Berliner Morgenpost: Wowereit über Studiengebühren
In seiner Kolumne in der Berliner Morgenpost beantwortet der Regierende Bürgermeister von Berlin wöchentlich eine "Frage der Woche". Die Frage, die am 29. Februar 2004 in der Berliner Tageszeitung erschienen ist, lautete: "Sind in Berlin Studiengebühren unausweichlich?" Rathaus aktuell dokumentiert Klaus Wowereits Antwort:
© Senatskanzlei
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit
"Eindeutig: Nein. Richtig ist aber: Wir müssen in der Hochschulfinanzierung neue Wege gehen. Schlechte Lehre darf ebenso wenig folgenlos bleiben wie ein Bummelstudium. Es geht um mehr Gerechtigkeit und um mehr Effizienz im gesamten Hochschulwesen. Deutschland braucht als rohstoffarmes Land - mehr denn je - qualifizierte Akademiker. Wissen ist die entscheidende Ressource des 21. Jahrhunderts.
Deswegen müssen wir alles daransetzen, dass die Milliarden, die wir in die Hochschulen investieren, auch dort ankommen, wo sie gut angelegt sind: bei Studierenden, die fleißig und bildungshungrig sind, sowie in innovativen Instituten, die verantwortungsbewusst und zielgerichtet mit den ihnen anvertrauten Mitteln umgehen.
Die Finanzierung des Studiums ist dabei ein wichtiges Element. Denn der internationale Vergleich zeigt: Die Studienzeiten in Deutschland sind zu lang. So benötigen Lehramtsanwärter in Berlin durchschnittlich sieben Jahre bis zum Examen. Zu viele Studierende bringen es noch nicht einmal zum Abschluss, weil sie schon vorher aussteigen.
Das ist eine gigantische Verschwendung, die bisher die Allgemeinheit bezahlt. Aber sie hat keine Möglichkeit, Einfluss auf die Länge der Studienzeiten zu nehmen. Wie soll man einer Verkäuferin oder einem Facharbeiter erklären, dass sie mit ihren Steuern dafür bezahlen, dass insgesamt 27 000 Studenten in Berlin über die Regelstudienzeit hinaus studieren.
Richtig ist, dass das oft auch mit Organisationsmängeln, mit schlechter Betreuung oder gar mit mangelnden Lehrangeboten selbst zu tun hat. Aber auch dies war und ist bisher kaum beeinflussbar. Mit dem Berliner Weg der Studienkonten erhalten die Studierenden erstmals zu Beginn ihres Studiums eine feste Zahl an Kreditpunkten, die auf ein Studium in der Regelstudienzeit ausgelegt sind. Sie können bei diesem Modell selbst entscheiden, bei welcher Uni und bei welchem Professor sie ihre Kreditpunkte einlösen.
Damit beeinflussen sie direkt die Ausstattung der Hochschule und die Ausstattung eines Lehrstuhls. Das bedeutet ein Stück Macht in der Hand der Studierenden, die sie bisher nicht hatten. Und das bedeutet auch, dass es künftig einen heilsamen Druck gibt, gute Lehre anzubieten und die Prüfungsabläufe zu beschleunigen."