Entführung wegen «Familienehre»? Angeklagte schweigen

Entführung wegen «Familienehre»? Angeklagte schweigen

Weil sie ihre Tochter und Schwester wegen angeblich verletzter Familienehre von Berlin nach Georgien verschleppt und auch Tötungspläne geschmiedet haben sollen, müssen sich eine Mutter und ihr Sohn vor dem Landgericht verantworten. Mitangeklagt sind ein Onkel der Entführten, ein entfernter Verwandter sowie ein Freund der Familie. Die 23-Jährige soll laut Anklage im August 2019 gegen ihren Willen in eine abgelegene Region Georgiens gebracht und dort wochenlang festgehalten worden sein. Die 24- bis 45-jährigen Angeklagten schwiegen zu Prozessbeginn am Dienstag.

Die junge Frau sei im Oktober 2018 mit einem psychisch kranken tschetschenischen Landsmann nach islamischem Recht verheiratet worden und Anfang 2019 aus der Wohnung der Familie des Mannes geflohen, so die Anklage. Sie habe den Ehemann angezeigt. Mutter und Bruder hätten verhindern wollen, dass die Frau in einem Unterbringungsverfahren am Landgericht gegen ihren Mann aussagt. Ihm wurde vorgeworfen, er habe sich im Zustand der Schuldunfähigkeit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anschließen wollen.
Die 23-Jährige soll getäuscht und zunächst nach Polen gebracht worden sein. Mit ihrer 45-jährigen Mutter und ihrem 24-jährigen Bruder habe sie dann ein Flugzeug nach Georgien besteigen müssen, so die Anklage. Ziel der Reise sei ein abgelegenes Dorf gewesen. Nach Ankunft habe der Bruder seine Schwester mit einem Schlauch heftig geschlagen, «um sie von Fluchtversuchen abzuhalten».
Wegen fehlender Personalpapiere soll eine geplante Weiterreise nach Tschetschenien gescheitert sein. Im Oktober 2019 sei die 23-Jährige nach Polen zu Bekannten gebracht worden. Die Mutter und der Bruder hätten unter anderem durch das Verlassen des Ehemannes und der Aussage bei der Polizei die «Familienehre» verletzt gesehen, heißt es in der Anklage. Mit einem 36-jährigen Angeklagten sei «intensiv eine Tötung» oder schwere Verletzung der Frau erörtert worden.
Seit Mitte Januar befinden sich drei der Angeklagten in Haft - unter anderem wegen Verdacht auf Freiheitsberaubung, Verabredung zu einem Verbrechen und versuchte Anstiftung zum Mord. Den beiden weiteren Angeklagten wird Beihilfe zur Last gelegt. Der Prozess wird am 25. September fortgesetzt.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Dienstag, 22. September 2020 15:14 Uhr

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