Auf dem Weg zur Millionenmetropole 1856-1912

Karl Seydal
Karl Seydel (1863 - 1872) Bild: Landesarchiv Berlin

Der Beginn der Regierungszeit von Wilhelm I. als preußischer König war von dem Gefühl des Aufbruchs in eine neue Zeit bestimmt. Auch in der Stadtverordnetenversammlung war ein liberalerer Geist zu spüren. Für Berlin begann nun die klassische Periode der städtischen Selbstverwaltung, was gelegentliche Konflikte mit den preußischen Regierungsstellen mit einschloss. Ein Ausdruck dieses bürgerlichen Selbstbewusstseins war nicht zuletzt der Bau des neuen repräsentativen Rathausgebäudes (“Rotes Rathaus”), für das 1861 der Grundstein gelegt werden konnte. Im selben Jahr wuchs durch Eingemeindungen mehrerer Vorstädte die Fläche des Berliner Stadtgebietes von 35 auf 59 Quadratkilometer; 1867/68 wurde die Stadtmauer abgerissen. 1862 begann mit Carl Theodor Seydel, der der Fortschrittspartei angehörte, die Reihe bedeutender Persönlichkeiten als Oberbürgermeister, die das Amt mit mehr politischem Gewicht ausfüllten. Seydel, geboren am 14. Juli 1812 in Minden und Schwager des Mediziners und Politikers Rudolf Virchow, prägte nachhaltig den Wandel Berlins zur modernen Großstadt. So sorgte er dafür, dass mit den Planungen für ein Kanalisationssystems begonnen wurde. Auch die Anlage von Treptower Park und Humboldthain geht auf seine Initiative zurück. Schon nach Abschluss der ersten Bauphase tagte der Magistrat unter Leitung Seydels 1865 zum ersten Mal im neuen Berliner Rathaus. Fünf Jahre später kam hier erstmals auch die Stadtverordnetenversammlung zusammen.

Arthur Hobrecht
Arthur Hobrecht (1872 - 1878) Bild: Landesarchiv Berlin

Nachfolger von Carl Theodor Seydel, der bis 1872 als Oberbürgermeister amtierte und nur kurze Zeit später, am 9. Januar 1873, in Berlin starb, wurde Arthur Hobrecht, ein Bruder des Stadtbaurates James Hobrecht, von dem der Berliner Bebauungsplan aus dem Jahre 1862 und der Entwurf für das Kanalisationssystem stammen. Arthur Hobrecht, geboren 14. August 1824 in der Nähe von Danzig, gehörte der Nationalliberalen Partei an und verfügte bereits über einschlägige Erfahrungen als Oberbürgermeister von Breslau. Er setzte sich unter anderem für eine städtische, das heißt nicht kirchliche und auch nicht staatliche Schulaufsicht ein und fand dafür starke Unterstützung im liberalen Bürgertum. 1878 folgte er dem Ruf Bismarcks und wurde preußischer Finanzminister. Nur einige Monate später trat er nach Differenzen mit Bismarck von diesem Amt wieder zurück. Fortan arbeitete er in der Wirtschaft und betätigte sich als Schriftsteller. Er starb am 7. Juli 1912 in Berlin.

Max von Forckenbeck
Max von Forckenbeck (1878 - 1892) Bild: Landesarchiv Berlin

Am 26. September 1878 wurde Dr. Max(imilian) von Forckenbeck von der Stadtverordnetenversammlung an die politische Spitze Berlins gewählt. Forckenbeck, geboren am 23. Oktober 1821 in Münster, führender Repräsentant des Liberalismus und Gegenspieler Bismarcks, war eine der prägendsten Persönlichkeiten in der Reihe der Berliner Oberbürgermeister. Zunächst führender Vertreter der Fortschrittspartei, gehörte Forckenbeck 1866 zu den Mitbegründern der Nationalliberalen Partei. Er war Präsident des Preußischen Abgeordnetenhauses von 1866 bis 1873 und Reichstagspräsident von 1874 bis 1879 sowie seit 1872 Oberbürgermeister von Breslau. In seiner Berliner Amtszeit legte auch er einen besonderen Schwerpunkt auf die Entwicklung des Schulwesens und sorgte unter anderem dafür, dass neben dem evangelischen auch katholischer und jüdischer Religionsunterricht angeboten wurde. Ferner widmete er sich dem Ausbau des Straßennetzes und der Schaffung von Grünanlagen, darunter der Kreuzberger Viktoriapark mit seinem Wasserfall, der zwischen 1888 und 1891 entstand. Nur zwei Jahre nachdem Max von Forckenbeck 1890 in seinem Amt bestätigt worden war, erkrankte er schwer und starb am 26. Mai 1892 in Berlin. Als sein Nachfolger wurde Robert Zelle gewählt, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit 30 Jahren dem Magistrat angehört hatte. Der Jurist Zelle, geboren am 18. September 1829 in Berlin, der auch als Publizist hervortrat, galt als linksliberal und hatte seine politische Heimat in der Fortschrittspartei gefunden. Sein besonderes Augenmerk galt der Sozialpolitik. Im März 1898 reichte er offiziell aus Altersgründen seinen Rücktritt ein, wobei die wiederholten Konflikte vor allem mit sozialdemokratischen Stadtverordneten dabei auch eine Rolle gespielt haben dürften. Robert Zelle starb am 24. Januar 1901 in Meseberg bei Gransee.

Robert Zelle
Robert Zelle (1892 - 1898) Bild: Landesarchiv Berlin

Die wichtigste kommunale Herausforderung blieb auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bewältigung des enormen Bevölkerungszuwachses als Folge der Industrialisierung: 1877 wurde die Millionengrenze überschritten, 1905 zählte Berlin bereits zwei Millionen Einwohner. Eine der dringendsten Aufgaben war die Schaffung des Kanalisationssystems, dessen erster großer Teilabschnitt 1876 in Betrieb genommen wurde. Während Berlin vor allem seit 1871 als Hauptstadt des Deutschen Reiches an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewann, wurde die Wahrnehmung der Verwaltungsaufgaben durch die Eigenständigkeit der Nachbargemeinden erschwert. Allein zwischen 1890 und 1916 entstanden rund um Berlin 17 neue Rathäuser, darunter das Charlottenburger, das Rixdorf/Neuköllner, das Wilmersdorfer, das Spandauer und das Schöneberger Rathaus.

Martin Kirschner
Martin Kirschner (1899 - 1912) Bild: Landesarchiv Berlin

Zum Nachfolger Robert Zelles wählte die Berliner Stadtverordnetenversammlung am 23. Juni 1898 Martin Kirschner. Allerdings dauerte es 18 Monate bis dieser seine Bestätigung durch Wilhelm II. erhielt. Das Verhältnis zwischen der Stadtregierung und dem Monarchen war konfliktträchtig. Immer wieder musste Berlin Versuche abwehren, die städtische Selbstverwaltung zu untergraben. Kirschner, ein Parteikollege seines Vorgängers und ebenfalls Jurist, war am 10. November 1842 in Freiburg (Waldenburg, heute Walbrzych) geboren worden. Seit 1881 gehörte er der Breslauer Stadtverordnetenversammlung an; 1893 wurde er auf Empfehlung Max von Forckenbecks zum Berliner Bürgermeister gewählt. In seiner Amtszeit als Oberbürgermeister erfolgte der weitere Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Unter anderem konnte 1902 die erste Berliner U-Bahnstrecke eingeweiht werden. Nach dem Ende der zwölfjährigen Wahlperiode wurde er im Dezember 1911 in seinem Amt bestätigt, kündigte jedoch schon im darauffolgenden Frühjahr aus gesundheitlichen Gründen an, sich von seiner Position zurückziehen zu wollen. Ende August 1912 schied er aus dem Amt und starb wenig später, am 13. September 1912, im Erholungsort Ehrwald in Tirol.