Historiker: Rückgabe lenkt von Defiziten bei Aufarbeitung ab

Historiker: Rückgabe lenkt von Defiziten bei Aufarbeitung ab

Der Historiker Jürgen Zimmerer hat angesichts der Rückgabe der Kreuzsäule von Cape Cross an Namibia eine umfassende öffentliche Debatte über Kolonialobjekte in Deutschland gefordert. «Die Rückgabe ist eine gute Sache», sagte der Kolonialismus-Experte am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Gleichzeitig schränkte der Hamburger Uni-Professor ein: «Hier wird von den Defiziten der tatsächlichen Aufarbeitung abgelenkt.»

Streit um eine alte Wappensäule

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Die Wappensäule steht in einem Ausstellungsraum im Deutschen Historischen Museum. Foto: Paul Zinken

Zimmerer erinnerte an den Völkermord durch die deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia: «Deutschland und Namibia verhandeln seit Jahren über die Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama, ohne dass es hier einen Erfolg gibt.»
Das deutsche Kaiserreich hielt von 1884 bis 1915 weite Gebiete des heutigen Namibias besetzt. Die Kolonialherren schlugen Aufstände der Volksgruppen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 brutal nieder. Sie töteten Historikern zufolge etwa 65 000 der 80 000 Herero und mindestens 10 000 der 20 000 Nama.
Zudem verwies Zimmerer auf Pläne, im künftigen Humboldt Forum umstrittene Benin-Bronzen aus Nigeria zu zeigen. «Ein paar hundert Meter weiter sollen über 200 Benin-Bronzen gezeigt werden. Dazu gibt es kein Wort von der Bundesregierung.» Zimmerer: «Durch die Ablenkung wird der Erfolg nur ein ganz kleiner Erfolg, weil über die großen Themenkomplexe Genozid an den Herero und Nama und Raubobjekte im Humboldt Forum, vor allem die Benin-Bronzen, ja nicht öffentlich diskutiert wird.»
Aus Sicht des Historikers gibt es «keinen wirklichen Dialog» zwischen Europa und den Herkunftsländern über Rückgaben. «Europäische Museen sagen einfach: «Restitution gibt es nicht.» Das ist wie «Friss oder stirb». Das ist eigentlich ein Echo kolonialer Machtverhältnisse.»
Zimmerer forderte offene Diskussionen um koloniale Vergangenheit: «Wir brauchen eine breite Debatte in Deutschland, wie wir uns dazu stellen, dass unsere Museen voller gestohlener Objekte sind. Wie wollen wir als Gesellschaft mit dem kolonialen Erbe umgehen?» Notwendig seien öffentliche Veranstaltungen, der Dialog sei aber nicht öffentlich. «So intransparent kann man dieses Problem nicht lösen.»
«Das ist eines demokratischen Staates unwürdig. Die Zivilgesellschaft sollte darüber informiert sein und darüber diskutieren, wie wir damit umgehen», sagte Zimmerer.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 17. Mai 2019 14:40 Uhr

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