Rede des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller zum Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016

Pressemitteilung vom 21.12.2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat am Abend des 20. Dezember 2016 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach dem Gedenkgottesdienst für die Opfer des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz die folgende Rede gehalten. Das Presse- und Informationsamt dokumentiert den Text nach dem Wortlaut des Manuskripts:

„Angesichts der grausamen Anschläge bei unseren Freunden in Brüssel, Paris, Nizza, Istanbul oder Orlando, die uns tief getroffen haben, war bei vielen die Hoffnung, dass wir in unserer Stadt nicht selbst einmal das Ziel eines unmenschlichen Anschlages werden. Diese Hoffnung ist seit gestern zerstört. Und wir sind heute fassungslos, tief erschüttert. Viele von uns haben sich so kurz vor dem Fest auf ein paar frohe und besinnliche Weihnachtstage im Kreise ihrer Familien und Freunde gefreut. Doch seit gestern Abend befinden wir uns in tiefer Trauer. Geliebte Menschen sind jäh aus dem Leben gerissen worden. Statt eines gemeinsamen, fröhlichen Weihnachtsfestes müssen ihre Angehörigen und Freunde nun versuchen, das Unfassbare zu verstehen.

Wir haben uns hier in unmittelbarer Nähe des Ortes versammelt, wo so viel Leid vor nicht einmal 24 Stunden über die Stadt kam. Wir wollen gemeinsam der Opfer des fürchterlichen Attentats gedenken. Und wir stehen den Angehörigen und Freunden bei in dieser schwerer Stunde und sagen: Ihr seid nicht allein! Wir teilen euren Schmerz. Ganz Berlin, die ganze freie Welt trauert um die Opfer dieses feigen und unmenschlichen Anschlags auf unser friedliches Zusammenleben.

Wir wollen auch danken für die engagierte und sehr besonnene Arbeit der Berliner Polizei. Über 500 Beamte haben hervorragende Arbeit geleistet. Ebenso danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berliner Feuerwehr, der Rettungsdienste und der Krankenhäuser unserer Stadt. Sie alle mussten gestern Abend viel Leid sehen und ertragen, aber haben alle Kräfte gebündelt und alles getan, um die Verletzten zu versorgen und ihnen zu helfen.

Viel zu oft haben wir in der Vergangenheit aus Solidarität mit vom Terrorismus heimgesuchten Städten unser Brandenburger Tor in verschiedenen Nationalfarben anstrahlen müssen. Heute Abend wird es in die Farben unserer eigenen Stadt gehüllt und einmal mehr ein Ort der Trauer, der Solidarität und unseres festen Willens sein, uns unsere demokratische Freiheit, unser weltoffenes Berlin nicht durch Angst, Terror und Schrecken nehmen zu lassen. Diese Tat ist ein Angriff auf unsere Art zu leben, auf unsere Werte und unsere Demokratie. Gemeinsam werden wir uns mit aller Kraft auch diesem Angriff entgegenstellen. Die Opfer des Weihnachtsmarktes hier vor der Gedächtniskirche wollten unbeschwert feiern, das Leben genießen und fanden für uns vollkommen unfassbar den Tod.

Wir wissen noch nicht mit Gewissheit, welchen Hintergrund diese Tat hat. Aber wir wissen, was sie anrichten sollte. Solch ein Anschlag an einem so symbolträchtigen Ort soll Angst und Hass verbreiten. Doch ich sage es wieder: Hass kann und darf nicht unsere Antwort auf Hass sein. Juden, Muslime und Christen, unterschiedliche Herkunft und Lebensweisen gehören zu unserer Stadt. Wir werden uns nicht aufhetzen und gegeneinander ausspielen lassen. Aber wir werden genauso klar gegen diese und jede andere Form von Gewalt mit der ganzen Härte unseres Rechtsstaates vorgehen und nicht ruhen, bevor der oder die Täter bestraft sind.

Liebe Berlinerinnen und Berliner, lassen Sie uns jetzt das tun, was wir in schweren Zeiten immer getan haben: noch mehr zusammen stehen, mutig und selbstbewusst sein. Lassen Sie uns zeigen, wie wehrhaft unsere Demokratie ist. Auch wenn unsere Polizei und Sicherheitskräfte jeden Tag dafür arbeiten, unser Leben sicherer zu machen, so wissen wir doch: Es gibt in freien Gesellschaften keine vollkommene Sicherheit. Das ist der Preis, den wir bereit sind für unsere Freiheit zu zahlen.

Angesichts der grausamen Tat vom Breitscheidplatz wird uns noch viel bewusster als sonst, wie verletzlich wir sind, aber eben auch, dass wir nicht anders als frei und demokratisch leben wollen. Im Frieden mit unseren Nachbarn. Dieses Zusammenleben werden wir gegen alle Angriffe, ganz gleich aus welcher Richtung sie kommen, schützen. Seit Jahren und Jahrzehnten leben in Berlin die unterschiedlichsten Menschen friedlich zusammen und das soll und wird auch in Zukunft so sein.

Angesichts des Schreckens von Oslo und Utöya hat der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg die Antwort aller Demokraten und freiheitsliebenden Menschen auf Terror gegeben. Sie beschreiben das, was ich heute fühle: ‚Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.‘ Ja, unsere Antwort lautet Haltung zu bewahren, auch in schweren Zeiten. Dabei kommt es auf jeden Einzelnen an. Wir selbst haben es in der Hand, unsere weltoffene Stadt friedlich zu gestalten. Respekt, Toleranz, Gewaltfreiheit: Das sind unsere gemeinsamen Werte. Machen wir uns jeden Tag dafür stark, dass sie auch die Zukunft Berlins prägen.“