dapd: Laut einer Forsa-Umfrage finden zehn Prozent der Berliner den Mauerbau voll und ganz sowie weitere 25 Prozent teilweise richtig. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?
Ich bin immer etwas vorsichtig mit solchen Zahlen, zumal die Fragestellung sehr komplizierrt war. Aber es beunruhigt mich schon, dass es immer noch Menschen gibt, die aus unserer Geschichte nichts gelernt habenn. Dass die Mauer eine widernatürliche Trennung der Stadt hervorgerufen hat, Menschen ins Unglück stürzte oder sie sogar das Leben kostete, nur weil sie die Freiheit wollten, sollte eigentlich allen präsent sein. Es gibt deshalb keinen Grund, einen Schlussstrich zu ziehen. Notwendig ist vielmehr ein aktives Gedenken, auch als Mahnung für die Zukunft.
dapd: Worauf führen Sie zurück, dass vor allem Menschen im Osten die Mauer rechtfertigen?
Gerade im Osten haben die Menschen am meisten unter der Mauer gelitten, deshalb ist das besonders unverständlich. Offenbar ist teilweise noch Zustimmung zum alten Regime vorhanden. Das macht mich traurig. Vielleicht ist es auch so, dass einige derjenigen, die sich mit dem Regime arrangiert hatten, heute den alten Zeiten nachtrauern.
dapd: Auffallend ist, dass insbesondere Anhänger der Linkspartei zu denen gehören, die Verständnis für den Mauerbau aufbringen. Hat Ihr Koalitionspartner ein Demokratiedefizit?
Jede Partei muss sich aktiv mit der Geschichte auseinandersetzen, besonders natürlich die Linke. In Berlin ist das geschehen. Diese Aufarbeitung war nach der Wahl 2001 eine Voraussetzung für die Koalition zwischen der SPD und der damaligen PDS. Die Notwendigkeit gilt aber auch für die CDU, die nach der Wende die einstige Ost-CDU aufgenommen hat, ohne sich auseinanderzusetzen.
dapd: Manche argumentieren, dass die DDR auch ihre guten Seiten hatte...
Es darf nicht verdrängt und nicht vergessen werden. Auch im Rückblick gibt es keinen Grund, die DDR-Diktatur zu verharmlosen oder sich zum Zweck der Entschuldigung einzelne Punkte aus dem Alltag herauszusuchen, die vielleicht positiv waren. Insgesamt war es ein Unrechtsstaat. Und daran gibt es nichts zu rütteln.
dapd: Junge Leute wissen kaum etwas über die DDR. Muss in den Schulen mehr getan werden?
Jugendliche wissen überhaupt wenig über deutsche Geschichte. An den Schulen sollte deshalb mit Projekttagen, Exkursionen und Begegnungen mit Zeitzeugen der Geschichtsunterricht lebendiger gestaltet werden, damit er junge Menschen auch emotional anspricht. Dabei helfen Originalschauplätze wie das frühere Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen, wo Opfer authentisch über die Grausamkeit des Systems berichten können. Die Rahmenpläne für den Unterricht bieten diese Möglichkeiten. Sie müssen verstärkt genutzt werden. Dazu sollten Lehrer auch in der Aus- und Fortbildung besser befähigt werden.
dapd: Wie kann verhindert werden, dass der Mauerbau nach den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet?
Die Gefahr besteht in der Tat, deshalb haben wir ein Gedenkstättenkonzept erarbeitet. Am 13. August wird der zweite Bauabschnitt der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße übergeben. In der Gedenkstätte Hohenschönhausen beginnen die Umbauarbeiten. Außerdem werden an der früheren Grenze zwischen West-Berlin und Brandenburg 29 Stelen zur Erinnerung an die Maueropfer aufgestellt. Wir hören nicht auf mit der Gedenkarbeit, sondern setzen sie konsequent fort.
dapd: Können Sie sich selbst an den Mauerbau 1961 erinnern?
Als Kind von fast acht Jahren habe ich natürlich nicht die Erinnerung wie Ältere, aber die Nervosität und Unruhe bei den Erwachsenen habe ich schon gespürt. Ich bin groß geworden im Ortsteil Lichtenrade, der damals praktisch von der Mauer umgeben war. Die Grenze und die Ohnmacht gegenüber der DDR-Staatsgewalt wurde uns insbesondere dann bewusst, wenn wir die Stadt verlassen wollten und die Transitwege benutzen mussten.
dapd: Spielte die Bedrohung im Alltag eine Rolle?
Das Thema war immer präsent, aber die Menschen haben natürlich nicht täglich in Angst und Schrecken gelebt. Die Bedrohung wurde häufig durch konkrete Anlässe deutlich. Wenn der Bundestag zum Beispiel in Berlin tagte, rasten die Düsenjäger der Sowjets darüber hinweg und die Scheiben klirrten, dann empfanden wir diese militärische Demonstration als bedrohlich.
dapd: Hatten Sie vor dem Mauerfall einen Bezug zu Ost-Berlin?
Ich weiß noch, dass unser Deutschlehrer, der an der Humboldt-Universität studiert hatte und anschließend in den Westen kam, mit der Schulklasse zu einer Theateraufführung ins Berliner Ensemble gefahren ist. Das war für uns etwas ganz Besonderes. Und wir haben im Unterricht DDR-Literatur gelesen, zum Beispiel "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf. Später habe ich mir Sehenswürdigkeiten angeschaut, Museen besucht und von dem Geld, das wir umtauschen mussten, am Alexanderplatz Bücher gekauft.
dapd: Wie erlebten Sie den Mauerfall 1989?
Ich war essen im Restaurant. Als ich nach Hause kam, rief mich ein Nachbar an und sagte, mach mal den Fernseher an, die Mauer fällt. Zunächst habe ich an einen Scherz gedacht, dann aber gebannt die historischen Ereignisse verfolgt. Ich selbst bin erst Tage später in den Osten der Stadt gefahren, weil ich als Kommunalpolitiker in Tempelhof damals voll eingespannt war. Wir mussten direkt nach dem Mauerfall ja unter anderem die Auszahlung des Begrüßungsgelds an die Ost-Berliner organisieren.