Sexuelle Selbstbestimmung

Trotz guter gesetzlicher Rahmenbedingungen ist sexuelle Selbstbestimmung auch in Deutschland nicht immer selbstverständlich. Das wird vor allem vor dem Hintergrund patriarchalischer Familienverhältnisse und der Statistiken zu sexuellen Übergriffen und Gewaltdelikten deutlich.

Sexuelle Selbstbestimmung als individuelles Rechtsgut

In vielen Ländern der Erde sind die Möglichkeiten sexueller Selbstbestimmung von Frauen massiv eingeschränkt, insbesondere in Regionen mit stark ausgeprägten patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen, wirtschaftlicher Abhängigkeit, diskriminierender Gesetzgebung und Phänomenen wie Zwangsehe, Zwangsprostitution, weiblicher Genitalverstümmelung und nicht zuletzt Diskriminierung von Lesben, Bi- und Transsexuellen.
In Deutschland ist sexuelle Selbstbestimmung ein individuelles Rechtsgut, das jeder Bürgerin und jedem Bürger garantiert, über seine Sexualität frei zu bestimmen. Bedrohungen der und Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung stellen Straftaten dar. Gesetze stecken einen staatlichen Handlungsrahmen ab. Eine gesellschaftliche Akzeptanz für selbstbestimmte Lebensformen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen und eine Gleichbehandlung beanspruchen, kann aber nur mittelfristig über gesellschaftliche Sensibilisierungsprozesse erreicht werden.

Rahmenbedingungen und Handlungsbedarfe

Vielfalt – Diversity – beschreibt das Leben in Berlin treffend – insbesondere auch in Bezug auf Fragen der sexuellen Selbstbestimmung und Identität.
Berlin bietet Frauen – und natürlich auch Männern – gute Möglichkeiten für eine persönliche Orientierung über Fragen der sexuellen Selbstbestimmung. Es gibt ein differenziertes Netz an Beratungsstellen und Unterstützungsangeboten zu Fragen der Familienplanung, des Schwangerschaftskonflikts, aber auch zu sexuell übertragbaren Krankheiten und AIDS.
Für einen Teil der Frauen mit Migrationshintergrund kann es problematisch sein, sich im Berliner Gesundheits- und Hilfesystem zurechtzufinden. Die Strukturen sind ihnen nicht vertraut, vielfach werden die Behandlungsansätze und Unterstützungsangebote als fremd erfahren und Sprachschwierigkeiten erhöhen die Hemmschwelle zur Nutzung der vorhandenen Angebote.
Wenn sich Mädchen und Frauen aus streng patriarchalischen Familienverhältnissen entgegen den familiären Erwartungen für eine freie Partnerwahl, eine selbstbestimmte Sexualität und Lebensgestaltung entscheiden, sind sie häufig mit familiären Drucksituationen konfrontiert, die in krisenhafte Entwicklungen münden können. Hier besteht Bedarf an leicht verständlichen Informationen und niedrigschwelligen Zugängen zum Hilfesystem.

Situation in Berlin

Mit der Einrichtung des Gemeindedolmetschdienstes wurde in Berlin ein unterstützendes Angebot eingerichtet, das die sprachliche Hürde deutlich senkt und auch einen Beitrag zur kulturellen Verständigung leistet.
Viele Berliner Beratungseinrichtungen für Frauen und für Familien sind inzwischen sensibilisiert für die Problemlagen junger Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund. Sie beraten zu Fragen der sexuellen Selbstbestimmung und bei Problemen, die sich aus dem Bedürfnis nach einer eigenständigen Lebensgestaltung und Partnerwahl ergeben. Auch zu Fragen der vorehelichen Jungfräulichkeit und Hymenrekonstruktion erhalten die Hilfe suchenden Mädchen und jungen Frauen Rat und Informationen.
Ein gravierender Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen stellt die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) dar. Insbesondere Mädchen und Frauen mit Herkunft aus afrikanischen Staaten sind mit dieser tief verwurzelten Tradition konfrontiert, die in Deutschland unter Strafe gestellt ist.

Beratungs- und Hilfeangebote

  • Hilfe bei sprachlichen Schwierigkeiten bietet der Gemeindedolmetschdienst. Er unterstützt in sozialen Beratungsstellen bei der Kommunikation mit Eltern, Kindern und Hilfesuchenden, die über einen Migrationshintergrund und nur geringe Deutschkenntnisse verfügen.
  • Die Psychiatrische Universitätsklinik der Charité hat ein deutsch-türkisches Krisentelefon für Frauen eingerichtet, die nicht mehr weiter wissen und Hilfe brauchen.
  • Der Verein Frauenkrisentelefon e.V. bietet täglich telefonische interkulturelle Krisenberatung für Frauen.
  • Das Krisen- und Beratungszentrum Lara bietet für vergewaltigte und sexuell belästige Frauen telefonische und persönliche Beratungsgespräche.
  • Der Berliner Krisendienst steht Hilfesuchenden jeden Tag rund um die Uhr zur Verfügung.
  • Die BIG Hotline ist ein Unterstützungsangebot für alle Frauen und deren Kinder, die in ihrer Beziehung Gewalt erleben. Unter der Rufnummer 030 – 611 03 00 ist die BIG-Hotline an jedem Tag und zu jeder Uhrzeit erreichbar – auch an Wochenenden und Feiertagen rund um die Uhr. Die Beratung ist auf Wunsch anonym.
  • Die Wildwasser Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen e.V. bietet Hilfe für Frauen und Mädchen, die von sexueller Gewalt betroffen sind.