Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz

von Nikola Trboglav

An kaum einem anderen Platz Berlins liegt der Erfolg jüdischer Kaufleute und das Leid der jüdischen Bevölkerung Deutschlands so nah beieinander, wie am Hausvogteiplatz. Die Nationalsozialisten wollten jüdisches Leben an diesem Platz für immer vernichten – heute können Berliner und Berlin-Besucher dort ein bemerkenswertes Mahnmal anschauen, das daran erinnert, dass hier Modegeschichte geschrieben wurde.

Denkzeichen Modezentrum
Bild: Nikola Trboglav

Die Namen und Daten auf den Stufen zur U-Bahn erinnern an zahlreiche jüdische Geschäftsleute, denen ihr Betrieb untersagt wurde

Am südlichen Ende der Oberwallstraße im Bezirk Mitte gelegen, blühte im 19. Jahrhundert die Modeszene Berlins am Hausvogteiplatz auf. Die Modegeschichte begann 1836, als die Berliner Juden David, Moritz und vor allem Valentin Manheimer das textilverarbeitende Unternehmen „Gebrüder Manheimer“ gründeten. Weitere folgten am Hausvogteiplatz ihrem Beispiel und so eröffneten u. a. David Leib Levin, Rudolph Hertzog, die Gebrüder Lewy, Ludwig Lesser, Briese und Loepert, Larkotzki und Hermann Gerson ihre Unternehmen. Letzterer begann seine Karriere um 1837 mit einem Textilhandel. Schon 1841 erweiterte Gerson sein Repertoire mit der Herstellung und dem Verkauf von Konfektionskleidung, um dann 1848 zum Werderschen Markt in der Nähe des Hausvogteiplatzes zu ziehen. Schnell avancierte Gersons gleichnamiges Unternehmen zum größten dieser Art in Berlin. Mit seinen Angeboten im Luxussegment wurde er zum Hoflieferanten.

Berlin entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Modemetropole. Nach dem Abriss des königlichen Gefängnisses und Gerichtes „Hausvogtei“ entwickelte sich das Areal zwischen dem heutigen Hausvogteiplatz, damals im Volksmund Schinkenplatz genannt, und dem Gendarmenmarkt zu einem florierenden Konfektionsviertel.

Ab April 1933 machten die Nazis dem Leben am Hausvogteiplatz noch vor den Kriegsbomben ein Ende.

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Bild: Nikola Trboglav

Das „Haus zur Berolina“ ist einer der wenigen erhaltenen, denkmalgeschützten Bauten. Das Haus beherbergt heute die Wochenzeitung Jüdische Allgemeine

Mit der Machtübernahme durch Hitler begann 1933 die Verfolgung der Juden. Die Konfektionsbetriebe am Hausvogteiplatz waren das Ziel zahlreicher Aggressionen und gravierender Diskriminierungen. Behinderungen in Form von Boykottwachen uniformierter SA-Truppen, die vor den Ladentüren potenzielle Kunden nicht hineinließen und bedrohten, waren an der Tagesordnung.

Um die Geschäftsleute zum Aufgeben ihrer Läden und somit ihrer Existenz zu bewegen, wurden Verordnungen und Erlasse zur Behinderung der Geschäftsfähigkeit veranlasst. Diese Schikanen hatten ihren traurigen Erfolg: Juden mussten ihre Betriebe weit unter Wert verkaufen. Die Firmen wurden häufig von nichtjüdischen Mitarbeitern übernommen. Gerson zum Beispiel hieß fortan Horn, der erst 2003 sein Geschäft am Kurfürstendamm schloss. Wer dazu in der Lage war, verließ nach dem Verkauf seines Ladens das Land. Etwa 4.000 Juden aus dem Berliner Bekleidungsgewerbe wurden deportiert und in Vernichtungslagern ermordet.

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Bild: Nikola Trboglav

Das Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz deutet Ankleidespiegel an: Die begehbaren Innenflächen geben Informationen zu den vertriebenen jüdischen Geschäftsleuten des Konfektionsviertels

Eine 1992 gegründete Initiativgruppe setzte sich für ein Denkmal ein, das am Hausvogteiplatz an die Verfolgung jüdischer Berliner erinnert. Seit dem 10. Juli 2000 ist das „Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz“ für die Öffentlichkeit zugänglich.

Es besteht aus zwei Gebilden. Das eine besteht aus drei schmalen, 2,70 Meter hohen, nach innen geneigten Flächen aus verspiegeltem Edelstahl und erinnert an in der Modebranche übliche Ankleidespiegel. Die Mitte dieser Vorrichtung bildet ein begehbares Dreieck in dessen Boden drei metallene Texttafeln eingelassen sind, die über die Bedeutung und das Schicksal der jüdischen Unternehmer und Angestellten informieren, die hier tätig waren. Das zweite Gebilde des Denkmals illustriert auf den Stufen des U-Bahn-Ein- und Ausgangs diverse Namen und Daten jüdischer Modefirmen. Auf 19 Schildern ist eine Auswahl der jüdischen Unternehmen namentlich aufgelistet. Die Jahres- Hinweise beziehen sich auf die letzten Einträge im Amtlichen Berliner Adressbuch, bevor die Unternehmen „arisiert“ wurden. Dazwischen weisen Stufen ohne Inschrift auf nicht mehr ermittelbare Namen hin.

Der Hausvogteiplatz liegt im Zentrum Berlins, aber er ist nicht so hektisch wie andere Plätze. Und so lässt er den Passanten auch die Möglichkeit, das Mahnmal in Ruhe zu betrachten und inne zu halten. Ein Platz, der zum Nachdenken und Verweilen einlädt.


Der Autor studiert Rechtswissenschaften
an der Freien Universität
Berlin und absolvierte ein Praktikum
in der Redaktion von aktuell.