Nach der erheblichen öffentlichen Resonanz der Einweihung hat sich die verwaltungsinterne, denkmalpflegerische und politische Diskussion über die weiteren Gestaltungsmaßnahmen im Alten Stadthaus beschleunigt. Die öffentliche und fachliche Diskussion betrifft nahezu alle Teile des historischen Gebäudes: von der Rekonstruktion der Fortuna-Figur auf dem Turmhelm (Fertigstellung 2004) bis zur figürlichen Ausstattung der Großen Festhalle. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf die Wiederaufstellung des Berliner Wappentieres in der Großen Festhalle, dem Bärensaal.
Die Bronzeskulptur wurde im Jahre 1959, als das Gebäude Sitz des DDR-Ministerpräsidenten war, aus der Großen Festhalle entfernt und auf dem Gelände des Tierparks Berlin-Friedrichsfelde aufgestellt. Nach positiven Stellungnahmen zur Rückführung der Originalskulptur durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, den ehemaligen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, sowie namhafte Denkmalpfleger aus dem Großraum Berlin-Brandenburg hatte der Senator für Inneres im Dezember 1999 verbindlich den historischen Standort für die Wiederaufstellung der Skulptur auf einer originalgetreuen Nachschöpfung des historischen Sockels festgelegt.
Der Tierpark war mit der Rückführung des Originals einverstanden.
Der auf hohem Postament stehende Bronze-Bär ist eine Arbeit von Prof. Georg Wrba (1872-1939), einem der bedeutendsten deutschen Bildhauer zwischen Historismus und Moderne.
Die Höhe des Sockels wurde von Wrba gewählt, um eine Untenansicht des Bären zu erreichen; so konnte angemessene Würde durch Distanz entstehen. Der vergleichsweise grob gearbeitete Bär bezieht sich komplementär auf die filigrane Ornamentierung (Lorbeerkranz auf der Stirnseite sowie umlaufender Fries oben und unten als Lesbisches Kymation) und Proportionierung des Sockels aus lothringischem Kalkstein (Euviller Juragelb). Bärenskulptur und Sockel bilden so eine künstlerische Einheit. Der historisch belegte Standort ist deshalb für das gesamte Ensemble so wichtig, weil die Wechselbeziehung zwischen der Spruchweisheit jüdisch-christlicher Tradition auf der einen Seite und dem, die Metropole Berlin symbolisierenden Wappentier auf der anderen nur so deutlich gemacht werden können.
Der Berliner Bär steht in einem symbolischen Dreieck, das Ausdruck der Dreieinigkeit ist, dem "Auge Gottes". Es ist an seinen jeweiligen Ecken von einer Spruchweisheit Salomos gekennzeichnet, die wiederum von klassisch-griechischer bzw. römischer Ikonographie ergänzt wird: Eros und Agape (Amor und Psyche), Poseidon (Neptun) und Aphrodite (Venus). Der hier deutlich werdende künstlerische Zusammenhang unterstreicht das Fundament europäischer Kultur- und Geistesgeschichte. Diese Symbolsprache ist ein einzigartiges Dokument der Berliner Stadtkultur des beginnenden 20. Jahrhunderts. Der Architekt Ludwig Hoffmann hatte es zu Beginn des Jahrhunderts für notwendig erachtet, die Wichtigkeit einer Wertbindung der Bevölkerung auch seitens der Stadt zu unterstreichen:
Man übernahm die biblische Spruchweisheit als Bürgertugend in einer Zeit in die Obhut der Hauptstadt, in der sich normative Bindungen abzuschwächen schienen. Daneben wurde das kommunikative Konzept zwischen dem Wappentier Berlins und den Bürgertugenden dadurch unterstrichen, dass in der Mittsommerzeit der Bär durch die Fenster direktes Sonnenlicht erhält.
Die Wertbindung ist auch heute ein wesentliches Element der politischen Kultur.
Die Entscheidung des Senats zur Wiederherstellung des Alten Stadthauses von Berlin ist für die architektonische Qualität der Stadtmitte bedeutsam.
Die Einrüstung des Stadthausturms mit dem Ziel der Generalsanierung sowie der völligen Wiederherstellung seines figürlichen Schmuckes erfolgt derzeit.
Die Große Festhalle bildete mit ihren biblischen Reliefsprüchen sowie dem Wappentier, dem Bären, das geistige Zentrum des Gebäudes.
Die Rückkehr der Bronze-Skulptur an ihren historischen Standort ist tatsächlich und symbolisch zu Beginn des neuen Jahrhunderts ein weiterer sehr bedeutsamer Schritt zur Wiederaneignung des kulturellen Erbes von Berlin.
Dr. Peter Fleischmann