Gewerkschaft Strafvollzug: Personal und Wertschätzung nötig

Gewerkschaft Strafvollzug: Personal und Wertschätzung nötig

Jeden Tag haben sie mit Straftätern zu tun - Bedienstete im Gefängnis. Sie bewachen nicht nur, sondern wollen auch bei der Resozialisierung helfen. Doch in Berlin sind viele Mitarbeiter nach Ansicht der Gewerkschaft am Limit.

Berlin (dpa/bb) - Der Hauptstadt laufen nach Einschätzung der Gewerkschaft Strafvollzug neu ausgebildete Mitarbeiter für die Gefängnisse weg. Ein Teil gehe sofort nach der Ausbildung in andere Bundesländer oder zum Bund, weil dort besser bezahlt werde, sagte der Landesvorsitzende Thomas Goiny der Deutschen Presse-Agentur. Allein in diesem Jahr seien schon zwölf neue Bedienstete abgewandert. «Es gibt einen regelrechten Kampf um das Personal.» Geboten werde demnach mehr Geld schon zum Einstieg - bei einer niedrigeren Besoldungsstufe. Das sei etwa in Brandenburg oder beim Zoll so.
«Wir bilden gut aus, aber für andere. Wenn es bei der Bezahlung in Berlin nicht deutlich vorangeht, wird die Situation noch dramatischer», sagte Goiny in Richtung des rot-rot-grünen Senats. Die vorgesehene höhere Besoldung reiche nicht. Außerhalb Berlins würden neue Justizmitarbeiter mit bis zu 600 Euro brutto mehr anfangen.
Nach Angaben der Gewerkschaft sind in Berlin derzeit knapp 300 künftige Bedienstete in verschiedenen Lehrgängen. Doch bislang sei zwischen einem Viertel und einem Drittel der Neuen aus Berlin abgewandert. Nach Jahren des Sparens bildet Berlin jetzt wieder verstärkt aus. Laut Goiny meldeten sich aber auch viele ungeeignete Bewerber.
Verschärft werde das Problem noch dadurch, dass zunehmend Bedienstete aus den Berliner Gefängnissen in den Ruhestand gehen, so der Landeschef. Viele von denen, die da sind, arbeiteten am Anschlag und fühlten sich ausgebrannt. Allein im Vorjahr mussten laut Goiny 28 Bedienstete wegen gesundheitlicher Probleme vorzeitig ihre Arbeit aufgeben.
Trotz der neuen Einstellungen fehlen nach Einschätzung der Gewerkschaft 200 Beamte im Strafvollzug. Etwa 1900 Mitarbeiter seien dort derzeit beschäftigt. Laut Justizverwaltung scheiden allein in diesem Jahr knapp 300 Bedienstete wegen ihres Alters aus. Die Gewerkschaft befürchtet, dass mit den geplanten Neueinstellungen nicht einmal diese Lücken geschlossen werden könnten.
Immer wieder müssten gerade in den Männer-Haftanstalten Tegel, Heidering, Plötzensee oder Moabit Hofgänge und Besuchszeiten für Inhaftierte gekürzt werden, weil das Personal nicht reiche. Derzeit sind in Berlin knapp 4000 Täter inhaftiert.
Wiederholt kam es zu Fluchten aus Haftanstalten. Zuletzt gab es im Februar im Gefängnis Heidering eine heftige Schlägerei unter Inhaftierten, bei der auch Bedienstete verletzt worden waren.
Die Bediensteten in den Berliner Gefängnissen brauchten Perspektiven und Wertschätzung, appellierte der Gewerkschafter an die Adresse von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). «Die Kollegen im Justizvollzug erfüllen eine gesellschaftliche Aufgabe. Da darf niemand wegsehen.»
Nach Angaben der Justizverwaltung von Behrendt werden dringend Bewerber für 84 Ausbildungsplätze im zweiten Halbjahr gesucht. Am 1. März startete eine neue Einstellungskampagne für den Justizvollzugsdienst. Es sei weiter eine Herausforderung, genügend geeignete Bewerber für die anspruchsvolle Tätigkeit in den Gefängnissen zu finden, hieß es.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 21. April 2019 10:10 Uhr

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