Jungen in Berliner Judoverein missbraucht: Haftstrafe

Jungen in Berliner Judoverein missbraucht: Haftstrafe

Nach jahrelangem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in einem Berliner Sportverein ist ein Trainer zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt worden. Das Landgericht in der Hauptstadt sprach den 43-jährigen Juristen am Montag in 20 Fällen schuldig. Betroffen seien sieben Jungen, die zur Tatzeit zehn bis 17 Jahre alt waren. Der Angeklagte habe als Judotrainer und zugleich Rechtsanwalt ein hohes Vertrauen genossen und das ausgenutzt. «Über körperliche Züchtigungen kam es zu sexuellen Übergriffen», sagte der Vorsitzende Richter. 

Auf der Richterbank liegt ein Richterhammer aus Holz

© dpa

Auf der Richterbank liegt ein Richterhammer aus Holz.

Auf Sportfahrten im In- und Ausland, im Ferienhaus des Angeklagten, in einer Trainingshalle des Tegeler Sportvereins, auf einer Flughafentoilette und der Berliner Wohnung des Mannes sei es von 2009 bis 2019 zu Taten gekommen, hieß es weiter im Urteil. Der damalige Trainer habe sich des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in 20 Fällen schuldig gemacht - teilweise in Tateinheit mit schwerem sexuellen Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Körperverletzung.
Für einige der Jungen sei der Angeklagte, der als Trainer sehr ehrgeizig gewesen sei und sich auch um schulische Belange der jungen Judoka gekümmert habe, eine Art Vaterfigur gewesen, sagte der Richter. Es habe sich eine Abhängigkeitsbeziehung entwickelt. «Was er sagte, war Gesetz», hätten Zeugen im Prozess geschildert. Auf der einen Seite hätten die Judoka Anerkennung und Zuneigung erfahren, auf der anderen sei aber «kontrolliert und sanktioniert» worden. Schützlinge hätten körperliche Züchtigungen erduldet.
«Der Angeklagte war rücksichtslos und empathielos in gewissen Tatsituationen», so der Richter. In einigen Fällen sei es zu mehreren sexuellen Handlungen gekommen. Einmal habe sich ein Opfer vor Schmerzen gekrümmt. Der Trainer habe für seinen Einsatz für den Verein «Gegenleistungen» von den betroffenen Jungen verlangt. Den Verein hatte der Mann laut Staatsanwaltschaft selbst gegründet. 
Der Jurist, der seit rund zehn Monaten in Haft ist, hatte die Vorwürfe zurückgewiesen. Einige der Jungen, die als Nebenkläger am Verfahren beteiligt sind, hätten möglicherweise finanzielle Interessen verfolgt mit ihren Aussagen, soll der Angeklagte in der zum großen Teil nicht öffentlichen Verhandlung erklärt haben.
Das Gericht kam nach 28 Prozesstagen seit Mai 2020 zu dem Schluss, dass bei der Befragung der Jungen kein Belastungseifer und keine Beeinflussung durch Eltern festgestellt worden seien. Diese Zeugen hätten den Angeklagten schwer belastet, andererseits aber auch Positives über ihn berichtet. Nur weil ein Vater nach einem Gespräch mit dem Trainer «hellhörig» wurde, sei der Fall zu Polizei und Justiz gekommen.  
Die Staatsanwaltschaft hatte acht Jahre Haft verlangt. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Es wird damit gerechnet, dass der Angeklagte Rechtsmittel einlegt. Bei Rechtskraft des Urteils würde der 43-Jährige auch seine Anwalts-Zulassung verlieren.   
Der Präsident des Berliner Landessportbundes, Thomas Härtel, sagte, das Gericht habe ein deutliches Urteil gesprochen. Es sei auch deshalb möglich geworden, weil Betroffene den Mut hatten, sich anzuvertrauen und auszusagen. «Wir wollen gemeinsam mit unseren Vereinen und Verbänden alles dafür tun, dass es im Sport keinerlei Raum für sexualisierte Gewalt gibt», unterstrich Härtel. Mit einem kürzlich vorgestellten Kinderschutzsiegel seien diese Bemühungen weiter intensiviert worden. «Wir arbeiten an einer Kultur des Hinsehens und Handelns im Sport.»
Der sexuelle Kindesmissbrauch durch den Judotrainer war leider in jüngster Zeit kein Einzelfall in der Hauptstadt. Ende August wurde der Jugendwart eines Angelvereins in Berlin-Kladow zu zehn Jahren Haft verurteilt. Laut Urteil wurden sechs Jungen im Alter von sieben bis 15 Jahren Opfer des Mannes.
Allein 2019 wurden in Berlin laut Kriminalstatistik 807 Fälle von Kindesmissbrauch erfasst. Bundesweit sorgten zudem mehrere schwerwiegende Fälle von Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen und Verbreitung von entsprechenden Bildern für Entsetzen. Im Komplex «Bergisch Gladbach» stießen Ermittler auf Spuren, die zu mehr als 30 000 Verdächtigen führen könnten.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 7. Dezember 2020 16:11 Uhr

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