Mehr Notrufe, aufmerksame Nachbarn und Befürchtungen

Mehr Notrufe, aufmerksame Nachbarn und Befürchtungen

Die Polizei hat seit Jahresbeginn rund 4270 Anzeigen zu häuslicher Gewalt in Berlin registriert (bis 19. April).

Der Schriftzug «Polizei» ist vor einem Polizeirevier zu sehen

© dpa

Das waren 210 mehr Vorfälle als im Vergleichszeitraum 2019, wie die Polizei mitteilte. Seit den Kontaktbeschränkungen Mitte März wegen der Corona-Krise wurden rund 1380 Gewaltvorfälle in Familien angezeigt, im gleichen Zeitraum des Vorjahres (12. bis 19. Kalenderwoche) waren es 46 Fälle weniger. Ob der leichte Anstieg auf die Einschränkungen zurückgehen, könne noch nicht gesagt werden, so ein Polizeisprecher.

Mehr Notrufe wegen Gewalt in Familien

Indes gehen aber verstärkt Notrufe wegen Gewalt in Familien bei der Polizei ein. Wurden in den ersten 16 Wochen des Jahres 2019 knapp 3460 solcher Anrufe angenommen, waren es im gleichen Zeitraum dieses Jahres rund 4100, wie ein Sprecher mitteilte. Besonders deutlich sei der Anstieg seit Mitte März mit wöchentlich mehr als 300 solcher Anrufe. Vom 16. März bis 19. April rückten Polizisten zu 1580 Einsätzen wegen Gewaltverdachts in Familien aus.

Lautstarke Auseinandersetzungen oft Grund des Notrufs

Doch die Situation vor Ort sei dann oft eine andere, hieß es. Alarmierungen stellten sich auch als Lärmbelästigung oder Streit heraus. Es sei möglich, dass wegen der häuslichen Isolation Nachbarn lautstarke Auseinandersetzungen eher registrierten und schneller die Polizei rufen, hieß es in der Senatsverwaltung für Gesundheit.

Keine Anzeigen wegen Kindesmisshandlung

Ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung sagte, die beschränkten Kontakte seien für viele Menschen eine außerordentliche Belastung und erhöhten das Risiko, Konflikte nicht mehr konstruktiv zu lösen. Ob es mehr häusliche Gewaltvorfälle gab, werde sich erst später zeigen. Betroffene Frauen hätten weniger Chancen als sonst, Hilfe zu rufen. Bei Kindern sei auch die soziale Kontrolle von außen eingeschränkt. In der RBB-«Abendschau» hatte ein Dezernatsleiter des Landeskriminalamtes gesagt, derzeit kämen gar keine Anzeigen wegen misshandelter Kinder. Er befürchte, dass diese gestellt werden, wenn Kitas und Schulen wieder geöffnet sind.

Rückgang der Sexualdelikte durch Fremdtäter

Die Vizechefin der Berliner Gewaltschutzambulanz, Saskia Etzold, sagte, nach Ostern habe in ihrer Einrichtung die Zahl Betroffener zugenommen. «Auffällig ist, dass wir im Moment fast nur schwere Fälle sehen», sagte sie der dpa. Auffällig sei hingegen der Rückgang bei Sexualdelikten durch Fremdtäter, da Clubs und Bars geschlossen seien.
Nach Ansicht von Maren Jasper-Winter, frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, müssten Hilfeeinrichtungen besser erreichbar sein. Hilfetelefone in Apotheken sollten auf Supermärkte ausgeweitet werden. Die Abgeordnete forderte auch eine Hotline für potenzielle Täter, die merken, dass sie Hilfe brauchen. Der Senat sollte zudem ein achtes Frauenhaus für Gewaltbetroffene einrichten. Es würden dringend mehr Kapazitäten gebraucht.

Chefärztin des Zentrums für Seelische Frauengesundheit: Zeit außerhalb der eigenen Wohnung verbringen

Die Chefärztin des Zentrums für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Klinikum Spandau, Stephanie Krüger, erklärte in einem Blog, sie vermute, dass während der Corona-Beschränkungen die Zahl misshandelter Frauen und Kinder im Berliner Raum etwa um zehn Prozent gestiegen sei. Es werde derzeit aber weniger Hilfe gesucht. Die Professorin riet Familien, auch außerhalb der eigenen Wohnung Zeit zu verbringen. Das sei wichtig, damit Aggressionen nicht überhandnehmen.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 27. April 2020 08:15 Uhr

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