Vormärz und Revolution in Berlin

Wilhelm Heinrich Krausnick
Wilhelm Krausnick (1834-1848 / 1851-1861) Bild: Landesarchiv Berlin

Mit dem Juristen Wilhelm Krausnick, geboren am 30. März 1797 in Potsdam, trat im Oktober 1834 ein erfahrener Verwaltungsmann an die politische Spitze Berlins. Aus den Kompetenzstreitigkeiten um seinen Vorgänger zog er die Konsequenzen und stärkte mit dem „Regulativ über das Geschäftsverfahren für den Magistrat von Berlin“ deutlich die Stellung des Oberbürgermeisters gegenüber den anderen Magistratsmitgliedern. Eines der zentralen Probleme seiner ersten – der vorrevolutionären – Amtsperiode war das Bevölkerungswachstum: Allein in den ersten drei Jahrzehnten nach den Befreiungskriegen verdoppelte sich die Einwohnerzahl Berlins auf mehr als 400.000. Im Berliner Vormärz nahm die politische Unzufriedenheit des liberalen Bürgertums im selben Maße zu, wie sich die soziale Lage weiter Bevölkerungsteile verschlechterte. Neben Wien wurde Berlin zum Zentrum der Märzrevolution von 1848.

Die Hauptforderungen der Märzbewegung waren die nationale Einigung des in Teilstaaten zersplitterten Deutschlands, die Schaffung einer allgemeinen deutschen Volksvertretung, Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit, die Amnestie politischer Gefangener, unabhängige Richter sowie gleiche politische Rechte aller, unabhängig von Besitz und Religion. Krausnick, ein Konservativer, überraschte die Berliner, als er sich an die Spitze des Protestes gegen die vom König betriebene einseitige Unterstützung orthodoxer Kreise der protestantischen Kirche in Preußen setzte. Seine so gewonnene Popularität verspielte er jedoch wieder, als er – 1846 von der Stadtverordnetenversammlung im Amt bestätigt – 1847 das öffentliche Tagen der Stadtverordnetenversammlung verhinderte und es zu Beginn der Revolution ablehnte, über den offiziellen Weg des Magistrats Forderungen an den König heranzutragen. Als Gegner der Revolution wurde er noch im März 1848 zum Rücktritt gezwungen.

Im Zuge der Februar-Revolution 1848 in Frankreich hatte sich die Stimmung auch in Berlin radikalisiert: Auf zahlreichen Kundgebungen, zu denen die Menschen in den „Zelten“ im Tiergarten zusammen kamen, wurden liberale Reformen gefordert. Vor dem Brandenburger Tor kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär. Als am 18. März bei einer Versammlung mit rund 10.000 Teilnehmern Soldaten erschienen und Schüsse fielen, löste das blutige Barrikadenkämpfe mit zahlreichen Toten und Verletzten aus. Am 21. März lenkte der König ein: Friedrich Wilhelm IV. ritt mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde, dem Zeichen der deutschen Einigungsbewegung und freiheitlicher Gesinnung, durch die Stadt und akzeptierte eine Verfassungsgebende Preußische Nationalversammlung.

Am 31. März 1848 übernahm Franz Naunyn, geboren am 29. September 1799 im ostpreußischen Drengfurt, als kommissarischer Oberbürgermeister die Amtsgeschäfte des Stadtoberhauptes, nachdem er vier Jahre lang als Stellvertreter Krausnicks dem Berliner Magistrat angehört hatte. Im Mai 1848 fanden auf Grundlage des allgemeinen und gleichen Stimmrechts für Männer die Wahlen zur Deutschen und zur Preußischen Nationalversammlung statt. Letztere trat anfangs in der Singakademie und dann im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt zusammen, um über eine zukünftige Verfassung zu beraten. Doch schon im November setzten sich in Berlin die reaktionären Kräfte durch: Preußische Truppen unter General Wrangel marschierten in die Stadt ein. Die Preußische Nationalversammlung wurde zunächst gezwungen, in Brandenburg zu tagen und wenig später – ebenso wie die Bürgerwehr – aufgelöst. Vergeblich hatte der amtierende Oberbürgermeister Naunyn an der Spitze des Magistrats versucht, diese Maßnahmen zu verhindern. Andererseits hatte sich die Berliner Stadtregierung gegen den von der Nationalversammlung beschlossenen Aufruf zum Steuerboykott gewandt.