Herr Wowereit, nennen Sie uns bitte fünf Ostler, die in Berlin an wichtigen Schalthebeln sitzen.
Aus dem politischen Bereich?
Egal, wer immer Ihnen einfällt.
Na, Wolfgang Thierse beispielsweise, der ist ja eine prägende Person. Dann Andreas Penk, der Chef von Pfizer.
Von was?
Pfizer. Das international operierende Pharmaunternehmen, groß, wichtig. Von Karlsruhe nach Berlin umgezogen. Herr Penk ist in Leipzig geboren. Dann Maybritt Illner.
Die Fernsehmoderatorin.
Sie lebt in dieser Stadt, prägt diese Stadt.
Wie sieht’s denn im Senat aus?
Iris Spranger beispielsweise ist Staatssekretärin für Finanzen. Gabi Schöttler war Senatorin, ist heute Bezirksbürgermeisterin in Treptow-Köpenick.
Finden Sie, dass es genug Ostler in den Chefetagen gibt?
Ich finde wichtig, dass man 20 Jahre nach der Einheit nicht danach fragt, wo jemand herkommt, sondern dass sich das in der Weise normalisiert, dass in Führungspositionen Menschen mit ehemaliger Ostbiografie und welche mit Westbiografie vertreten sind. Das zu quotieren und zu quantifizieren, ist schwierig.
Es gibt Studien, die besagen, dass nur fünf Prozent der Führungspositionen von Menschen aus den neuen Bundesländern besetzt sind.
In Ostdeutschland gibt es aber auch wenige Konzernzentralen. Die sitzen in Leverkusen, Düsseldorf, München oder sonst wo. Und den Menschen aus dem Osten fehlen, was das Aufrücken in Führungsjobs betrifft, Jahre in ihrer Biografie. Jahre, in denen andere im Westen die Chance hatten, beruflich in bestimmte Position zu kommen.
Sie finden also nicht, dass da was schiefgegangen ist bei der deutschen Einheit?
Mir gefällt diese Fragestellung nicht. Was heißt hier schiefgegangen! Quoten kann man in der Privatwirtschaft schwer verordnen und insofern finde ich die Frage vom Ansatz her falsch.
Haben Sie denn in Ihrem Amt mal darüber nachgedacht, wie man Menschen fördern kann? Haben Sie nach Talenten gesucht?
Berlin ist der einzige Ort in Deutschland, wo Ost und West von Anfang an zusammengekommen sind. Insofern hat sich die Frage so gar nicht gestellt. 1991 war unsere SPD-Fraktion halb Ost, halb West besetzt - durch die Wahlergebnisse. Zwei parlamentarische Geschäftsführer waren aus dem Ostteil der Stadt. Aber das hat nicht so eine große Rolle gespielt. Da wurde nicht gesagt: Jetzt wird da jemand genommen, weil er diese Ostbiografie hat. Es ging um Qualifikation.
Finden Sie nicht, dass der Osten eine Stimme braucht? Jemanden, der die Biografien versteht, die Sorgen?
Der Osten hat bestimmte Probleme, deswegen treffen sich zum Beispiel die Ost-Ministerpräsidenten und besprechen ihre Belange, und deswegen ist mir auch als erstes Wolfgang Thierse eingefallen oder Christine Bergmann. Man braucht Symbolfiguren.
Frau Bergmann war in den Neunzigern Senatorin. Eine Symbolfigur ist sie heute vermutlich eher nicht. Warum ist es so schwer, Ostler in die Politik zu holen, die für etwas stehen? Sie haben das ja selbst erlebt, als Sie nach dem Mauerfall nach Brandenburg gekommen sind.
Eines war doch auch völlig klar. Viele, die aus dieser Diktatur kamen und sofort in einem völlig veränderten Umfeld Verantwortung hätten übernehmen sollen, haben sich davor erst einmal gescheut. Das ist doch normal. Man kann jemanden mit dieser Verantwortung auch unglücklich machen.
Gibt es diese Scheu heute immer noch?
Ich kenne keinen mehr, der sagt, er traut sich nicht. Es ist auch vorbei, dass man denkt, man muss Verstärkung aus dem Westen in den Osten holen. Beim neuen Humboldt-Präsidenten Olbertz kommt doch auch keiner auf die Idee, ihn wegen seiner Ost-Biografie nicht zu nehmen - mal abgesehen von der Debatte um seine wissenschaftlichen Arbeiten aus DDR-Zeiten.
Darum gab es eine Riesendiskussion.
Die aus westdeutschen Kreisen kam. Wie auch die Debatte bei der Regierungsbeteiligung der Linkspartei in Brandenburg. Das war ein Sturm im westdeutschen und Westberliner Blätterwald. In Brandenburg hat es eher wenig interessiert, außer die CDU vielleicht. Im alten Westen wollen manche nicht wahrhaben, wie das Befinden ist. Oskar Lafontaine hat auch nicht verstanden, was die DDR war. Er hatte vielleicht in vielen Dingen ökonomisch recht, aber von den Emotionen hat er nichts verstanden, weil er in seinem Saarland so weit weg war. Das ist heute noch so.
Haben Sie denn dieses Verständnis?
Ich denke schon.
Woher kommt das?
Durch die Nähe, durch Verwandtschaft, durch Besuche in der DDR, in Ostberlin, wobei das natürlich kein Erleben von DDR-Alltag war. Man war ja immer der Westbesuch, jemand vom anderen Stern.
Hat es vielleicht auch mit Ihrer Familiengeschichte zu tun? Ihr Vater, der ja getrennt von Ihrer Mutter lebte, kam aus Bitterfeld. Haben Sie ihn dort mal besucht?
Ja, als Kind und später, als ich Anfang 20 war.
Bitterfeld war die dreckigste Stadt der DDR.
Wenn du mit einem weißen Hemd aus dem Zug gestiegen bist, war es schwarz, wenn du wieder eingestiegen bist.
Was war das für ein Mensch, Ihr Vater?
Ich kannte ihn kaum.
In Ihrer Biografie vergleichen Sie ihn mit Heinz Quermann, einem DDR-Moderator. Woher kannten Sie Heinz Quermann?
Aus dem Fernsehen.
Sie haben Ostfernsehen gesehen?
Ja.
Kessel Buntes?
Beispielsweise. Auch Willi Schwabes Rumpelkammer. Sandmännchen. Die Sportübertragungen von Olympischen Spielen - die waren manchmal intensiver als die bei uns. Und DDR-Defa-Produktionen geschichtlicher Art über das dritte Reich oder Fallada habe ich gesehen. Und in der Schule habe ich Strittmatter gelesen und Christa Wolf, "Der geteilte Himmel".
Ihr Bruder ist auf der Transitautobahn verunglückt und später auf der Intensivstation des Magdeburger Uni-Klinikums verstorben. Wie hat das Ihr DDR-Bild geprägt?
Der Unfall hätte auch bei Hannover passieren können. Das einzige DDR-Spezifische war, dass es schwierig war, ein Visum zu kriegen, um überhaupt nach Magdeburg zu kommen. Das hat länger als einen Tag gedauert, und das, obwohl jemand um sein Leben kämpfte. Im Klinikum Magdeburg gab es aber eine gute medizinische Betreuung.
Haben Sie sich gefreut, als die Mauer fiel?
Das war ein unglaublicher Glücksmoment. Das finde ich auch heute noch, 20 Jahre danach.
Sie waren dann schnell mit praktischen Dingen beschäftigt. Zum Beispiel mit der Verteilung des Begrüßungsgeldes. Fing damals vielleicht das Missverständnis an? Der Westen teilt aus, der Osten hält die Hand auf. Daraus wurde ja dann schnell eine Erwartungshaltung, die zu Enttäuschungen im Osten und Unverständnis im Westen führte.
Die Erwartung war klar mit materiellem Wohlstand verbunden. Und viele waren einfach zu blauäugig, sind Ganoven in die Hände gefallen. Was alleine an unnützen Versicherungen abgeschlossen wurde! Da wurde Unkenntnis ausgenutzt und natürlich wurden Erwartungen enttäuscht. Auch im ehemaligen Westen musste man sich bestimmte Dinge erarbeiten. Es ist nicht alles Gold, was im Westen glänzte und es war nicht alles schlecht, was es in der DDR gab.
Sie waren damals Stadtrat in Tempelhof. War es für einen Politiker ein berauschendes Gefühl, in so eine Zeit mit so viel Handlungsbedarf zu kommen?
Ja. Ich fand diese Zeit total spannend. So manches lief da ganz anders als gewohnt. Ich weiß zum Beispiel noch, wie dem Personalrat irgendwann mal aufgefallen ist, dass wir ohne seine Zustimmung Sonntagsdienste gemacht haben. Du musstest einfach handeln und konntest das nicht erst anmelden. Ich bin in dieser Hinsicht zwar ein konservativer Mensch, der auch sein Geordnetes braucht, aber ich finde Veränderungen super. In starren Systemen bewegt sich nichts, nur in solchen Umbruchphasen.
Wären Sie heute Regierender Bürgermeister, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?
Das weiß ich nicht. Ich hab ja immer die These, dass jede Zeit ihre Figuren findet. Ob ich zu alten Westberliner Zeiten die richtige Figur gewesen wäre, das weiß ich nicht.
War es aus heutiger Sicht falsch, dem Osten das Westsystem übergestülpt zu haben?
Es gab ja damals diese Diskussionen über den dritten Weg. Ich habe davon nie was gehalten.
Warum nicht?
Weil das nicht gegangen wäre, alleine schon ökonomisch. Du kannst mit offenen Grenzen keinen eigenständigen Weg gehen. Ein bisschen Sozialismus, ein bisschen Kapitalismus, sich von jedem was rauszupicken: Das fand ich nicht tragfähig. Für mich war auch sonnenklar, dass es die Währungseinheit geben muss, sonst hätte es ’ne Revolution gegeben. Die Leute konnten sich ja nicht nur die Nasen an den Schaufenstern platt drücken, die wollten rein. Hundert Mark Begrüßungsgeld waren ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
1994 sind Sie im Landkreis Zossen gegen einen Einheimischen angetreten, um ein Bundestagsmandat zu bekommen. Wieso?
Die hatten keinen und haben mich gefragt. Ich wusste, dass das wegen der Ost-West-Problematik nicht leicht wird. Wenn es da schon einen örtlichen Kandidaten gegeben hätte, hätte ich das nicht gemacht. Dann, eine Woche vor der Wahl, kamen die Königs Wusterhausener doch noch auf die Idee, ihren Landrat zu nominieren. Da konnte ich aber nicht mehr zurück. Es hat vier Wahlgänge gedauert, und im vierten hatte er eine Stimme mehr.
War das Ihre größte Niederlage bisher?
Nö.
Was war denn Ihre größte Niederlage?
Die, die mir einfällt, war so ganz groß auch wieder nicht. Ich habe mich mal in Tempelhof um die Kandidatur fürs Abgeordnetenhaus beworben und bin nicht nominiert worden. Bin danach aber Fraktionsvorsitzender im Bezirk geworden und danach ziemlich schnell Stadtrat. Insofern war es auch nur eine temporäre Niederlage.
Haben Sie in der Wendezeit mal über eine Vereinigung PDS - SPD nachgedacht?
Heute gibt es ja die These, man hätte sich stärker öffnen sollen für ehemalige SED-Mitglieder. Auf der anderen Seite - im Ostteil - gab es auch zu Recht die Haltung: Wir haben nicht für Freiheit gekämpft, um uns anschließend gemeinsam in dieselbe Partei hineinzusetzen. Für die SPD wäre es vielleicht leichter gewesen, die Entwicklung hin zur PDS und später Linkspartei zu verhindern, wenn sie sich stärker geöffnet hätte. Andererseits war das damals nicht eine reale Alternative.
Haben Sie eigentlich mal geprüft, ob es eine Stasi-Akte über Sie gibt?
Das habe ich, bevor ich Regierender Bürgermeister wurde.
Und?
Nichts Besonderes.
Was heißt das? Sie haben auch keine Opferakte?
Auch da gibt’s nicht viel.
Hat Sie das erleichtert?
Ich glaube, ich hätte, wenn es nicht um den Eintritt ins Amt des Regierenden Bürgermeisters gegangen wäre, gar nicht reingeguckt, selbst wenn es was gegeben hätte. Ich wollte das gar nicht wissen.
Wieso nicht?
Mir ist ja nichts passiert.
Sie hatten 2001 keine Probleme, sich von der PDS tolerieren zu lassen, obwohl das in anderen Ländern heute noch ein Politikum ist. Fast zeitgleich haben Sie sich als schwul geoutet. Woher kommt diese Risikobereitschaft bei Ihnen?
Ich würde das nicht Risikobereitschaft nennen. Das hat eher mit Lebenserfahrung zu tun. Entweder du stehst zu bestimmten Dingen, dann musst du da durch, oder du lässt es sein. Der gesamte Regierungswechsel war ein heikles Unterfangen, das hätte ganz böse schiefgehen können. Einige in der Partei hätten sich damals sogar gefreut, wenn es schiefgegangen wäre.
Also war es keine Freude am Risiko, sondern Machtwille?
Es war jedenfalls eine starke innere Rebellion gegen diesen Bankenskandal. Ich habe immer gesagt: Wenn das ungesühnt bleibt, wenn die SPD da weiter in der großen Koalition mitmacht, dann verstehst du die Welt nicht mehr. Ich hatte mich in dieser großen Koalition nie wohl gefühlt, auch im Abgeordnetenhaus nicht. Von rechts die Brandreden der CDU mit Herrn Landowsky, von links die Gegenreden der PDS, das war schon physisch ganz furchtbar.
Sie haben dann nach der Neuwahl mit der PDS eine rot-rote Koalition gebildet. Was hatten Sie für Erwartungen?
Dass wir ein Stück innere Einheit herstellen. Die Linkspartei hatte im Ostteil der Stadt 47 Prozent der abgegebenen Stimmen geholt, das war enorm. Man durfte einen so großen Teil der Bevölkerung nicht ausschließen und sagen, das sind die Schmuddelkinder der Nation. Das fand ich damals schon falsch.
Hat sich die Erwartung, innere Einheit herzustellen, erfüllt?
Rot-Rot war in Meinungsumfragen, wenn es um Koalitionssympathien geht, nie besonders populär. Trotzdem hat diese Normalisierung stattgefunden.
Sie haben sich dann 2006 wieder für die Linke entschieden, obwohl die viel weniger Stimmen als beim letzten Mal hatte und die SPD auch mit den Grünen hätten koalieren können. Warum?
Ganz einfach weil wir gut zusammengearbeitet hatten. Warum soll man das aufbrechen, wenn keine handfesten Dinge für den anderen potenziellen Partner sprechen? Dazu kam, dass das persönliche Verhalten von etlichen Grünen in dieser Phase nicht gedeihlich war.
Waren die Abgeordneten aus der Linksfraktion weniger rebellisch als die Grünen?
Wenn Sie damit devotes Verhalten meinen, muss ich widersprechen. Das Koalitionsklima war immer angenehm, das gilt bis heute. Man kann über Probleme reden und sich gegenseitig überzeugen. Es gibt auch klare Differenzen. Aber es geht dann mehr um Argumente, weniger um Machtspiele. Es läuft nicht ritualisiert ab.
SPD-Chef Michael Müller hat mal gesagt, er fühlt sich wohl, wenn er zur Linkspartei geht. Sie auch?
Da hat er ironisch von einer Erfahrung erzählt, die man gemeinhin mit einem Sprichwort wiedergibt - der Prophet gilt im eigenen Lande weniger als in der Fremde. Sagen wir es mal so: Früher, in der PDS, wurde noch mehr von oben nach unten durchgestellt. Das hat sich total geändert. Die Diskussionsfreude ist in der Linken viel größer geworden. Darin kann man auch eine Sozialdemokratisierung erkennen.
Würden Sie denn heute sagen, beide Parteien sollten sich vereinigen?
Nein. Ich würde mich freuen, wenn die Wähler der Linkspartei zur SPD kommen.
Sie sind im Osten beliebter als im Westen. Woran liegt das?
Diese Umfragewerte kommen daher, dass die SPD noch nie eine Politik gemacht hat, die einseitig Instinkte weckte, also die bewusst den Osten vergraulte, um im Westen Punkte zu machen. Oder umgekehrt.
Liegt es vielleicht auch an Ihrer Art? Wie Sie mit den Leuten reden, dass Sie berlinern wie viele im Ostteil?
Die Wessis berlinern auch, Gott sei dank gibt es das noch.
Fühlen Sie sich in Lichtenberg genauso wohl wie in Tempelhof?
Ich fühle mich im Kiez wohl. Ich versuch’s zumindest. Ich habe natürlich präferierte Ecken in der Stadt, kann mich aber begeistern, wenn sich was entwickelt. Ich finde es in Marzahn, wenn ich da beim Erntedankfest bin, genauso schön wie beim Winzerfest in Lichtenrade.
Und wo fühlen Sie sich nicht so wohl?
In Kreisen, die aus meiner Sicht nicht verstehen, wie diese Stadt tickt. Die so eine Abgeschlossenheit haben in ihrem eigenen Leben, die ganz bestimmte Sichtweisen haben. Sie selber würden das großbürgerlich nennen. Ich nenn’ das kleinbürgerlich.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Da gibt es immer wieder Beispiele. Für mich war auch die Initiative Pro Reli eines. Bestimmte Leute glaubten da, Mehrheiten organisieren zu können und haben nicht verstanden, warum Berlin das nicht wollte.
Pro Reli drückte doch auch eine ablehnende Haltung zu rot-roter Politik aus. Haben Sie mit der Koalition vielleicht viele Menschen im Westteil enttäuscht?
Natürlich gibt es da Leute, die immer noch keinen Fuß in den Ostteil setzen und die Linkspartei für böse Kommunisten halten. Klar, dass da dann die Abneigung größer ist. Im Osten wird Rot-Rot selbst bei CDU-Wählern stärker akzeptiert. Diese bürgerlichen Debatten um Pro Reli oder Tempelhof sind aber eindeutig entschieden worden, die Bürgerbegehren sind ziemlich deutlich gescheitert. Aber jede Niederlage hinterlässt nun mal ein Gefühl der Enttäuschung, das will ich nicht bestreiten.
Verstehen Sie, wenn Westberliner sich vernachlässigt fühlen?
Nee, das habe ich nie verstanden. Das hat mich immer geärgert. Der Nachholbedarf war im Osten größer, ganz einfach. Wenn das Krankenhaus in Friedrichshain zuerst saniert werden musste, weil es in einem katastrophalen Zustand war, dann musste man das eben tun. Viele haben das akzeptiert, manche können es bis heute nicht. Aber solche Leute gibt es auch im Ostteil. Da denken immer noch welche, es war alles schön in der DDR. Ich finde beide Positionen ganz furchtbar.
Vielleicht liegt das daran, dass Menschen gerne unter sich bleiben, in ihrer Welt?
Das Phänomen gab es schon vor dem Mauerfall. Ich wäre nie von Lichtenrade nach Neukölln zum Einkaufen gefahren, das habe ich immer in Steglitz gemacht. Ein Weddinger ist eher im Norden geblieben, und ein Spandauer in Spandau. Zu glauben, dass sich alles mischen muss, war schon früher Blödsinn. Wenn ein Marzahner sich in Marzahn wohlfühlt, dann ist das doch gut.
Jeder zweite Westdeutsche hält Ostdeutsche für Jammer-Ossis. Nur vier Prozent der Ehen werden zwischen Ostlern und Westlern geschlossen. Wie erklären Sie sich das?
Glauben Sie wirklich, das passiert bewusst? Oder ergibt sich das nicht ganz einfach aus dem Leben? Wenn ich in Marzahn zur Schule gehe, dann ist meine erste Freundin oder mein erster Freund höchstwahrscheinlich auch aus Marzahn.
Sie finden solche Zahlen nicht besorgniserregend?
Man kann solche Ost-West-Untersuchungen ja machen, aber wozu? Wir könnten auch wissenschaftlich nachweisen, dass die Mittelschicht und die Oberschicht sich nicht mischen. Oder dass die meisten Deutschen keine Türken heiraten. Aber was sagt uns das? Problematisch wird es doch nur dort, wo man sich mit einem Kodex abgrenzt, also wo Menschen bewusst sagen: Ich bin Ostler und das andere interessiert mich nicht. Oder: Ich bin Westler und geh’ da nicht rüber. Wenn sich ein Abstand aus der Lebenssituation heraus ergibt, dann finde ich das völlig in Ordnung. Wer neu in die Stadt zieht, den interessiert das sowieso alles nicht. Wenn ich bei SPD-Veranstaltungen in Pankow bin, dann höre ich inzwischen ziemlich viel Schwäbisch.
Damit sind wir beim Thema Gentrifizierung. In einigen Vierteln in Prenzlauer Berg wurde die Bevölkerung seit Anfang der Neunzigerjahre um 80 Prozent ausgetauscht.
Ich sage niemandem, er muss in seiner Wohnung bleiben und darf nicht an den Stadtrand ziehen. Wo ich wohne, ist meine freie Entscheidung.
Nicht, wenn man durch hohe Mieten verdrängt wird.
Na ja, ich würde Probleme in einigen Kiezen nicht verallgemeinern. Mein Eindruck ist, die Berliner lassen sich nicht so leicht verdrängen. Viele Leute aus Prenzlauer Berg ziehen auch nicht in die Platte, sondern kaufen sich vielleicht in Biesdorf ein Häuschen. Selbst in den Bezirken, die Sie meinen, gibt es aber auch noch genügend Wohnraum, der bezahlbar ist. Dass steigende Mieten für viele Menschen ein Problem sind, ist doch klar, und hier hat die Politik immer auch die Aufgabe, vor Auswüchsen zu schützen, auf soziale Balance zu achten. Nur ist auch klar: Unsere Mittel sind da beschränkt, für wirksamere Instrumente müssten auf Bundesebene Gesetze geändert werden - das ist bisher nicht in Sicht, auch wenn Berlin weiter drängt.
Gehört Gentrifizierung zu einer Großstadt?
Wir haben in Berlin eine einmalige Mischung, eine Sozialstruktur, die für so eine große Stadt wahnsinnig gut ist. Selbstverständlich muss man sich die Entwicklung anschauen. Aber worüber reden wir? Wir reden über Quartiere, in denen es soziale Einseitigkeit gibt. Wir sagen dazu sozial belastet. Da gegenzusteuern, dafür zu sorgen, dass Leute mit guten Einkommen gehalten werden oder zuziehen, ist keine Gentrifizierung. Das ist eine pure Notwendigkeit, um diese Viertel aufzuwerten, zu stabilisieren. Zeiten, in denen in Berlin ganze Quartiere plattgemacht werden, weil sich Leute hohe Rendite versprechen, sehe ich noch nicht.
Sie haben also keine Angst vor Armenvierteln am Rande der Stadt?
Wir haben keine Armenviertel am Stadtrand. Gott sei Dank. Wir haben dort eine sehr starke Einfamilienhausstruktur. Und wir haben Großsiedlungen, die wir systematisch, mit vielen Hunderten Millionen Euro verbessert haben. Man muss natürlich immer aufpassen, wie die Kieze sich verändern. Da ist und bleibt dieser Senat sensibel. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.
Was ist denn das eigentliche Problem?
Je stärker die Stadt wirtschaftlich wird, desto stärker wird das Mietniveau steigen. Das akzeptiert der normale Berliner nicht und auch nicht der zugereiste Berliner, der schon eine Weile da ist. Das wird ein Riesenproblem.
Die steigenden Mieten?
Ganz generell auch die Einstellung zu Mieten. Viele Berliner akzeptieren keine Vergleiche mit teureren Städten. Hier hat man sich über 50 Jahre an niedrige Mieten gewöhnt, weil wir Leerstände und Überhänge hatten. Nun ändert sich das. In dem Moment, in dem die Überkapazitäten abgebaut werden, steigen die Preise. Das ist Folge eines wirtschaftlichen Aufholprozesses, den wir wollen, der da ist, und den Berlin weiterhin dringend braucht. Wirtschaftswachstum bringt aber auch neue oder veränderte Probleme, die auf soziale Weise angepackt und gelöst werden müssen. Das ist eine der Herausforderungen für die Zukunft.
Haben Sie keine Sorge, dass Berlin zu teuer wird?
Wenn wir im Sozialismus leben würden, könnte ich die Mieten diktieren, das wäre sicher einfacher. Aber wir leben in einem anderen Gesellschaftssystem.
Sie scheinen keine Einheitsprobleme mehr zu sehen, 20 Jahre nach dem Mauerfall. Halten Sie es aus heutiger Sicht auch immer noch für richtig, den Palast der Republik abgerissen zu haben?
Das war eine rationale Entscheidung. Wenn es keinen Asbest gegeben hätte, stünde der Palast noch. Aber so emotional wie damals würde das heute niemand mehr diskutieren. Auch da hat sich die Stadt verändert.
Den Beweis können Sie ja antreten, indem Sie jetzt das ICC abreißen.
Das wäre eine Stadtpolitik nach dem Motto: Haust du meinen, hau ich deinen. Ich plädiere aber dafür, dass wir Politik für die ganze Stadt machen.
Jetzt reden Sie wie ein altgedienter Landesvater. Wo ist Ihr Schwung geblieben?
Ich bin durchaus noch risikobereit.
Ach. Was kommt denn als Nächstes?
Das wird man sehen.
Wollen Sie Bundeskanzler werden?
Ist das ein Risiko?
Sie könnten auf höherer Ebene verlieren.
Ich bin gerne Regierender Bürgermeister und werde das wieder anstreben.
Nach so langer Zeit?
Die Frage habe ich mir gestellt und ich habe sie beantwortet. Ich habe noch viel Kraft, Gutes für die Stadt zu tun.