Gala: Wowereit zur Hauptstadt Berlin
Die Illustrierte Gala veröffentlichte am 5. Februar 2004 im Rahmen eines Specials zur Berlinale einen Namensartikel des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit. Der Text erschien unter der Überschrift “Berlin ist arm, aber sexy”. Rathaus aktuell dokumentiert den Wortlaut des Artikels:
© Ströer
Klaus Wowereit am 4. Juli 2003 beim Start der Kampagne “Mir geht’s Berlin”.
“Eine Liebeserklärung an Berlin wünscht sich GALA. Offen gesagt: Etwas anderes kann man von mir auch nicht erwarten, wenn man mich bittet, über Berlin zu schreiben.
Berlin ist meine Heimatstadt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Heute lebe ich übrigens noch immer im Haus meiner Mutter, draußen im Grünen. Damals stand die Mauer noch, die Stadt war geteilt. Berlin war ein besonderer, ein prägender Ort, der auch mich und mein Leben bestimmt hat. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Das Flair der Stadt ist einfach wunderbar. Ein Bummel auf dem Kurfürstendamm, ein Abend am Kollwitz-Platz – ich lebe einfach gerne in Berlin.
Ein besonderer Ort, der Menschen prägt - das war Berlin, das ist es auch heute. Allerdings: Die Stadt hat sich fundamental und in sprichwörtlichem “Berliner Tempo” gewandelt. Das Faszinierende: Berlin ist nicht fertig. Die Stadt ist offen – im Sinne von Toleranz, Liberalität, Internationalität. Aber Berlin ist auch offen für Neues, bietet Raum für Ideen und Kreativität. Ich persönlich finde: Eine Metropole, die so etwas bietet, muss man einfach mögen.
Wirtschaftspolitisch ausgedrückt: Berlin lohnt Investitionen, und wir brauchen sie, denn wir leiden noch immer an den Folgen der Teilung. Oder ganz locker gesagt: Berlin ist arm, aber sexy!
Das haben inzwischen viele Menschen gemerkt, und sie nutzen die Chancen. Menschen aus über 180 Nationen leben in Berlin, machen die Stadt bunt, vielfältig, international. Und gerade die Menschen sind ein Grund mehr, Berlin zu mögen.
Ein Mann wie Otto Beisheim hat am Potsdamer Platz sein Center errichtet, uns das Ritz-Hotel beschert. Kevin Spacey dreht in Potsdam, Matt Damon sagt mir am Set am Alexanderplatz, ein paar Schritte weg von meinem Rathaus: “Berlin ist großartig.” Berlinale: Wir erwarten Juliette Binoche, Jack Nicholson, Nick Nolte, Bud Spencer, Peter Greenaway, Anthony Minghella und viele andere Stars. Die großen Firmen der Musikbranche sind in Berlin. Die Modestadt Berlin macht große Fortschritte.
Kein Wunder, dass Berlin den Titel “Partyhauptstadt” verliehen bekommt. Aber abgesehen davon: Entwickelt haben sich auch Gastronomie und Hotellerie. Sie finden heute in Berlin Locations für jeden Zweck.
Berlin ist Hauptstadt. Bundespräsident und Kanzler, übrigens auch die Oppositionschefin, sind da, und sie gehören natürlich zu den wichtigsten Persönlichkeiten nicht nur des Landes, sondern auch der Stadt. Dass wir Berliner davon angetan sind, wundert niemanden. Ich denke: Berlin hat der Politik gut getan und umgekehrt die Politik Berlin. Das ist etwas, worauf man stolz sein kann.
Aber wir müssen weiter für Berlin als Hauptstadt werben. Warum das so ist, erkläre ich am Beispiel Fußball-WM: München tritt um das Internationale Pressezentrum und um die kulturelle Eröffnungsfeier mit uns in einen Städtewettstreit ein, als ginge es um die Bundesgartenschau. Das hätte Marseille mit Paris nie gemacht!
Ich glaube: Hauptstädte muss man nicht lieben, aber ein wenig stolz auf sie sollte man schon sein. Berlin bietet dafür unzählige Gründe. Meine Vision: Bayern, die stolz auf München, aber auch auf Berlin sind, Rostocker und Stuttgarter, die Berlin auch als ihre Hauptstadt begreifen. Dass wir Berliner unsere Stadt lieben, ist selbstverständliche Voraussetzung dafür, andere zu überzeugen.”