Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Gedenkveranstaltung zu Ehren von Hans Feyerabend, Träger des Ehrentitels „Gerechter unter den Völkern“

Pressemitteilung vom 25.11.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, führt in seiner Rede anlässlich der Ehrung von Hans Feyerabend als „Gerechtem der Völker“ am 25. November 2015 im Wappensaal des Berliner Rathauses laut Redemanuskript u.a. aus:

„Ich freue mich, dass der Botschafter des Staates Israel, Herr Hadas-Handelsman, heute hier ist. Ich begrüße auch den Direktor für die Schweiz und die deutschsprachigen Länder der Gedenk- und Forschungsstätte Yad Vashem, Herrn Rav-On.

Sehr herzlich begrüße ich Frau Ahlström. Sie ist die Enkelin des Mannes, den wir heute ehren. Sehr geehrte Frau Ahlström, es war für Sie bestimmt nicht leicht, die Umstände zu erfahren, warum Sie Ihren Großvater nicht kennen lernen konnten. Aber Sie haben allen Grund, sehr stolz auf ihn zu sein. Hans Feyerabend verlor sein Leben bei dem Versuch, tausende Menschen vor der Ermordung zu retten. Er hat in einer Zeit großen Mut und Menschlichkeit bewiesen, als die Nazi-Mordkommandos noch ungehindert wüteten und viele Menschen damit beschäftigt waren, in den Wirren der letzten Kriegsmonate ihr eigenes Leben zu retten.

Tragisch ist die Geschichte, von der wir gleich noch ausführlich hören werden. Auch unfassbar grausam. Den Zusammenbruch vor Augen bewies das Nazi-Regime noch einmal seine ganze menschenverachtende Brutalität. 3000 Menschen, zumeist Frauen, die den Todesmarsch aus Nebenlagern des KZ’s Stutthof überlebt hatten, wurden von der SS unfassbar grausam ermordet. 2000 weitere Menschen waren bereits auf dem Todesmarsch umgekommen.

Es sind Geschehnisse, die uns noch heute fassungslos machen. Während der Untergang der Wilhelm Gustloff mit 5000 Flüchtlingen an Bord in die kollektive Erinnerung der westdeutschen Nachkriegs-Gesellschaft einging, musste das Massaker von Palmnicken, das zur selben Zeit und nur wenige Kilometer entfernt stattfand, dem Vergessen erst entrissen werden.

Eine juristische Aufarbeitung scheiterte in den sechziger Jahren. Aber es gab Menschen, die sich erinnerten. Und es gibt Yad Vashem, das diese Erinnerungen sammelt, bewertet und dafür sorgt, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Mord verjährt nicht. Dieser Passus in unserem Strafgesetzbuch verdankt sich direkt den Erfahrungen des nationalsozialistischen Völkermords. Aber genau so wenig darf das Gedenken jener verjähren, die Opfer des Völkermordes wurden oder jener, die sich dem Morden entgegenstellten, die Menschen unter Einsatz ihres eigenen Lebens vor der Vernichtung beschützten. Dieser Idee hat sich die Gedenkstätte Yad Vashem verschrieben. Es ist ein Projekt, das nie endet und deshalb aktuell und dringlich bleibt.

So hat Yad Vashem das Massaker von Palmnicken so weit aufgeklärt, wie es heute noch möglich ist. Und ein Mann, der fast vergessen schien, weil seine Rettungsinitiative erfolglos war und er dabei sein Leben verlor, erfährt höchste öffentliche Wertschätzung. Das ist ein starkes Signal gegen das Vergessen. Als ich im Oktober Israel besuchte, da war die Ehrung von Hans Feyerabend in Tel Aviv ein Thema, über das gesprochen wurde. Auch das zeigt, wie wichtig und folgenreich die Erinnerungsarbeit von Yad Vashem ist.

70 Jahre sind seit der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des Krieges vergangen. Jahrzehntelang wurden die nationalsozialistischen Verbrechen erforscht und das Wissen in vielen Büchern öffentlich gemacht. Und doch ist ein Ende der Aufklärung nicht in Sicht. Wenn wir heute hier zusammenkommen, um Hans Feyerabend zu ehren, dann erfahren wir, warum es so wichtig ist, dass die Erinnerungsarbeit nie endet.

Denn darin liegt eine Chance für die nachgeborenen Generationen (Juden wie Deutsche), Verantwortung für ein sehr schwieriges Kapitel der Geschichte zu übernehmen, das sie nicht selbst erlebt haben. Wenn das Gedenken des Völkermordes nicht zum leeren Ritual werden soll, dann muss diese Geschichte immer wieder neu erarbeitet, neu erzählt und vergegenwärtigt werden. Dann darf mit der Aufarbeitung nicht aufgehört werden, bis das letzte Opfer, der letzte Retter oder der letzte Täter identifiziert und ihre Lebensgeschichten aufgearbeitet wurden.

Dafür stehen zahlreiche Erinnerungsorte und Gedenkeinrichtungen in Berlin. Aber dafür steht vor allem die Arbeit von Yad Vashem, das große Vorbild aller Gedenkeinrichtungen weltweit.

Ich habe bei meiner Israel-Reise auch Yad Vashem besucht. Und selbst erlebt, wie in der Gedenkstätte Kopf und Herz zugleich angesprochen werden. Wie man aufgeklärt und bewegt, ja erschüttert wird über das Schicksal der Millionen Opfer. Als besonders ergreifend empfand ich das „Denkmal für die Kinder“. 1,5 Millionen jüdische Kinder und Jugendliche sind von den Deutschen ermordet worden – das ist nicht jedem gleich klar, der sich mit dem Holocaust beschäftigt. Diese jungen Menschen wurden brutal um die Chance gebracht, ihre Zukunft frei und selbstbestimmt zu gestalten. Daher hat dieses Denkmal auch eine mahnende Botschaft für die jüngere Generation: Nehmt Eure Freiheit und Sicherheit nicht als selbstverständlich. Kämpft für Toleranz und Demokratie. Bedenkt, was geschehen kann, wenn Ihr Euch für Eure Werte nicht engagiert.

Heute ehren wir Hans Feyerabend als „Gerechten unter den Völkern“. Gerade vier Wochen ist es her, da wurde hier in Berlin Ida Jauch, die Retterin des später berühmten Hans Rosenthal, geehrt, obwohl sie selbst bereits 1944 gestorben war. Die Liste der Retterinnen und Retter wird auch heute noch länger. Aber sie wird nie lang genug sein, um dem Völkermord an den europäischen Juden seinen Schrecken zu nehmen. Im Gegenteil: Männer wie Hans Feyerabend und Frauen wie Ida Jauch haben jene Zivilcourage und persönlichen Mut bewiesen, den die überwiegende Mehrheit der Deutschen nicht hatten. Diese Menschen haben großes geleistet. Sie verdienen unsere höchste Anerkennung.

Ich danke der Israelischen Botschaft und der Gedenkstätte Yad Vashem, dass sie die Ehrung von Hans Feyerabend heute hier im Berliner Rathaus durchführen. Und würde mir wünschen, dass das nicht die letzte Veranstaltung dieser Art hier im Berliner Rathaus ist.“