Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Eröffnung des Einstein-Zentrums Digitale Zukunft

Pressemitteilung vom 03.04.2017

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat am 3. April 2017
zur Eröffnung des Einstein-Zentrums Digitale Zukunft folgende Rede gehalten.
Das Presse- und Informationsamt dokumentiert den Text nach dem Wortlaut des
Manuskripts:

Herr Professor Stock, Herr Professor Thomsen,
verehrte Präsidentinnen und Präsidenten der Berliner Hochschulen,
Herr Professor Einhäupl,
verehrte Repräsentantinnen und Repräsentanten der Berliner Forschungseinrichtungen und Netzwerke,
liebe Kollegin Dilek Kolat,
meine Damen und Herren,

viele von uns haben mit großem Einsatz auf diesen Tag hingearbeitet. Heute können wir gemeinsam die Früchte dieses Engagements ernten. Ich freue mich, mit Ihnen zusammen die Eröffnung des Einstein-Zentrums Digitale Zukunft zu feiern.

Heute ist ein guter Tag für Berlin. Ein Tag, an dem wir gemeinsam – Wissenschaft, Wirtschaft und Politik – die Leistungskraft Berlins als führender Wissenschaftsstandort in Deutschland unter Beweis stellen. Denn das Einstein-Zentrum Digitale Zukunft, das wir heute gemeinsam eröffnen, stellt sich so umfassend wie keine andere Einrichtung der großen gesellschaftlichen Herausforderung unserer Zeit, der Digitalisierung. Zusammen mit dem kürzlich eröffneten Fraunhofer Leistungszentrum für Digitale Vernetzung sowie unserem Bemühen um die Ansiedlung des Deutschen Internet Instituts in Berlin bildet das Einstein-Zentrum Digitale Zukunft einen weiteren Eckstein unserer Initiative, Berlin zur Hauptstadt der Digitalisierung zu machen.

Digitalisierung: Das war vor ein paar Jahren noch ein Spezialgebiet, das man den IT- Fachleuten überließ. Heute durchdringt die Digitalisierung alle Lebensbereiche. Es geht um neue Geschäftsmodelle und faszinierende wirtschaftliche Möglichkeiten, aber gleichzeitig eben auch um Lebensqualität, Gesundheit, intelligente Verkehrskonzepte, einen effektiven Umgang mit Ressourcen, um Datenschutz und Persönlichkeitsrechte. Also um sehr viel Technik, aber auch um Ethik und Recht. Und über allem steht die Frage an uns alle, gerade nicht an die IT-Spezialisten, sondern an uns als demokratische Gesellschaft: Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben? Und wie müssen wir uns heute entscheiden, damit die Digitalisierung uns morgen ein gutes Leben ermöglicht?
Digitalisierung nur aus einem Blickwinkel zu erforschen: Damit werden wir der Herausforderung einer vernetzten Welt nicht gerecht. Wir brauchen einen gebündelten Ansatz, der der Vielzahl der Fragestellungen entspricht. Mit diesem Einstein-Zentrum haben wir einen solchen Ansatz entwickelt und damit – wie ich finde – einen Meilenstein gesetzt. Ich gratuliere allen hier im Saal, die in den letzten Jahren den Boden für dieses bundesweit einmalige Projekt bereitet und am Aufbau mitgewirkt haben, sehr herzlich.

Ich erinnere mich, lieber Herr Professor Thomsen, noch gut an unsere ersten Gespräche über die „verwegene“ Idee, in größerer Zahl neue IT-Professuren in Berlin einzurichten. Von verschiedenen Seiten hieß es: „Unmöglich“. „Kein Geld“. „Geht nicht“. Aber es gab auch einige, die sich vornahmen, das Unmögliche möglich zu machen. Und das heißt erst einmal: Sich nicht von der Skepsis der Bedenkenträger entmutigen lassen. Klinken zu putzen. Ideen reifen lassen. Überzeugen. Mitstreiter gewinnen. Mutig nach vorne gehen.

So hat es funktioniert. Innerhalb weniger Monate kamen immer mehr Menschen und Institutionen zusammen, die gesagt haben: „Ja, ich/wir wollen dabei sein“. Diese vielen einzelnen Bekenntnisse versetzten uns in die Lage, eine Digitale 10-Punkte-Agenda zu formulieren, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern Schritt für Schritt umgesetzt wird.

Ich erinnere nur an die Verabredung, 30 neue IT-Professuren zu schaffen. Inzwischen liegen Zusagen für die Finanzierung von über 50 Professuren vor. Zwei Professoren und eine Professorin wurden bereits berufen. Rund dreißig Berufungsverfahren laufen. Und weitere sind in Vorbereitung. Da hat sich eine enorme Dynamik entwickelt. Eine Dynamik gelebter Verantwortung für Berlin als Leuchtturm der Forschung zur Digitalisierung.

Als entscheidender Hebel neben der Bereitschaft all der beteiligten Berliner Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Institutionen haben sich die Instrumente der Einstein-Stiftung erwiesen. Ihr Anspruch ist es, die Hochschulen dabei zu unterstützen, die international besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Berlin zu holen. Beim Thema Digitalisierung zeigt sie nun, dass das keine Förderung mit der Gießkanne ist. Durch den intensiven Dialog im Kreis der Digitalisierung konnten wir eine starke Fokussierung auf das Thema Digitalisierung erreichen. Gelingen soll das nicht zuletzt durch die Konzentration auf innovative interdisziplinäre Spitzenforschung und exzellent ausgebildete junge wissenschaftliche Talente.

Diese neue Kultur der Zusammenarbeit, für die das Einstein-Zentrum steht, wird auch an der Art der Finanzierung deutlich. So stellen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen 8,5 Millionen Euro für gemeinsame Berufungen mit den Universitäten bereit. Rund 20 private Unternehmen fördern Stiftungsprofessuren mit rund 12 Millionen Euro. Das Land Berlin gibt der Einstein Stiftung 50 Cent für jeden eingeworbenen Euro an privaten Mitteln. Für das Einstein-Zentrum Digitale Zukunft haben wir uns das Ziel gesetzt, Matching Funds in Höhe von 6 Millionen Euro zu generieren – ein ambitioniertes, aber erreichbares und vor allem erstrebenswertes Ziel. Darüber hinaus gibt das Land Berlin weitere Mittel in Höhe von 12 Millionen Euro an das Einstein-Zentrum und stellt die Räumlichkeiten im Robert-Koch-Forum zur Verfügung. Und – auch das gehört zu dieser neuen Kooperationskultur: Die Bundesregierung ist mit zwei Ministerien – dem Ressort Arbeit und dem Ressort Bildung und Forschung – eingestiegen und fügt dem entstehenden Gesamtbild einer Wissenschaftsmetropole, die Digitalisierung zu ihrem großen Thema macht, wichtige Mosaiksteine hinzu.

Was wünsche ich mir für die Zukunft? Vor allem, dass dieses innovative Konzept einer Zusammenarbeit wissenschaftlicher Einrichtungen und Unternehmen nun schnell mit Leben erfüllt wird. Die Errichtung des Zentrums war und ist ein gigantischer Kraftakt. Jetzt kommt es darauf an, dass die Beteiligten gut zusammenarbeiten, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch über die Grenzen ihrer Fächer und Einrichtungen hinweg die Chancen der Kooperation entdecken, und dass sie nun das tun, was sie am besten können: Forschen. Vieles ist schon gelungen, aber vieles ist auch noch zu tun. Jetzt kann die wissenschaftliche Arbeit beginnen. Und wir alle sind gespannt auf die Ergebnisse.

Noch eine andere Hoffnung habe ich: Dass es gelingt, jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern neue Perspektiven über den Tag hinaus aufzuzeigen. Zum Beispiel durch eine Verstetigung von Juniorprofessuren, indem Stelleninhaber nach der Juniorprofessorenzeit von maximal sechs Jahren auf eine unbefristete Professur berufen werden (sog. Tenure track). Eine verlässliche Lebensplanung kann motivierend wirken!

Ich hoffe auch, dass es gelingen wird, möglichst viele Wissenschaftlerinnen für die Professuren zu gewinnen und so einen Beitrag zur Gleichstellung zu leisten. Und ich hoffe, dass von diesem Zentrum das Signal an Mädchen und junge Frauen ausgeht, sich für die MINT-Fächer und die vielen Aspekte der Digitalisierung zu begeistern: Digitalisierung ist nicht nur etwas für Jungs, sondern für alle, die Talent und Interesse haben!

Ich erhoffe mir von diesem Einstein-Zentrum wichtige Impulse für die Stadt. Schon mit der 10-Punkte-Agenda zur Digitalisierung haben wir unseren Anspruch untermauert, alle Kräfte zu bündeln, um beim Thema Digitalisierung an die Spitze zu rücken. Das ist ein Kerngedanke unserer Wissenschaftspolitik für eine „Brain City Berlin“. Kooperationen zwischen den Berliner Wissenschaftsorganisationen sollen gestärkt werden. Wir wollen durch Berufungen Anstöße geben und zukunftsweisenden Initiativen beste Rahmenbedingungen bieten. Und natürlich geht es uns auch um Industriepolitik. Wo an den Themen der Zukunft geforscht wird, wo kluge Köpfe sind, wo es exzellente Hochschulen gibt, wo Offenheit für Innovationen herrscht, da sind auch Unternehmen gut aufgehoben. Da finden sie Fachkräfte. Da sind die Wege vom Labor zur Anwendung kurz. Da gibt es gute Rahmenbedingungen für Arbeitsplätze mit Zukunft.

Wir hoffen, dass die Forschung, die hier geleistet wird, und die Ergebnisse, die hier erzielt werden, auch Wirkung außerhalb der Wissenschaft zeigen: indem gesellschaftlich und wirtschaftlich nutzbare Ideen als Basis für Start-ups und Ausgründungen entstehen, und nicht zuletzt auch zukunftsfähige und innovative Arbeitsplätze für die Region.

Mit der Ansiedlung des Einstein-Zentrums Digitale Zukunft stellt sich die Wilhelmstraße 67 in eine legendäre Tradition, die einst Robert Koch als erster Direktor des Berliner Hygiene-Instituts begründete. So wie Robert Koch sich hier mit den drängendsten medizinischen Fragen seiner Zeit beschäftigte, so haben wir nun die Weichen gestellt, um dieses Haus im Herzen der Hauptstadt zu einer der ersten Adressen für die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung zu machen.

Jetzt sind diejenigen am Zug, die hier forschen und sich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Disziplinen vernetzen. Ich wünsche dem Einstein Zentrum Digitale Zukunft einen guten Start, allen hier Tätigen viel Freude an der Arbeit und uns als Gesellschaft viele neue Erkenntnisse, die helfen, das Leben für die Menschen täglich ein Stückchen besser zu machen.