Berlin startet Zeitzeugenprojekt „Archiv der anderen Erinnerungen“ zum Paragrafen 175

Pressemitteilung vom 28.03.2014

Die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, und der Geschäftsführer der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Jörg Litwinschuh, stellten heute das gemeinsame Zeitzeugenprojekt „Archiv der anderen Erinnerungen“ vor. Berlin will damit die Repressionsgeschichte von Lesben, Schwulen und transgeschlechtlichen Menschen aufarbeiten. Im Zentrum steht die strafrechtliche Verfolgung schwuler Männer nach 1945 in beiden deutschen Staaten. Der Strafrechtsparagraf 175 stellte bis 1968/1969 jegliche einvernehmlichen sexuellen Handlungen zwischen Männern unter Strafe.

Anwesend war als Zeitzeuge ein 78-jähriger Arzt, der davon berichtete, wie die Bedrohung des Paragrafen 175 schon ab seiner Jugendzeit und während seiner ganzen beruflichen Laufbahn seine Lebensentscheidungen beeinflusste. Er musste miterleben, dass Freunde und Bekannte wegen ihrer Veranlagung nicht nur Gefängnisstrafen erlitten, sondern dass auch Fälle von Suizid mit der gesetzlichen Bedrohung und der gesellschaftlichen Skandalisierung zusammenhingen.

In der Bundesrepublik kam es bis 1969 zu 50.000 Verurteilungen. Aus der DDR sind 1.300 Verurteilungen bis 1959 dokumentiert.

Dazu Senatorin Kolat: „Wir haben das Jahr 2014. Die Frauen und Männer, die die Zeit der Verfolgung und Repression wegen ihrer sexuellen Orientierung in der frühen Bundesrepublik und der DDR erlebt haben, sind heute zwischen 70 und über 90 Jahren alt. Es ist höchste Zeit, sie zu Wort kommen zu lassen!“

Die Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld haben ein Video-Dokumentations-Projekt initiiert, um die Erfahrungen der noch lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für die Forschung aufzuzeichnen und für die Überlieferung an die jüngeren Generationen zu erhalten.

Über das Videoprojekt hinaus soll gemeinsam mit weiteren Partnern die Geschichte der Repressionen gegen Schwule, Lesben und transgeschlechtliche Menschen in der frühen Bundesrepublik und der DDR aufgearbeitet werden. Für Lesben war dies eine Zeit der Tabuisierung und des Verschweigens ihrer Lebensform, über die Lebenssituationen transgeschlechtlicher Menschen ist sehr wenig bekannt.

Mit der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung durch Senatorin Dilek Kolat und Jörg Litwinschuh setzt der Senat einen weiteren Impuls zur Weiterentwicklung der Initiative „Berlin setzt sich ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“.

Die Humboldt Universität zu Berlin mit der Forschungsstelle Archiv für Sexualwissenschaft und das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin sind weitere Kooperationspartner.

Weitere Informationen: http://mh-stiftung.de/zeitzeug_innen-interview-projekt-der-bundestiftung-magnus-hirschfeld/

Kooperationsvereinbarung: /lb/ads/schwerpunkte/lsbti/schwerpunkte/index.php#geschichte