Die Senatorin erklärt: Zeitarbeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen begrenzen

11.06.2019

Der vermehrte Einsatz von Zeitarbeitskräften in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gefährdet die Qualität der Pflege. Im Interview erklärt Senatorin Dilek Kalayci, wie sie dagegen vorgehen will.

  • Wieso wird Zeitarbeit (Leiharbeit/ Leasing) im Pflegebereich der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu einem Thema in der Gesundheits- und Pflegepolitik?

Dilek Kalayci: Immer mehr Pflegekräfte entscheiden sich für die Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma und gegen eine Festanstellung im Krankenhaus. Insbesondere höhere Gehälter und Arbeitszeiten, beispielsweise keine Nachtschichten, veranlassen Pflegefachkräfte zu einem Wechsel aus der festen Anstellung in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung zu einer Zeitarbeitsfirma. Die Einrichtungen beklagen, dass Pflegepersonal, beispielsweise im intensivmedizinischen Bereich, gezielt abgeworben wird. Es ist zu einem Ungleichgewicht in der Arbeitsteilung gekommen. Während die Leiharbeiter*innen die bessere Bezahlung und attraktivere Arbeitszeiten haben, steigt die Last und Verantwortung für die festangestellten Pflegekräfte.

Die Überlastungssituation der Pflegekräfte und der Fachkräftemangel führen zu der für Zeitarbeit ungewohnten Situation, dass sie nicht mehr vorzugsweise als Einstieg in die Festanstellung von arbeitssuchenden Menschen oder Menschen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen genutzt wird, sondern als Arbeit zu verbesserten Bedingungen.

  • Welche Probleme ergeben sich für die Pflege in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen?

Kalayci: Viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind auf den Einsatz von Zeitarbeitenden angewiesen, um eine ausreichende Personalbesetzung zu erreichen. Sie sind quasi erpressbar. Der Fachkräftemangel spielt den Leiharbeitsfirmen in die Hand. Die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen beklagen gravierende Folgen des Einsatzes: Die Arbeitsbedingungen für festangestellte Pflegekräfte verschlechtern sich (vermehrt ungünstige Arbeitszeit, weniger eingearbeitetes Personal) und deren Belastung nimmt zu, da sie zusätzlich zu den sonstigen Aufgaben auch die Einarbeitung und Supervision der Zeitarbeitnehmer*innen übernehmen müssen. Dadurch verstärkt sich die Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation. Die Leiharbeit verstärkt die Probleme in der Pflege. Hinzu kommen Klagen darüber, dass keine Verlässlichkeit gegeben ist, wenn zugesagte Zeitpflegekräfte nicht erscheinen.

Problematisch ist das Phänomen auch aus gesundheits- und pflegepolitischer Sicht. Pflegefachkräfte, die die Strukturen und Prozesse eines Krankenhauses oder einer Pflegeeinrichtung nicht kennen, gefährden die Patientensicherheit und die Pflegequalität, wenn sie nicht eng in ein Team eingebunden sind. Die notwendige Bezugspflege, wie eine längerfristige Bindung und Vertrautheit der Pflegekraft zum Pflegebedürftigen ist nicht gewährleitstet. Das ist gerade für Demenzpatienten unabdingbar. Im Übrigen ist der dauerhafte Einsatz von Zeitarbeitnehmer*innen an Stelle von festangestellten Kräften auch ein Kostenfaktor.

  • Was macht die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung?

Kalayci: Leiharbeit in der Pflege sehe ich grundsätzlich problematisch. Leiharbeit darf maximal für kurzfristige Ausfälle eingeplant werden. Leider werden sie zu oft in die Pläne zur Abdeckung des Fachpersonalbedarfes eingestellt. Dafür ist Zeitarbeit aber nicht vorgesehen. Wären Leiharbeitsfirmen nicht aktiv, würden die vorhandenen Pflegekräfte festeingestellt werden können. Wir benötigen mehr feste Einstellungen, bessere Bezahlung und mehr Pflegekräfte im System, damit sich die Arbeit auf mehr Schichten verteilt und somit die Arbeitsbedingungen besser werden. Ich setze mich gemeinsam mit den Einrichtungen dafür ein, dass Zeitarbeit im Pflegebereich weitgehend überflüssig wird. damit die berufliche Zufriedenheit steigt und Pflegekräfte nicht aus dem Beruf abwandern. Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung hat dafür mit den Einrichtungen den „Berliner Pakt für Pflege“ geschlossen, der ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels enthält, wie beispielsweise die Erhöhung der Auszubildendenzahlen und der Attraktivität des Berufes.

Im „Berliner Pakt für Pflege“ ist die Eindämmung der Zeitarbeit als wichtiges Handlungsfeld beschrieben. Die Partner*innen des Paktes nehmen sich selbst in die Pflicht, die Arbeitsbedingungen und die Vergütung in der Pflege so attraktiv zu gestalten, dass sich mehr Menschen künftig für eine Festanstellung im Pflegeberuf entscheiden und im Anschluss langfristig festangestellt dort verweilen. Sie stimmen darin überein, dass die Leiharbeit in der Pflege eine Dimension erreicht hat, die nicht mehr zur Problemlösung beiträgt, sondern sie teilweise verstärkt und deshalb eingedämmt werden muss.