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Interview Klaus Wowereits mit Super Illu vom 26. Mai 2011

Herr Wowereit, wo finden Sie Berlin am schönsten?

Das mag Sie als Regierenden Bürgermeister freuen: Im selben Heft wie dieses Interview erscheinen zwölf Sonderseiten mit den Sommer-Highlights für Berlin. Wenn Sie privaten Besuch von außerhalb bekommen: Wo führen Sie Ihre Gäste hin?

Ich habe da – außerhalb der klassischen touristischen Bereiche – eine Reihe von Anlaufstellen. Dazu gehören Riehmers Hofgarten, Yorckstraße und Bergmannstraße in Kreuzberg. Und im Prenzlauer Berg immer wieder gerne der Kollwitzplatz, wo man die rasante Veränderung Berlins besonders gut zeigen kann. Hinzu kommt: Beide Kieze haben eine gute Infrastruktur mit schönen Restaurants und Straßencafés.

Ihre persönliche Lieblings-Ecke in Berlin?

Wenn ich Freizeit habe, lasse ich lieber das Auto stehen und bin zu Fuß unterwegs. Da fühle ich mich in meinem Kiez, also oberer Kurfürstendamm mit Seitenstraßen, sehr wohl.

Sie sind bald zehn Jahre Regierender Bürgermeister, treten nun zum dritten Mal an. Da wird der Job irgendwann doch zur Routine. Wie motiviert man sich selbst dazu, immer wieder neu zu kämpfen?

Routine im Beruf ist ja erst einmal nichts Schlechtes. Sie bringt Erfahrung mit sich und ermöglicht es einem, Probleme schneller zu lösen. Routine wird erst dann zum Problem, wenn sie in Langeweile umschlägt, was bei mir nicht der Fall ist. Liegt wohl daran, dass diese Stadt einen immer wieder von Neuem überrascht.

Was hat sich in diesen Jahren am stärksten geändert in Berlin?

Die Stadt ist bunter, offener, internationaler geworden. Die Zahl der Übernachtungen hat sich in diesen zehn Jahren von zehn auf 20 Millionen glatt verdoppelt. Man spürt es geradezu physisch, wie viele Menschen aus aller Welt inzwischen nach Berlin kommen – überall hört man Englisch, Spanisch, Italienisch.

Welchen Anteil haben Sie selbst daran?

Einen großen, wie ich finde. Für mich war der Ausbau des Tourismus von Anfang an ein Schwerpunktthema, obwohl viele gesagt haben, das sei Blödsinn, eine große Stadt müsse doch nicht für sich werben.

Und wie hat sich der Mensch Wowereit in diesen zehn Jahren verändert?

Ganz offensichtlich: Ich bin älter und grauer geworden. Was die Persönlichkeit angeht: Jeder Mensch verändert sich in zehn Jahren, aber woran genau sich das für andere festmacht, das ist für einen selbst doch schwer zu beurteilen.

Was sagt Ihr Lebensgefährte Jörn Kubicki?

Der freut sich, dass ich doch ziemlich auf dem Teppich geblieben bin. Wenn man so prominent ist, dass man überall in Deutschland und oft auch im Ausland von Menschen erkannt wird, ist das eine atypische Situation. Trotzdem versuche ich, privat ein ganz normales Leben zu führen. Und das gelingt auch
einigermaßen – abgesehen davon, dass so wenig Freizeit da ist.

Können Sie inzwischen nicht mal früher Feierabend machen?

Nee, die Termine werden ja nicht weniger (lacht). Das Einzige, was sich verändert hat: Heute würde es theoretisch reichen, sich fünf Minuten bei einer Veranstaltung blicken zu lassen, weil die Leute mir ohnehin unterstellen, als Letzter gegangen zu sein.

Gibt es etwas, womit Sie unzufrieden sind, wo Sie sagen: Da hätte ich gerne politisch mehr erreicht?

Ich bin ein ungeduldiger Mensch. So wäre es mir natürlich lieber, wenn wir den Großflughafen BBI schon fertig hätten. Immerhin wird er nun am 3. Juni 2012 eröffnet.

Im Juni 1991, also vor 20 Jahren, fiel im Bundestag der Hauptstadtbeschluss für Berlin, der Regierungsumzug ist nun auch zwölf Jahre her. Ist Berlin in seine Hauptstadt-Rolle inzwischen hineingewachsen?

Hauptstadt zu werden durch Beschluss ist noch mal etwas anderes, als wirklich Hauptstadt zu sein. Den nötigen Mentalitätswechsel, den ich 2001 bei Amtsantritt angemahnt hatte, haben die Berlinerinnen und Berliner inzwischen geschafft. Zugleich ist die Zuneigung, die man im Rest des Landes der Hauptstadt und ihren Bewohnern entgegenbringt, spürbar gestiegen. Von daher: Ich bin zufrieden.

Ist die Aufteilung gemäß Bonn-Berlin-Gesetz, wonach sechs Ministerien ihren Hauptsitz in Bonn haben, noch zeitgemäß?

Nein. Das war damals ein Kompromiss, der die Zustimmung erleichtern sollte. 20 Jahre danach ist es sicher an der Zeit, sich diesen Kompromiss neu anzuschauen. Die 9,2 Millionen Euro im Jahr für Dienstreisen und Telekommunikation, die der jüngste Bericht des Bundesfinanzministers an Aufteilungskosten ausweist, sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Die strukturellen Kosten dürften ein Vielfaches betragen. Hinzu kommt die Ineffizienz solcher Doppelstrukturen, die der Arbeit eines Ministeriums niemals gut tut. Das auf den Prüfstand zu stellen, bleibt Sache der Bundesebene. Aber ich freue mich über jede Initiative aus der Bundespolitik, diesen Zustand zu ändern. Schade allerdings: Die Kanzlerin verhält sich hier, wie so oft, völlig unentschlossen.

Berlin gilt auch als Hauptstadt der Transferempfänger – rund 17 Prozent der Bevölkerung sind Hartz-IV-Empfänger. Sie selber stammen aus Verhältnissen, die man heute gerne Prekariat nennt. Warum funktioniert der soziale Aufstieg heute nicht mehr so wie in den 50er- oder 60er-Jahren?

Damals wurde die Wirtschaft aufgebaut, und wer arbeiten wollte, hat auch einen Job bekommen. Das war zwischenzeitlich anders. Inzwischen haben wir zum Glück wieder einen Aufschwung und damit verbunden eine Zunahme der Arbeitsplätze: Allein seit 2006 sind 118 000 sozialversicherungspflichtige Jobs in Berlin entstanden. Richtig ist aber auch: Wer über Generationen gelernt hat, dass Arbeit etwas Unnatürliches ist, dass Arbeit nur Mühe macht, aber keinen Zusatznutzen bringt, der verliert den Aufstiegswillen. Diesen Aufstiegswillen wieder in den Mittelpunkt zu stellen, ist dringend notwendig. Das geht aber nicht per Anordnung von oben, sondern ist ein langwieriger Prozess und eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft.

Sarrazin hat sich diesen Fragen ausführlich gewidmet. Haben Sie bei Lektüre seines Buches auch Richtiges erkannt? Oder haben Sie es, wie die Kanzlerin, nicht gelesen?

Ich habe es nicht gelesen. Aber es ist ja in den Medien mehr als genug darüber berichtet worden. Außerdem kenne ich die Sprüche von Thilo Sarrazin längst, weil die Leute sich ja schon darüber beschwert haben, als er bei mir noch Finanzsenator war. Ohne im Einzelnen darauf einzugehen: Mir passt es nicht, wenn der Bezieher eines vergleichsweise enormen Einkommens dem Hartz-IV-Empfänger vorrechnet, welche fette Wurst er zu essen hat, damit er mit seinem Regelsatz auskommt. Das finde ich zynisch. Selbstverständlich darf man es kritisieren, wenn Empfänger von ALG II ihr Geld für Alkohol, Zigaretten und Flachbildfernseher ausgeben, statt für ihre Kinder zu sorgen. Aber man muss diese Kritik mit der entsprechenden Sensibilität äußern, sich Pauschalisierungen verkneifen. Das vermisse ich bei ihm.

Ärgern Sie sich, dass die SPD-Bundesspitze gekniffen hat, indem sie den Antrag auf Ausschluss Sarrazins zurückzog?

Gekniffen hat die Parteiführung nun wirklich nicht. Ob es einem gefällt oder nicht: Wir haben laut Parteiengesetz unabhängige Schiedskommissionen. Die zuständige Schiedskommission hat im Fall Sarrazin einen Kompromissvorschlag gemacht und zu erkennen gegeben, wie sie entscheiden würde, wenn man diesen Vorschlag nicht annimmt. Das war zu akzeptieren.

Wenn Sie ihm heute begegnen: Geben Sie Sarrazin noch die Hand?

Ich habe ihn jetzt lange nicht getroffen, insofern kann ich die Frage nur hypothetisch beantworten: Jemandem, den man lange kennt, die Hand zu geben, ist eine Geste der bürgerlichen Höflichkeit, nicht mehr und nicht weniger.

Blick auf die Abgeordnetenhauswahl im September: Die Grünen sind fast gleichauf mit der SPD, macht Ihnen das Angst?

Die Grünen sind eine ernst zu nehmende Konkurrenz. Sie profitieren davon, dass derzeit mit dem Atomausstieg ihr ureigenes Kernthema hoch oben auf der Agenda steht. Das wird sich aber auch wieder ändern, wenn andere Themen in den Blickpunkt rücken.

Wie ist das, gegen Renate Künast Wahlkampf zu machen, zu der Sie früher sogar mal ein gutes Verhältnis hatten? Hat man(n) da Beißhemmungen?

Die muss man bei Renate Künast nicht haben (lacht). Aber es ist ohnehin nicht mein Stil, andere Spitzenkandidaten herabzusetzen. Mir geht es darum, für meine Partei und unsere politischen Konzepte zu werben. Ich lasse mich nicht provozieren.

Was kann Klaus Wowereit als „Regierender“ besser als Renate Künast, die ja auch schon Regierungserfahrung aus ihrer Zeit als Verbraucherschutzministerin hat?

Die Frage ist immer: Wer für welches Amt? Für einen Regierenden Bürgermeister muss im Mittelpunkt stehen, dass er ein Gefühl für diese Stadt hat, sie versteht – und auch liebt.

Sie waren mal Hoffnungsträger der SPD, man hatte Sie sogar schon als potenziellen Kanzlerkandidaten gehandelt. Trauen Sie sich das noch zu, hätten Sie Lust darauf?

Ich kandidiere gerne und aus voller Überzeugung für eine weitere Legislaturperiode für das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Damit sind alle anderen Fragen beantwortet.

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