Brandenburger Akten zu NS-Verbrechen werden digitalisiert

Brandenburger Akten zu NS-Verbrechen werden digitalisiert

Es sind vergilbte Verwaltungsakten - doch sie schildern erschütternde Einzelschicksale aus der Nazi-Zeit. Künftig sollen wichtige Dokumente des Landeshauptarchiv Brandenburgs im Internet abrufbar sein.

Martina Münch

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Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD). Foto: Soeren Stache/Archiv

Potsdam (dpa/bb) - Mehr als 1000 Akten der Behörden in Brandenburg zum Holocaust in der NS-Zeit sollen künftig im Internet abrufbar sein. Das Landeshauptarchiv vereinbarte mit dem Holocaust Memorial Museum in Washington eine Kooperation, wonach rund 900 000 Seiten aus 1138 Akten digitalisiert werden, wie beide Seiten am Mittwoch mitteilten. Zunächst sollen die Dokumente - unter anderem Polizeiakten - für die Forschung in den USA genutzt werden können. Mittelfristig - ab dem Jahr 2020 - sollen sie aber auch direkt auf der Homepage des Landesarchivs abrufbar sein. Das Museum stellt für die Digitalisierung durch einen Dienstleister rund 100 000 Euro zur Verfügung.
In dem Archiv befinden sich zum Beispiel Unterlagen zur Beschlagnahme und dem späteren Verkauf des Segelbootes des jüdischen Physikers Albert Einstein, der sich damals bereits in den USA aufhielt. In einem anderen Dokument wenden sich Inhaber eines Kaufhauses an die Industrie- und Handelskammer Berlin, weil sie vom Boykott jüdischer Geschäfte betroffen waren. Auch die Verfolgung eines Pfarrers aus der Uckermark, der auf die jüdische Herkunft von Jesus verwiesen hatte, ist im Archiv enthalten.
Bislang stehen die Suchkataloge des Landeshauptarchivs zwar schon im Internet zur Verfügung, nicht aber die Dokumente selbst. Diese lagern in Papierform oder als Mikrofilme im Archiv in Potsdam-Golm. Das älteste Dokument ist eine Urkunde des brandenburgischen Markgrafen Albrecht des Bären aus dem Jahr 1160, die jüngsten Dokumente stammen von der Landesregierung am Anfang des 21. Jahrhunderts. Nach Angaben des Direktors des Archivs, Klaus Neitmann, sollen demnächst unter anderem auch Dokumente zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Brandenburg digitalisiert werden.
Kulturministerin Martina Münch (SPD) sagte, Archive seien die zentralen Quellen für das Verständnis der Vergangenheit und Gegenwart. Die Kooperation zur Aufarbeitung des millionenfachen Völkermordes an den Juden und weiterer Menschen in der NS-Zeit sei gerade angesichts der Zunahme von Populismus und Nationalismus wichtiger denn je. «Sie bestärkt uns als Landesregierung darin, rassistischen und antisemitischen Stimmungen bereits früh entschlossen entgegenzutreten», sagte Münch.
Der Direktor des Archivprogramms des Museums, Radu Ioanid, sagte, die digitalen Daten würden die vergleichende Forschung erleichtern. Das Museum zählt jedes Jahr rund 1,7 Millionen Besucher und engagiert sich vor allem mit Hilfe von Spenden auch in der Forschung. In Deutschland kooperiert es bereits mit Staatsarchiven in Berlin, Hamburg und Bayern.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 17. Januar 2018 14:20 Uhr

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