Müller im Interview mit der Berliner Morgenpost: „Jede Investition in die Wissenschaft zahlt sich aus“

02.04.2017

PIA/2. April 2017
Der Regierende Bürgermeister von Berlin und Wissenschaftssenator, Michael Müller, hat der Zeitung „Berliner Morgenpost“ ein Interview über mehr Studienplätze, große Investitionen und Nobelpreise für Berliner Forscher gegeben. Das Gespräch führten Andreas Abel und Joachim Fahrun. Das Interview ist am 2. April 2017 unter der Überschrift “Jede Investition in die Wissenschaft zahlt sich aus“ erschienen. Das Presse- und Informationsamt dokumentiert den Text im Wortlaut.

Das Land Berlin investiert in den kommenden Jahren 721 Millionen Euro mehr in die Wissenschaft. Das kündigte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) im Interview mit der Berliner Morgenpost an. Müller hat mit Beginn dieser Legislaturperiode das Kulturressort gegen die Wissenschaft getauscht. Ein Gespräch über Potenziale und Anforderungen, die Exzellenzinitiative der Berliner Universitäten und die Suche nach Weltstars der Wissenschaft.

Herr Müller, Sie sind Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator. Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie schwierig ist es, das beides unter einen Hut zu bekommen?

Michael Müller: Eine Sechs, würde ich sagen. Inhaltlich ist es gar nicht schwierig, aber zeitlich natürlich schon.

Sie haben ja anderswo viel Ärger, da ist doch die Wissenschaft etwas richtig Schönes, oder?

Die Aufgabe macht mir viel Freude. Aber es macht sich eben nicht von alleine. Ich bin zum Beispiel in den abschließenden Gesprächen zu den Hochschulverträgen natürlich dabei gewesen. Und in solche Themen muss man sich richtig einarbeiten.

Am 3. April müssen die Clusterskizzen für die Bewerbungen zur bundesweiten Exzellenzinitiative der Hochschulen vorliegen. Wie viele Anträge erwarten Sie durchzubringen? Was ist realistisch?

Berlin reicht 16 Skizzen ein. Wir erwarten, dass daraus erfolgreiche Anträge folgen. Aktuell hat Berlin vier Exzellenzcluster, diese Zahl würden wir gerne weiter ausbauen. Das ist der Anspruch, den wir den Universitäten gegenüber formuliert haben.

Was zeichnet die Berliner Bewerbung aus?

Die Kooperation der Universitäten untereinander und mit der Charité ist eines der Markenzeichen Berlins. Ein zweites ist das breite Spektrum, von den Geistes- und Sozialwissenschaften bis zu den Natur- und Lebenswissenschaften. Das zeichnet den Standort insgesamt aus und spiegelt sich auch in den Anträgen wider. Aber wir dürfen uns nicht selbstzufrieden zurücklehnen, es ist ein harter Wettbewerb.

Wird es langfristig mehr Studienplätze geben?

Wir haben 180.000 Studierende in der Stadt. Das können langfristig auch noch mehr werden. Aber wir müssen dafür Kapazitäten schaffen, sowohl beim Lehrangebot und der Personalausstattung, als auch bei den Wohnangeboten.

Welches sind denn die großen Investitionen im Wissenschaftsbereich in dieser Legislaturperiode?

Die große Summe sind die 3,5 Prozent mehr Geld, die wir den Hochschulen jährlich zusätzlich im Rahmen der Hochschulverträge geben. Hinzu kommen die echten Bauinvestitionen, jährlich 100 Millionen Euro. Das ist eine große Kraftanstrengung für die Stadt. Nur drei Beispiele: Bis 2022 fließen jeweils um die 100 Millionen in die Sanierung der Chemie an der FU, der Mathematik an der TU und des Uniklinikums Benjamin Franklin, das wir im laufenden Betrieb schrittweise modernisieren. Dazu kommen berlinweit neue Bauvorhaben, ein Herzzentrum etwa, oder modernste Forschungsbauten in den Lebenswissenschaften, für die wir auch erfolgreich eine Kofinanzierung des Bundes sichern konnten. Investitionen sind natürlich auch bei Bewerbungen um neue Wissenschaftsinstitutionen notwendig, so bei der Europäischen Medizin Agentur oder beim Deutschen Internet Institut.

Berlin lockt immer mehr ausländische Studierende an, die hier gratis studieren. Sollten die nicht etwas bezahlen, wie anderswo auch?

Da denken wir nicht dran. Die gebührenfreie Bildung ist uns bildungs- und sozialpolitisch wichtig. Es kommt ein politisches Argument hinzu: Gerade in einer Zeit, in der es darum geht, Internationalität und Offenheit zu bewahren und Grenzen zu überwinden, wäre eine Gebührenpflicht für internationale Studenten das falsche Signal.

Aber bleibt angesichts der weltweiten Konkurrenz genug Platz für Berliner Abiturienten an Berlins Hochschulen?

Das ist ein bundesweites Thema. Ich sehe an meinen Kindern, dass es nicht einfach ist, einen Studienplatz zu bekommen. Die Kriterien sind überall hart. Aber zu sagen, dass auswärtige Bewerber unseren Berliner Jugendlichen die Plätze wegnehmen, wäre schlichtweg falsch.

Wo sollen die vielen Studenten denn wohnen? Wie sieht es aus mit dem Bau neuer Studentenwohnungen?

Wir sind leider noch entfernt von dem Ziel von 5000 zusätzlichen Plätzen aus der vergangenen Legislaturperiode. Wir müssen da mehr Dynamik reinkriegen. Über die landeseigene Berlinovo haben wir einen guten Partner, der ja schon einige Projekte umsetzt. Wir überlegen aber, ob wir auch wieder mit dem Studierendenwerk kooperieren, um einen weiteren guten Partner neben städtischen Gesellschaften und den Privaten zu haben.

Wie viele Plätze möchten Sie schaffen?

Die 5000 sind schon unsere Zielmarke.

Es gibt einige Anforderungen an die Hochschulen. Berlin braucht mehr Lehrer. Ziel sind 2000 Absolventen im Jahr, bisher sind es 1000. Müssen die Hochschulen die Ausbildungsoffensive selber finanzieren oder bekommen sie extra Geld dafür?

Es ist auch bei der Lehrkräftebildung zunächst eine Kapazitätsfrage. Um diese zu gewährleisten, erhalten die Hochschulen zusätzliche Finanzierung in den Hochschulverträgen, das sind in den fünf Jahren rund 70 Millionen Euro. Aber nur weil Geld zur Verfügung steht, heißt das ja nicht automatisch, dass die Zahlen erreicht werden. Wir müssen das Lehrerstudium natürlich besser gestalten, Quereinstiege ermöglichen und auch den Beruf attraktiver machen. Ob sich die jungen Leute dann für dieses Studium entscheiden und es auch durchhalten, können wir nicht politisch herbeibeschließen. Darüber hinaus braucht Berlin ja auch weitere Fachkräfte, etwa Mitarbeiter für die allgemeine Verwaltung, in Gesundheitsberufen, Pädagogik und Sozialer Arbeit. All diese Bedarfe finden sich wieder in den Hochschulverträgen. Das Land hat da klare Ansprüche formuliert.

Es wird über den Sinn verschiedener Studienfächer debattiert. Die AfD kritisiert etwa vehement die Genderforschung. Müsste der Senat besser nach den Bedarfen der Berliner Wirtschaft steuern und eben lieber Informatiker ausbilden lassen als Romanisten?

Das kann nicht unser wissenschaftspolitischer Weg sein. Die Geisteswissenschaften gehören genauso dazu wie Technik oder Naturwissenschaften. Die verschiedenen Fachkontexte befruchten sich ja auch gegenseitig. Und es ist genau dieser Mix, der unsere Stärke und Dynamik ausmacht und auch für Unternehmen als Standort sehr attraktiv macht.

Sie wollen die Fachhochschulen stärken. Soll es dort ein Promotionsrecht geben?

Durch die neuen Hochschulverträge stärken wir im großen Umfang die Forschung an den Fachhochschulen. Knapp 28 Millionen Euro fließen in die Schaffung neuer wissenschaftlicher Stellen. Es war uns wichtig, die kooperativen Promotionen zwischen den Fachhochschulen und Universitäten zu stärken, und das haben wir auch in den Verträgen vereinbart. Das Promotionsrecht verbleibt aber bei den Universitäten.

Haben Sie inzwischen alle 50 IT-Professoren besetzt? Zeigen sich schon positive Effekte dieser Initiative?

Da hat sich eine enorme Dynamik entwickelt. Inzwischen liegen Zusagen für die Finanzierung von über 50 Professuren vor, im Zusammenspiel zwischen dem Land Berlin, Einstein Stiftung, Unternehmen, den Berliner Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen. Aktuell laufen rund dreißig Berufungsverfahren, zwei Professoren und eine Professorin wurden bereits in kürzester Zeit berufen. Und weitere Ausschreibungen sind in Vorbereitung. Es wird international wahrgenommen, dass Berlin hier einen eindeutigen Schwerpunkt setzt, um die Möglichkeiten und Auswirkungen der Digitalisierung zu erforschen.

Es wird oft kritisiert, Berlin mache ökonomisch zu wenig aus seinen naturwissenschaftlichen Fakultäten. Wird es ein Chemie-Gründerzentrum an der TU geben?

Es ist etwas dran, dass manche in der Verwertung und Umsetzung von Erfindungen schneller und besser sind als wir. Unsere Hochschulen haben die Bedarfe erkannt und sind mit Gründungszentren und anderen Initiativen sehr aktiv. Alle Standorte, an denen Labs, Acceleratoren oder Inkubatoren entstehen, werden gut angenommen. Und die Ergebnisse sprechen für sich: Hochschulausgründungen haben der Stadt in letzten Jahren 22.000 neue Jobs gebracht und knapp drei Milliarden Euro erwirtschaftet. Wir brauchen diese Orte vor allem als Treffpunkte zwischen neuer, digitaler und traditioneller Wirtschaft. Das geplante Chemie-Gründungszentrum ist auch ein solcher Ort, dazu sind wir gerade in Gesprächen.

Die frühere Wirtschaftssenatorin Yzer hat sich ziemlich kritisch geäußert über die Netz-Infrastruktur in Berlin. Sehen Sie da Handlungsbedarf in Sachen Leitungskapazität?

Es gibt ja Initiativen der Fraunhofer-Gesellschaft mit der Telekom, die gemeinsam den neuen Mobilfunkstandard 5G erproben. Die Wirtschaft wünscht sich immer mehr, aber ich habe Klagen über schlechte Leitungen nicht als Haupthinderungsgrund für die Entwicklung von Berlins Digitalwirtschaft erfahren. Es sind eher die zunehmend knappen Flächen und Räume, die den jungen Unternehmern Sorgen bereitet.

Gibt es eigentlich mal irgendwann wieder einen Weltstar der Berliner Wissenschaft, der oder die einen Nobelpreis gewinnt? Muss man das anstreben als Wissenschaftsmetropole?

Berlin hat viele preisgekrönte Forscherinnen und Forscher mit internationaler Ausstrahlung, erst kürzlich gingen wieder zwei der renommierten Leibnizpreise nach Berlin. Manche Forscherinnen und Forscher werden auch für den Nobelpreis gehandelt, Emmanuelle Charpentier etwa, ein Star der molekularen Infektionsbiologie in Berlin. Sie ist seit 2015 Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Klar ist es für uns ein Thema, wie wir die großen Stars der internationalen Wissenschaftsszene ansprechen können. Dabei geht es nicht nur um Gehalt, sondern um Mitarbeiter, Labore und Ausstattung. Da brauchen wir auch finanzielle Möglichkeiten, um flexibel reagieren zu können. Die Einstein Stiftung spielt hier bereits eine wichtige Rolle, die wir auch künftig stärken wollen.

Was macht eigentlich das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG)? Es scheint nach der Debatte um die Struktur ein wenig still geworden zu sein um diese Kooperation zwischen der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin?

Es gab eine komplizierte Startphase, auch weil die Verantwortung des Bundes und des Landes ausgelotet werden mussten. Das BIG unterstützt alle Initiativen der Charité. Das Institut wird auch präsenter und sichtbarer werden, wenn sein Neubau für 70 Millionen Euro in Mitte fertig ist. Ende Februar wurden fünf zentrale Professuren international ausgeschrieben, die zugleich als Gründungsdirektoren oder Direktorinnen einzelner BIG-Center fungieren werden. Wir konnten aber auch schon Forscherinnen und Forscher gewinnen, etwa für die Leitung von zwei Nachwuchsforschergruppen.

Aber was hat denn der Steuerzahler davon, der das ja alles bezahlt?

Über kurz oder lang werden Patienten von den Forschungsergebnissen profitieren, da bin ich sicher. Und die positive Entwicklung Berlins wird getrieben durch das wissenschaftliche Umfeld. Unser internationaler Auftritt basiert sehr stark auf dem Wissenschaftsstandort. Alle großen Konzerne müssen erklären, warum sie in Berlin bleiben und nicht dorthin gehen, wo zum Beispiel die Löhne billiger sind: Sie bleiben auch, weil sie hier die innovativen Leute finden. Deshalb zahlt sich jede Investition in die Wissenschaft aus.