Ingo Kahlisch 30 Jahre Trainer bei Optik Rathenow

Ingo Kahlisch 30 Jahre Trainer bei Optik Rathenow

Seit 1989 trainiert Ingo Kahlisch den Regionalligisten Optik Rathenow, eine einsame Bestmarke in den vier höchsten Ligen des Landes. Längst ist der Verein sein Lebenswerk geworden. Einen Vertrag besitzt er nicht.

Ingo Kahlisch

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Ingo Kahlisch, Trainer des FSV Optik Rathenow. Foto: John Hennig

Rathenow (dpa/bb) - Es ist ein seltenes Jubiläum im Fußball - und das an der Schwelle zwischen Amateur- und Profi-Bereich: Am 1. Juli wird Ingo Kahlisch genau 30 Jahre als Cheftrainer des Fußball-Regionalligisten FSV Optik Rathenow amtieren. Ob er das auch feiern wird, lässt Kahlisch offen. «Es ist nichts geplant, weil ich auch gar keine Zeit habe. Es ist Saisonvorbereitung, da ist genug zu tun», wiegelt der 62-Jährige ab.
Gerade erst hat Rathenow mit Verspätung die Klasse gehalten - weil sich der FC Oberlausitz Neugersdorf aus der Regionalliga Nordost zurückgezogen hat. «Dass wir Regionalliga spielen, ist einfach eine totale Sensation, das ist für uns die Champions League», sagt Kahlisch über seinen «Amateurfußballsportverein».
1989 begann Kahlischs Vertrag bei den Optischen Werken, aber er wurde als technischer Leiter für den Bezirksligisten Motor Rathenow freigestellt - und ein halbes Jahr später Trainer. Kahlisch führte Rathenow nach der Wende mit bescheidenen Mitteln bis in die drittklassige Regionalliga. «Ich hatte ein, zwei Möglichkeiten, mich zu verändern - aber die kamen sehr kurzfristig», erzählt Kahlisch über Angebote aus Babelsberg, Berlin und Cottbus. Innerhalb von 24 Stunden den Verein zu verlassen, kam für ihn nicht in Frage. Also blieb er. Und baute sich ein Lebenswerk auf.
Spieler- und Sponsorenakquise, Testspiele und Trainingslager. Um all das kümmert sich in Rathenow längst Kahlisch, der sich selbst als «Mädchen für alles» bezeichnet. In seiner Sportmarketingfirma mit Sportshop, in der er tagsüber arbeitet, läuft alles zusammen: Hier hat er bereits 14 Spieler ausgebildet und zugleich ist es auch die Geschäftsstelle. In Rathenow gibt es lediglich Aufwandsentschädigungen und Amateurverträge - und eben zusätzlich eine berufliche Perspektive. «Ich habe es immer geschafft, mit Spielern, die woanders aussortiert wurden, die dann eine Lehre machen, studieren oder arbeiten gehen eine ordentlich Fußballmannschaft zusammenzukriegen», erklärt Kahlisch die Philosophie. Die meisten Spieler pendeln täglich aus dem eine Zugstunde entfernten Berlin nach Rathenow.
Nach vielen Jahren in der Ober- und sogar Verbandsliga waren die letzten zehn mit die erfolgreichsten. Zwei Mal gewann Rathenow den Brandenburger Landespokal und qualifizierte sich für den DFB-Pokal, drei Mal stieg Optik in die Regionalliga auf. Einen Vertrag besitzt der 62-jährige Fußballlehrer laut eigener Aussage nicht. Im Vorstand würde man sich stets per Handschlag auf die weitere Zusammenarbeit einigen. Und das könnte, wenn es nach Kahlisch geht, noch einige Zeit weiter gehen. Vor fünf Jahren stand er sieben Wochen nach einer Hirnblutung wieder auf dem Trainingsplatz: «Da haben mir der Sport und die Jungs geholfen, dass ich schnell wieder dahin komme, wo ich jetzt bin», sagt Kahlisch, der generell nicht gern zurück schaut.
«Viele Arbeitnehmer machen mehr als 30 Jahre ihren Job. Das ist nichts Besonderes», sagt Kahlisch und ärgert sich im nächsten Moment über die Schnelllebigkeit und Überhöhung des Fußballgeschäfts. Er trainiere nach wie vor mit einem Lehrbuch aus den 1980er Jahren. «Ich will weiter genießen, dass ich so viel Glück hatte und das mache, was ich immer wollte.»
In Deutschland ist Kahlisch in den vier höchsten Spielklassen unangefochten - Frank Schmidt ist seit zwölf Jahren beim 1. FC Heidenheim Trainer. Einen wird er aber wohl nicht mehr übertreffen: Der Franzose Guy Roux war mehr als 40 Jahre Trainer beim AJ Auxerre - und führte den Klub von der Verbandsliga bis zur Meisterschaft.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 1. Juli 2019 08:30 Uhr

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