erzbischof Heiner Koch, Bischof des Erzbistums Berlin, spricht.

Gleichzeitig warb er um Geduld. «Das Gutachten war nur der erste Schritt, der zweite Schritt ist die Analyse durch die Kommission, die jetzt begonnen hat», sagte der 66-Jährige. Anschließend sollten zu ziehenden Konsequenzen öffentlich bekanntgeben werden. «Ich weiß, dass viele auf diesen dritten Schritt warten - den können wir aber leider nicht vorziehen.» Er verstehe Ungeduld und Wut gerade der Betroffenen. «Das ist für mich Ansporn weiterzugehen in der Aufarbeitung. Das sind wir den Betroffenen schuldig.»
Das in der vergangenen Woche vorgelegte Gutachten zeigt auf, dass die Katholische Kirche in Berlin über Jahrzehnte Hinweise auf sexuellen Missbrauch ignoriert und aktenkundige Fälle unter Verschluss gehalten hat. Gutachter sprachen von «systematischer Verantwortungslosigkeit», die hierarchische Struktur der Kirchenspitze habe Aufklärung, Intervention und Prävention behindert. Mindestens 61 Geistliche waren im Bereich des Erzbistums Berlin von 1946 bis Ende 2019 an sexuellem Missbrauch von Minderjährigen beteiligt. Insgesamt sind 121 Opfer bekannt, die Dunkelziffer könnte aber weit höher liegen.
Kritik kam vom Katholischen Deutsche Frauenbund Berlin. «Das späte Missbrauchsgutachten hätte ein Wendepunkt werden können, wie das Erzbistum Berlin umgeht mit Betroffenen, mit Tätern und schweigenden Verantwortlichen. Diese Chance wurde nicht genutzt», sagte die Diözesanvorsitzende Barbara John in einer Mitteilung. «Erneut treten die Interessen der Betroffenen in den Hintergrund und Rücksichtnahme mit den Tätern in den Vordergrund.» Es fehle an Übernahme von Verantwortung.
Zum Erzbistum gehören neben Berlin der zentrale und nördliche Teil Brandenburgs, Vorpommern sowie die Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 3. Februar 2021 15:06 Uhr

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