Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop über den Start der virtuellen Modemesse Fashion Week

Senatorin Pop in New York

Tagesspiegel: Der Senat unterstützt die Neuausrichtung der Berliner Fashion Week mit mehr als drei Millionen Euro. Warum ist es Ihnen so ein großes Anliegen, dass die Berliner Fashion Week weitergeht?
Ramona Pop: Mode ist für Berlin beides, Statement und Wirtschaftsfaktor. Die Mercedes Benz Fashion Week und alle weiteren Formate haben eine enorme mediale Reichweite von vielen Hundert Millionen Impressions. Modekollektionen aus Berlin tragen das Lebensgefühl der Stadt in die ganze Welt. Darüber hinaus konnten wir in fast zwei Jahrzehnten mit den vielen FachbesucherInnen jährlich weit mehr als 100 Millionen Euro an zusätzlicher Wirtschaftskraft für die Berliner Wirtschaft erzielen. Das gute Image wiederum hilft natürlich, um Unternehmen und gut qualifizierte Fachkräfte für Berlin zu begeistern. Für die aktuelle Fashion Week sind die deutlich stärker die Themen Nachhaltigkeit und CrossCulture noch einmal sehr viel wichtiger geworden, sie gehören einfach zu Berlin. Weiter ausbauen wollen wir ab diesem Sommer Präsentationsmöglichkeiten für die kleinen und größeren unabhängigen Modelabels aus Berlin.

Kommt das Lebenszeichen der Fashion Week inmitten des Lockdowns zum richtigen Zeitpunkt?
Wir denken jetzt bereits an die Zeit nach der Pandemie. Wir nutzen die Herausforderungen von Corona, um neue Formate, Veranstaltungsformen und die verschiedensten digitalen Kanäle zu testen. Damit senden wir ein deutliches Signal, dass die Berlin Fashion Week da ist, sich aber neu ausrichtet. Viele der weltweit relevanten Fashion Weeks bieten während Covid-19 digitale Formate unter höchsten Sicherheitsbedingungen an. Die Lust, sich interessant zu kleiden ist jetzt nur aufgestaut, auch wenn die Veranstaltung erstmal ohne Publikum stattfinden muss.

Wie ist es in der gegenwärtigen Situation möglich, dass im Kraftwerk Mode gezeigt wird, braucht es dafür Ausnahmegenehmigungen?
Alle Veranstalter sichern ganz klar die Einhaltung der geltenden Infektionsschutzverordnung zu und haben situationsgerechte Hygienepläne entwickelt, von Akkreditierungsapps bis zu einem strengen Testregime mit temporären PCR-Test-Stationen.
Sie investieren viel Geld in die Fashion Week, wie sieht es mit der Weiterentwicklung und Unterstützung der Berliner Modeszene außerhalb der zwei Events aus? Wir fördern Mode in Berlin seit weit über zehn Jahren über ein umfassendes Maßnahmenpaket, kein anderes Bundesland hat ein vergleichbares Förderinstrumentarium. Unser Ziel ist es, möglichst viele Unternehmen und Kreativschaffende gut durch die Krise zu bekommen. Gefördert werden unter anderem Weiterbildung, Coachingleistungen und Präsentationsmöglichkeiten ausgewählter Modelabels auf Fashion Weeks in Berlin und Paris.
Aktuell intensivieren wir die Sichtbarkeit der vielen nachhaltigen Modelabels und Shops in Berlin deutlich. Die Maßnahmen werden weitgehend im engen Austausch mit den Branchenstakeholdern entwickelt. Über die genannten Förderungen hinaus werden wir dieses Jahr ein Fashion Hub als ganzjährige zentrale Anlaufstelle für lokale Designerinnen und Designer, Experten und internationale Delegationen aufbauen. Für die Unternehmen haben wir Workshops zur Unterstützung bei der Digitalisierung der Geschäftsprozesse sowie mit unserer Digitalprämie Zuschüsse zu IT- Anschaffungen im Angebot. Mit expliziten Hilfen für Berliner Modelabels stellen wir diesen mehr Liquidität zur Verfügung, damit wir auch nach der Covid-19-Pandemie noch eine vielfältige Modelandschaft haben.

Wie wichtig ist Ihnen die Berliner Modeszene mit ihren Designer*innen, Agenturen und all den Satelliten wie Models, Stylisten, Make-up-Künstlern?
Sehr wichtig. Mehr Input über die wirtschaftliche Relevanz des Kernbereichs der Mode sowie angegliederte Branchen werden wir über die neue bundesweite Studie des Fashion Council Germany mit dem Oxford Institute erhalten. Für Berlin ist die wirtschaftliche Entwicklung mehr als deutlich an den Zahlen ablesbar. Rund 3100 Unternehmen mit 25.000 Erwerbstätigen sind hier im Modebereich tätig. Innerhalb der letzten zehn Jahre sind 1000 Unternehmen, 10.000 Erwerbstätige sowie fünf Milliarden Euro an jährlichem Umsatz hinzugekommen. Ich bin überzeugt, dass sich diese Entwicklung nach einer Erholungsphase fortsetzt.

Wie ist Ihr Ausblick auf eine Zeit nach der Coronakrise für die Kreativwirtschaft in Berlin?
Es gibt ein Leben nach Videokonferenzen in Schlabberhose. Die Art wie wir uns kleiden wird ein wichtiges Ausdrucksmittel für die Zeit nach der Pandemie sein. Schauen sie wie rasant sich die Mode nach der Spanischen Grippe entwickelt hat. Um dafür gerüstet zu sein und Berlin das Know-how zu erhalten, war es wirtschaftspolitisch essenziell, den frühen und schnellen Fokus auf die Selbstständigen und Kreativen zu richten und sofort Hilfe in der Pandemie zu leisten. So haben wir Berliner Kreativunternehmen seit Beginn der Pandemie mit weit über 600 Millionen Euro an Sofort- und Coronahilfen unterstützt, dutzende Veranstaltungen in hybride und digitale Veranstaltungen umgewandelt. Darüber hinaus haben wir noch weitere Fördermaßnahmen beschlossen. Dazu zählen auch zusätzliche Mittel für die Berlin Fashion Week. Zusammen mit der finanziellen Unterstützung wollen wir den Fortbestand der Branche und deren Arbeitsplätze so gut wie möglich sichern. Wenn wir das schaffen, hat die Berliner Mode alle Chancen, nach einer Erholungsphase das Wachstum fortzusetzen.

Viele Selbstständige der Kreativbranche mussten im vergangenen Jahr aufgeben. Aber gerade all die Soloselbständigen sorgten für den kreativen Nährboden der Stadt, wie wird das die Stadt verändern?
Berlin hat rund 70.000 Soloselbständige im Kreativbereich. Viele dieser Selbständigen haben sich im Zuge der andauernden Pandemie umorientiert, einige haben neue feste Beschäftigungsverhältnisse, andere haben Zusatzqualifikationen aufgesattelt und so für ein doppeltes Netz gesorgt. Die Anzahl der Soloselbständigen wird nach einer Erholungsphase wieder deutlich ansteigen, aber es wird auch Brüche in den Biografien geben.

Ihrer Partei ist das Thema Nachhaltigkeit in der Mode sehr wichtig. Wie wollen Sie den Fokus auf Nachhaltigkeit in der Stadt sichtbarer machen?
Wir werden in Kürze ein gemeinsames Nachhaltigkeitsverständnis zahlreicher Berliner Veranstalter und Verbände präsentieren. Das ist eine gute Grundlage für unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten. Auch das Thema Kreislaufwirtschaft liegt uns am Herzen. Mit der Senatsverwaltung für Umwelt beabsichtigen wir das Vorhaben „Re Use“, das systematische Sammeln und Wiederverwenden von Kleidungsstücken, weiter auszubauen. Die Medienwirksamkeit der Fashion Week werden wir dafür nutzen, das Thema nachhaltige Kleidung stärker in der Allgemeinheit zu verankern.

Wie stehen Sie zur neuen Fashion Week in Frankfurt. Glauben Sie, dass zwei Standorte in Deutschland funktionieren können, oder ist das nicht zu viel Verwirrung?
Es braucht Jahre bis ein Format wie die Fashion Week aufgebaut ist. Wir werden sehen, wie Frankfurt das gelingt. In der Zwischenzeit gedenken wir in Berlin unsere Chance zu nutzen.

An wen richtet sich die neu ausgerichtete Fashion Week primär – an ein Fachpublikum oder an alle?
Der Trend bei den Formaten geht klar in Richtung B2C. Ich halte es dennoch für wichtig, ab Sommer den Einzelhandel noch stärker in die Aktivierungen einzubinden sowie einige B2B-Formate anzubieten. Auch zusätzliche Messen kann ich mir vorstellen. Berlin ist ein einziger Laufsteg. Modeerprobte Veranstaltungsorte haben wir in Berlin, wie zum Beispiel die Hangars in Tempelhof.

Wird die Fashion Week auch in Zukunft digital ausgerichtet und für alle erreichbar sein?
Mit dem zunehmenden Fortschritt der Impfungen hoffen wir im Sommer auf eine Fashion Week, die stärker hybrid ist und uns wieder Möglichkeiten zur persönlichen Vernetzung gibt. Wie in anderen Branchen gehe ich davon aus, dass die digitale Kommunikation mit Covid-19 einen deutlichen Schub bekommt.

Wie wichtig ist es, die Entwicklung der Mode in Berlin zum jetzigen Zeitpunkt politisch zu lenken?
Unsere Rolle war in den letzten Jahren vor allem die der Moderatorin zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Veränderung kann nur im Austausch zwischen den Stakeholdern und mit gegenseitigem Respekt passieren.

Tragen Sie Mode von Berliner Designern?
Ich trage gerne Kleider und bin Fan der nachhaltigen Marken Working Title und Cruba, ich mag aber auch Lanius aus Köln sowie des Startups Sneaker Rescue.

Das Interview wurde geführt von Grit Thönnissen und erschien im Tagesspiegel vom 18.01.2021.