Editorial

Portrait Michael Müller - Regierender Bürgermeister von Berlin
Bild: Senatskanzlei/Martin Becker

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Geschichte und Gegenwart verschränken sich in Berlin. Das kann auch nicht anders sein in einer Stadt, die im vergangenen Jahrhundert Ausgangspunkt für Weltkriege, Rassenwahn und Völkermord war, die zwei Diktaturen erlebte, in Trümmern lag, gewaltsam geteilt war und glücklich wiedervereint wurde. Eine solche Geschichte kann nicht abgehakt und vergessen werden, sie macht die DNA dieser Stadt aus. Das bedeutet auch: Wo immer Neues entsteht, wird die Historie lebendig, deren Gedenken sich Berlin besonders verpflichtet fühlt. So ist es auch beim größten innerstädtischen Wohnungsneubauprojekt im Herzen von Friedrichshain. 600 neue Wohnungen entstehen auf einem ehemaligen Gewerbegelände. Beim Richtfest im April waren auch Angehörige der jüdischen Familie Hirschmann zugegen. Hirschmann: Ein leider vergessenes, aber umso wichtigeres Kapitel Berliner Industriegeschichte, das an diesem Ort geschrieben wurde. Die Hirschmanns gehörten zu den bedeutenden Berliner Industrie-Pionieren. Siegfried F. Hirschmann war Gründer und Geschäftsführer der Deutschen Kabelwerke, ein Unternehmen, von dem zahlreiche Innovationen ausgingen wie zum Beispiel das motorisierte Dreirad „Cyklonette“, das erste Volksauto Deutschlands. Die Nationalsozialisten drängten die Familie Hirschmann aus dem Unternehmen. Siegfried F. Hirschmann gelang mit Frau und Kindern die Flucht nach Guatemala. Andere Familienangehörige wurden von den Nazis ermordet.

Durch das aktuelle Bauprojekt kam diese Geschichte ans Tageslicht. Der Investor benennt den hier neu entstehenden Park nach Siegfried F. Hirschmann. Ferner ließ er die Erforschung der Historie dieses Ortes als Buch veröffentlichen, woran sich Siegfried F. Hirschmanns Enkel, Thomas Simon Hirschmann maßgeblich beteiligte. Er war es auch, der zum Richtfest eine bewegende Rede hielt. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Thomas Simon Hirschmann wurde in Guatemala geboren. Das Exil seiner Eltern und Großeltern wurde ihm zur Heimat. Andere Kinder, darunter auch viele aktuell -Leserinnen und Leser, erlebten die Flucht vor den Nazis bewusst. Ihnen ist die von der Akademie der Künste ausgerichtete Ausstellung „Kinder im Exil“ gewidmet, über die Sie ein Beitrag in dieser Ausgabe von aktuell informiert.

Das Thema „Flucht und Vertreibung“ ist leider auch heute ein sehr drängendes Problem, da Menschen aus Bürgerkriegsgebieten, vor Hunger, Naturkatastrophen und Verfolgung nach Europa fliehen. Ihnen ist das Projekt „Berlin Mondiale“ gewidmet. Dahinter steht ein Netzwerk von Kultureinrichtungen und Unterkünften für geflüchtete Menschen in Berlin. In Tandem-Partnerschaften werden künstlerische Programme und Projekte der kulturellen Begegnung realisiert und somit die Zusammenarbeit mit im Exil lebenden Menschen ermöglicht. Mehr dazu in dieser Ausgabe von aktuell, die auch diesmal wieder einen spannenden Bogen schlägt zwischen Berlins Geschichte und seiner Gegenwart – typisch Berlin eben.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Michael Müller
Regierender Bürgermeister von Berlin