R e d e des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich des 64. Jahrestages des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 im Rahmen der Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof an der Seestraße am 17. Juni 2017

Pressemitteilung vom 17.06.2017

Sehr geehrte Frau Ministerin Zypries,
Herr Präsident des Abgeordnetenhauses,
Damen und Herren Abgeordnete des Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhauses,
sehr geehrter Herr Hobrack,
meine Damen und Herren,

Unser Land ist nicht gerade reich an Freiheitstraditionen. Aber heute sind wir hier zusammengekommen, um gemeinsam an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zu erinnern. Vor 64 Jahren gingen eine Million Menschen in mehr als 700 Orten der DDR für Ihre Freiheit auf die Straße. Und auch wenn dieser Aufstand niedergeschlagen und in der DDR offiziell totgeschwiegen wurde, entfaltete er eine unglaubliche Wirkung.

Die SED lebte fortan in der Angst, dass sich ein 17. Juni wiederholen könnte – bis es im November 1989 so weit war. Und für viele Menschen in der DDR blieb der 17. Juni eine Ermutigung, ihre Freiheitsbedürfnisse nicht zu vergessen. Die Freiheit ist eben auf Dauer auch nicht durch Panzer aufzuhalten.

Der Protest hatte sich zunächst an der Erhöhung der Arbeitsnormen entzündet. Binnen kürzester Zeit wurde daraus eine landesweite Erhebung für Freiheit, Demokratie und das Ende der deutschen Teilung.

Die DDR-Führung war dem massenhaften Protest nicht gewachsen. Nur mit Hilfe sowjetischen Eingreifens konnte das SED-Regime schließlich überleben. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.
Menschen starben auf den Straßen, andere wurden verhaftet und zu langen Zuchthausstrafen verurteilt, mindestens 20 wurden hingerichtet. Unzählige Menschen mussten ihr Eintreten für Freiheit und Demokratie mit massiven Repressalien bezahlen. Sie durften Schule, Ausbildung oder Studium nicht beenden, wurden am Arbeitsplatz drangsaliert, ausgegrenzt und sozial benachteiligt.
Wie viele Menschen tatsächlich unter den Folgen des 17. Juni gelitten haben und teilweise auch bis heute noch leiden, werden wir vermutlich niemals erfahren.

Einige jener mutigen Männer und Frauen, die am 17. Juni 1953 in Ostberlin und an anderen Orten in der DDR gegen Unterdrückung und Fremdbestimmung auf die Straße gegangen sind, sind heute hier. Ihnen gilt mein besonderer Gruß und unser aller Respekt.

Die Wucht der Ereignisse hat damals ganz Deutschland erschüttert. Am 23. Juni 1953 fand vor dem Rathaus Schöneberg eine Trauerkundgebung für die Opfer statt.
Dort sprach auch Ernst Reuter, der Regierende Bürgermeister von Berlin.

Trotz aller Niedergeschlagenheit und Enttäuschung über das Scheitern wertete Reuter den Aufstand auch als hoffnungsvolles Signal – als deutliches Bekenntnis zur freien Welt. Ernst Reuter war davon überzeugt, dass sich die Forderungen der Aufständischen irgendwann erfüllen würden.
Er formulierte das damals vor dem Rathaus Schöneberg so (ich zitiere);

„Keine Macht der Welt, niemand wird auf die Dauer uns Deutsche voneinander trennen können, wir werden zusammenkommen, wir werden zusammenwachsen, wie wir seit langem in dieser Not innerlich zusammengewachsen sind.“

Am selben Ort hielt zehn Jahre später, am 26. Juni 1963, der amerikanische Präsident John F. Kennedy seine berühmte Rede. Wir haben erst vor wenigen Wochen aus Anlass von Kennedys 100. Geburtstag an seinen historischen Berlin-Besuch erinnert. Kurz nach dem Mauerbau sprach er den Menschen in der geteilten Stadt Mut zu. Zugleich nahm er den brutal niedergeschlagenen Freiheitswillen der Menschen in Ost-Berlin und der DDR auf und bekannte:
„Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur einer versklavt ist, dann sind nicht alle frei.“

Auch Kennedy zweifelte in seiner Rede nicht daran, dass der Tag der Freiheit kommen werde, an dem Berlin, Deutschland und Europa wieder geeint sind.

Dies selbst zu erleben, blieb sowohl Ernst Reuter als auch John F. Kennedy verwehrt. Doch die Geschichte hat ihnen Recht gegeben. Der 17. Juni 1953 war eine unvollendete Revolution, deren Vermächtnis durch die friedliche Revolution vom Herbst 1989 eingelöst wurde.

Die dramatischen Ereignisse rund um den 17. Juni 1953 liegen jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Die Welt hat sich seitdem fundamental verändert:
Der Eiserne Vorhang ist gefallen, die Teilung Europas überwunden, Deutschland und Berlin sind wiedervereint. Mit unseren Nachbarn in Europa leben wir heute in Frieden und Freiheit zusammen.

Und doch dürfen wir den Volksaufstand von 1953 nicht vergessen. Der 17. Juni 1953 ist ein wichtiges Datum in der europäischen Freiheitsgeschichte. Er leitete eine Kette ähnlicher Erhebungen und Aufstände ein: 1956 in Polen und dramatischer noch in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei. Auch diese Aufstände wurden brutal niedergeschlagen.

Doch auch sie waren nicht vergebens. Solidarnosc in Polen Anfang der 80er Jahre und die folgenden friedlichen Revolutionen überall in Mittel- und Osteuropa ließen sich schließlich nicht mehr aufhalten. Sie mündeten im Sturz der kommunistischen Herrschaftssysteme in Europa.

Was diese Erhebungen miteinander verband, war der Ruf nach Freiheit, nach Frieden und Demokratie. Schließlich hat sich gezeigt, dass der Freiheitswille der Menschen auf lange Sicht stärker ist als Gewalt und Unterdrückung.
Mit dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung haben sich die Ziele, Hoffnungen und Wünsche erfüllt, für die die Menschen in der DDR am 17. Juni 1953 noch erfolglos gekämpft hatten.
Dafür sind wir dankbar.

Gerade deshalb dürfen wir dieses historische Ereignis nicht vergessen. Der Mut und die Freiheitsliebe der Aufständischen des 17. Juni können uns auch heute noch ein Vorbild sein.
Ihr Aufbegehren zeigt uns, dass es nichts Wertvolleres gibt als die Freiheit, als Gerechtigkeit und Demokratie. Und wie wichtig es ist, für diese Werte einzustehen und sie gegen Angriffe wirkungsvoll zu verteidigen.
Das ist das Vermächtnis des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Dieses Erbe wollen wir bewahren und an die nachfolgenden Generationen weitergeben.

In diesem Sinne gedenken wir mit Respekt und Dankbarkeit den mutigen Frauen und Männern des 17. Juni. Wir verneigen uns vor den Opfern.