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Müller im Interview mit der B.Z.: Hier spricht der Regierende über Currywurst, Corona und vertane Chancen

06.07.2021

Im neuen B.Z. Podcast interviewt Florian Zschiedrich wirklich “jute Leute”. Zum Auftakt traf er den scheidenden Rathaus-Chef Michael Müller

Berlin – Zur Premiere des neuen B.Z.-Podcast “Jute Leute” empfing Moderator Florian Zschiederich (35) die Nr.1 der Berliner Landespolitik vorm Mikrofon: den Regierenden Michael Müller (56, SPD), der nach der Wahl im September vom Roten Rathaus in den Bundestag wechseln will.

Finden können Sie das fast einstündige Gespräch über Müllers Leben in Berlin im Internet auf bz.de – die wichtigsten Auszüge aus dem Interview gibt’s hier!

B.Z.: Sie haben eine besondere Verbindung zu Tempelhof. Wollten sie nie woanders hin, oder ist es da einfach so schön?

Müller: Beides. Es ist ein unterschätzter Bezirk, gerade der Norden von Tempelhof rund um den Platz der Luftbrücke. Es ist ein grüner Stadtbezirk, und man ist trotzdem schnell in der City – egal ob Steglitz, Mitte, Willy-Brandt-Haus, Landtag, überall wo ich hin muss, bin ich in 10, 15 Minuten. Die ganze Familie lebt da seit Jahrzehnten – auch meine erwachsenen Kinder.

Jetzt eine Fragerunde zu den Berliner Lieblingen. Haben Sie…

einen Lieblings-Imbiss?

Kudamm 195, Currywurst. Ich esse gerne Würstchen.

eine Lieblings – Grünfläche?

Tempelhofer Feld. Die Freifläche ist großartig. Im Winter denkt man, man ist in Finnland, wenn ein bisschen Schnee liegt.

ein Lieblings-Restaurant?

Wenn es etwa Besonderes sein soll, was man nicht alle Tage macht: das Facil.

ein Lieblings-Museum?

Das Brücke-Museum in Dahlem ist wunderbar, auch unterschätzt, weil es nicht in der Mitte liegt. Oder das Kolbe-Museum in Westend.

ein Lieblings-Lied über Berlin?

Ich glaube, Peter Fox hat den Ton und die Stimmung ganz gut wiedergegeben, etwa in “Schwarz zu Blau”.

Hatten Sie jemals die Schnauze voll von Berlin?

Na ja. Ein paar Stunden, ab und zu. Da denkt man, muss das wieder sein? Diese Aufgeregtheiten manchmal! Die Berliner ticken so, aber medial wird das auch noch unterstützt. Als ob wir die einzigen auf der Welt wären, wo sowas dann passiert – das nervt nun mal.

Wohin fliehen Sie, wenn es eine Auszeit gibt? Mecklenburgische Seenplatte oder Spreewald?

Spreewald ist toll, aber es kann dann schon gerne etwas weiter gehen ans Meer. Mit der Familie sind wir früher Ostern immer nach Sylt gefahren. Sich mal richtig durchpusten lassen.

Gibt es Sehenswürdigkeiten in dieser Stadt, die Sie noch nie gesehen haben? Waren Sie schon mal auf der Siegessäule?

Tatsächlich noch nicht ganz oben. Kurios, denn ich war schon auf dem Brandenburger Tor, oben auf der Quadriga.

Wo, sagen Sie, ist Berlin Vorbild?

Diese Offenheit ist mehr als ein Klischee. Man kann in Berlin gut ankommen. Man wird nicht ausgegrenzt, man muss nicht zu einer bestimmten Gesellschaft gehören. Das ist eine Stärke.
So sind nicht alle Städte.

Wo hat Berlin Nachholbedarf?

In der Stadtwicklung, in der Verwaltung, in der Digitalisierung. Es wird sehr viel über Berlin gelästert, was alles nicht funktioniert. Aber man muss sich mal die Brüche unserer Geschichte angucken. Es ging erst einmal bergab nach der Wende. 20 Prozent Arbeitslosigkeit, Bonn hat nichts mehr bezahlt, Unternehmen sind weggegangen. Was wir in Berlin jetzt erleben, diese gute Entwicklung, ist aus den letzten zehn Jahren.

Was hat sich am meisten unter Ihnen als Bürgermeister verändert?

Die Wissenschaft hat einen anderen Stellenwert bekommen. Kurios ist, dass ein Bürgermeister, der kein Abitur und kein Studium hat, dass der ausgerechnet noch Wissenschafts-Senator wird und alles gut gelingt. In der Corona-Zeit haben wir erlebt, wie die Wissenschaft uns geholfen hat.

Ärgert es Sie, wenn Wissenschaftliches infrage gestellt wird?

Es ist oft zutiefst dumm und schädlich. Natürlich muss Wissenschaft ertragen, dass es auch Widerspruch gibt. Aber einfach abzulehnen und zu sagen: “interessiert mich nicht, ich unterhalte mich jeden Tag mit zehn Leuten in meiner Kneipe und dann weiß ich schon Bescheid”, das ist nicht in Ordnung

Sie sind turnusmäßig Vorsitzender der Ministerpräsidenten-Konferenz. Wie schwierig war es für Sie, im Zuge der Pandemie immer wieder Korrekturen verkünden zu müssen?

Das ist schwer. Ich sehe doch, was die Stadt ausmacht: die Lebendigkeit, die Offenheit, Kultur, 200 000 Studierende, Sportangebote, und dann sitzt man selbst da und muss bundesweit über den Fernseher verkünden, was ab morgen in der eigenen Stadt zugemacht werden muss. Was geholfen hat in der Zeit, war das gute Abstimmen mit anderen. Man hatte nicht das Gefühl, aus einer Unsicherheit schießt man jetzt selbst über das Ziel hinaus.

Inwiefern war das für Sie das Herausforderndste in Ihrer Amtszeit?

Kurz nach der Amtsübernahme begann es mit diesem Flüchtlingszustrom. Dann hatten wir das Attentat auf dem Breitscheidplatz und jetzt anderthalb Jahre die Corona-Situation. Corona war für mich persönlich nicht der tiefste Einschnitt. Ich war in der Nacht des Anschlags am Breitscheidplatz. Die verletzten und toten Menschen zu sehen und wie die Rettungskräfte da arbeiteten, das vergisst man nicht.

Sie hatten mit Ihrem Vater eine Buchdruckerei in Tempelhof. Wie hat diese Arbeit sie als Politiker geprägt?

Ich habe erlebt, dass mein Vater nicht wusste, wie er die Gehälter zahlen soll. Oder die eigene Wohnungsmiete, weil große Kunden nicht bezahlt haben. Das prägt, und man macht Wirtschaftspolitik nicht nur für milliardenschwere Industrie-Unternehmer, sondern auch für Handwerksbetriebe.

Die SPD hat ein neues Spitzenduo, Franziska Giffey wird zudem Spitzenkandidatin. Hätte man Ihnen nicht noch einmal die Chance auf die Verteidigung Ihres Amtes im Roten Rathaus geben können?

Hätte man machen können. Aber das ist auch völlig normal in einem politischen Leben. Ich mache ja alles sehr lange. Ich bin 25 Jahre Abgeordneter. Zehn Jahre Regierungsmitglied – drei Jahre erst als Senator, sieben Jahre jetzt als Regierender Bürgermeister. Dann kann man sagen, man macht nochmal vier oder fünf Jahre. Aber man kann auch sagen, das war gut, und jetzt macht man was anderes.

Was würden Sie sagen: Wie gut ist es Ihnen gelungen, Berlin durch die bisherige Corona-Zeit zu steuern?

Ich glaube, gut. Als es losging mit Corona, gab es ganz viele, die gesagt haben, das klappt nie: vier Millionen Einwohner, Berliner Mentalität, und was weiß ich nicht. Verwaltung funktioniert sowieso nicht und und und – wir hatten nicht einen einzigen Tag, wo wir bundesweit die schlechtesten Zahlen hatten.

Warum ist Olaf Scholz der richtige Kanzlerkandidat? Was hat er, was Sie nicht haben?

Er ist einfach ein kluger Kopf. Er ist einer der wenigen Politiker, die ich kenne, die sich auch ganz bewusst Zeit nehmen zum Lesen. Er sagt, nein, ich will das jetzt wissen. Ich lese mir das an, ich berate mich, ich gucke, was ich daraus für eine Initiative formulieren kann.

Was macht es mit Ihnen, wenn Hunderttausende Menschen für eine konsequentere Klimapolitik immer wieder auf die Straße gehen?

Politik muss lernen, dass junge Leute sagen, es reicht uns nicht mehr, was da passiert. Umgekehrt müssen die Demonstranten lernen, dass Politik immer ein Abwägungsprozess bleibt. Wenn ich etwas Umweltpolitisches entscheide, hat es Auswirkungen vielleicht in der Steuerpolitik oder in der Baupolitik. Und wieder sind Hunderttausende betroffen.

Gibt es einen Punkt, wo Sie sagen, ich bin nicht so weit gekommen, wie ich kommen wollte?

Was richtig wehtut, wo ich nicht viel voranbringen konnte, ist bei dem ganzen Thema Verwaltungs-Beschleunigung und Verwaltungs-Vereinfachung. Ist in Berlin auch nicht einfach mit den zwölf Bezirken. Jeder eine selbstbewusste Stadt mit rund 300 000 Einwohnern, eigenem Parlament, eigener Regierung, eigenem Bürgermeister. Und die leben ihr Selbstbewusstsein.
Müssten Berlins Bürger gemeinsam für die Schulden dieser Stadt aufkommen, so müsste jeder knapp 18 000 Euro zahlen.

Was war die höchste Schuldensumme, die Sie jemals hatten?

Das hatte ich nicht. Hatte noch nie Schulden. Hängt vielleicht auch mit diesem kleinen Handwerksbetrieb zusammen.

Spielen bei Ihnen soziale Medien eine große Rolle?

Ich selbst habe nicht wirklich Spaß daran, alle paar Minuten aufs Handy zu gucken und wieder zu twittern, dass ich jetzt tatsächlich auch noch meine Bratwurst esse. Es ist ja irre, was Leute da alles von sich geben.

Was wird Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie nicht mehr Regierender sind?

Als Regierender Bürgermeister wird mir die Ausstellung vom Museumschef erklärt. Und das ist natürlich wunderschön, ich genieße das. Oder Reisen. Ich konnte als Bundesratspräsident nach Jordanien reisen. Ich lernte, dass dieses Land selbst arm ist und trotzdem Millionen Flüchtlinge aufnimmt. Als Tourist würde ich nach Petra reisen, mir die Felsenstadt angucken und sagen: toll. In meiner Situation kann ich Dinge nochmal anders erleben.

Wo sehen Sie Berlin in fünf Jahren ?

Mit dieser internationalen Metropole geht ja vieles einher. Mehr Menschen, wahrscheinlich auch steigende Preise, vielleicht auch ein Stück Anonymität in einer noch größeren Stadt. Und trotzdem: Diese Quartiere, dieses Nachbarschaftliche in den Bezirken, das wird bleiben.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Ich muss nichts beweisen oder die nächsten Karriereschritte planen. Ich freue mich richtig auf den Bundestag, aber es gibt keinen großen Lebensplan.