Bei Anruf Koks: Prozess um Berliner Drogen-Lieferservice

Bei Anruf Koks: Prozess um Berliner Drogen-Lieferservice

Mal war es eine Tiefgarage, dann ein Fußballplatz oder eine Wohnung, auch ein nobles Hotel war eine der Berliner Lieferadressen für das bestellte Kokain.

Landgericht

© dpa

Akten liegen in einem Saal des Landgerichts vor Beginn eines Prozesses am Platz des Richters.

Bis zu sieben Bestellungen am Tag sollen die Dogen-Verkäufer per Koks-Taxi erledigt haben - quer durch die Hauptstadt, diskret und schnell. Doch die illegalen Geschäfte flogen auf. Am 21. August 2020 begann nun der Prozess gegen acht Männer im Alter von 19 bis 39 Jahren wegen bandenmäßigen Drogenhandels. Sie sollen in rund drei Monaten etwa 15 000 Euro kassiert haben, hieß es in der Anklage.
Es ist ein Prozess mit massiven Sicherheitsmaßnahmen. Zudem wird nicht wie sonst im Moabiter Kriminalgericht, sondern im Saal «Edison» der Urania im Stadtteil Schöneberg verhandelt. Dutzende Justiz- und Polizeibeamte in schusssicheren Westen waren postiert, mehrfach wurden Taschen kontrolliert und mussten ebenso wie Handys abgegeben werden. Jede Treppe, jede Tür wurde gesichert. Selbst auf einem Dach des Komplexes spähten wie sonst eher bei Staatsbesuchen aufmerksame Polizisten.
Es geht um Organisierte Kriminalität. Zwei der Angeklagten sollen zu einer Clan-Familie gehören. Ein gebürtiger Libanese sitzt in U-Haft, die sieben deutschen Angeklagten wurden von der U-Haft verschont. Sie zeigten sich am Freitag entspannt und lässig. Zu sehen waren Männer in Shirt und Schlabberhose ebenso wie Anzugträger mit akkuraten Haarschnitten. Die meisten begrüßten sich trotz Corona mit Handschlag oder Umarmung, auf einigen Mund-Nasen-Masken prangten Totenköpfe.
Bei 8 Angeklagten und 16 Verteidigern konnte laut Gericht das gesetzlich angeordnete Abstandsgebot im Kriminalgericht nicht eingehalten werden. Die Urania versucht mit der Vermietung des 250 Quadratmeter großen Saales auch die Corona-Ausfälle zu kompensieren, wie eine Vereinssprecherin im rbb-Inforadio sagte.
Wo schon Albert Einstein, Thomas Mann, Helmut Kohl und Michail Gorbatschow als Referenten sprachen, verlas nun Staatsanwältin Sandra Loos die umfangreiche Anklage. Von Ende Juli bis Mitte November 2019 sollen die Männer fast 375 Portionen Kokaingemisch in Luxuslimousinen ausgeliefert haben. Wobei einige der Fahrer den Angaben zufolge nicht mal eine Fahrerlaubnis hatten. Hauptquartier soll eine Bar im Stadtteil Hellersdorf am östlichen Rand der Hauptstadt gewesen sein.
An 92 Tagen seien 301 Lieferfahrten zusammen gekommen, hieß es. Öfter brachten die Kuriere demnach bis zu sieben telefonische Bestellungen am Tag an die Kunden. Diese hätten auch schon mal fünf der kleinen Plastikgefäße mit dem Kokain, sogenannte «Eppendorfer», auf einmal bestellt - im Schnitt für jeweils 40 Euro, aber auch für 50 Euro pro Konsumeinheit (0,5 Gramm) sei verkauft worden. Manchmal habe die Übergabe nur zwei, drei Minuten gedauert. Entweder sei der Stoff an den vereinbarten Orten übergeben worden, oder direkt im Koks-Taxi. Die Lieferungen summierten sich laut der Anklage auf knapp 187 Gramm «Kokaingemisch durchschnittlicher Qualität».
Als Kopf der mutmaßlichen Bande gilt ein 39-Jähriger, er soll die Geschäfte aus der Bar in Hellersdorf heraus geleitet haben. Dabei habe ihn ein 30-jähriger Angeklagter unterstützt. Sie hätten eine übergeordnete Rolle in der Bandenstruktur gehabt und seien den anderen gegenüber weisungsbefugt gewesen. Sie hätten aber auch selbst den Stoff ausgefahren. Der 39-Jährige soll zudem die Preise festgelegt haben.
Marihuana, Kokain und Amphetamin-Pillen werden in Großstädten seit Jahren von Kunden auch über das Internet bestellt und von Dealern ausgeliefert. In Berlin standen schon mehrfach Drogendealer mit Koks-Lieferservice vor Gericht. Die Hauptstadt-Polizei hat die Kokain-Taxis verstärkt im Blick. Seit Mai 2019 wird eine extra Statistik zu solchen illegalen Geschäften geführt. Allein bis zum 1. Oktober des Vorjahres wurden demnach 35 Ermittlungsverfahren zum Drogen-Lieferservice eingeleitet. 30 Prozesstage sind bis Februar 2021 geplant. Angeklagte sowie Zeugen wurden noch nicht befragt.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 21. August 2020 16:34 Uhr

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