Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Berlin am 2. Mai 2015 im Abgeordnetenhaus

Pressemitteilung vom 02.05.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, führt beim Festakt anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Berlin am 2. Mai 2015 im Abgeordnetenhaus laut Redemanuskript u. a. aus:

“Exzellenzen,
Herr Bundesminister,
Herr Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin,
liebe Zeitzeugen,
liebe angehende Anne-Frank-Botschafter,
meine Damen und Herren,

Michael Blumenthal erzählte uns vor kurzem bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an ihn, wie er den Wandel unserer Stadt seit seiner Kindheit wahrnimmt:

„Das erste Berlin, das ich gekannt habe,“ so sagte er, „war ein sehr unschönes Berlin.“ Es war das Berlin, in dem er am 9. November 1938 die Synagoge in der Fasanenstraße brennen sah, es war das Berlin, aus dem er ausgebürgert wurde und aus dem er fliehen musste.

Heute dagegen, so Michael Blumenthal, „ist Berlin ein Leuchtturm geworden, eine weltoffene Stadt und eine der begehrtesten der Welt.“

Meine Damen und Herren, wir gedenken heute der Ereignisse vor 70 Jahren. Am 2. Mai 1945 schwiegen die Waffen in Berlin.

Wir haben heute Morgen am Schulenburgring 2 an die Unterzeichnung des Befehls von General Weidling erinnert, alle Kampfhandlungen sofort einzustellen.
Damit war die Schlacht um die Reichshauptstadt Berlin beendet. Der Sieg der Alliierten, besiegelt am 8. Mai 1945 durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, bedeutete die Befreiung von der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus.

Ohne diese Befreiung und ohne die Opfer, die so viele Menschen dafür erbracht haben, hätte Berlin nicht die Chance erhalten, sich zu der vielfältigen, weltoffenen und wachsenden Metropole zu entwickeln, die Berlin heute ist und die so viele Menschen aus aller Welt anzieht.

Wir verneigen uns heute vor all denen, die ihr Leben in diesem schrecklichen Krieg verloren haben. Und wir wollen heute auch daran erinnern, wie sehr die Völker der Sowjetunion – darunter Russen, Weißrussen und Ukrainer – seit dem 22. Juni 1941 unter dem verbrecherischen Angriffskrieg gelitten haben. Es war ein regelrechter Vernichtungsfeldzug. Bei der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus haben sie die größten Verluste erlitten. Die Rote Armee hat die Häftlinge von Auschwitz und Sachsenhausen befreit. Das wollen und dürfen wir nicht vergessen.

Der 2. Mai 1945 markiert das Ende des Krieges für die Berlinerinnen und Berliner. Aber sie blickten in eine ungewisse Zukunft. Zahlreiche Bildtafeln an verschiedenen Plätzen der Stadt erinnern in diesen Tagen an jenen Frühling des Jahres 1945. Berlin lag in Trümmern und die Menschen versuchten, im Alltag einen neuen Anfang zu finden.

Für viele war das Leid auch nach Einstellung der Kampfhandlungen nicht zu Ende. Die Nahrungsmittel waren knapp. Viele hungerten. Für die Frauen war es ein tägliches Ringen ums Überleben ihrer Familie. Als Trümmerfrauen leisteten sie Großes.

Täglich kamen Flüchtlinge in die Stadt, die aus ihrer Heimat im Osten vertrieben wurden. Andere gerieten in Kriegsgefangenschaft und kehrten vielfach nicht wieder nach Hause zurück.

Es gab neue Gewalt. Menschen wurden willkürlich erschossen und verhaftet.
Viele tausend Frauen wurden durch die neuen Besatzer vergewaltigt.
Auch daran muss heute erinnert werden.

Für andere bot sich erstmals nach Jahren in der Illegalität die Möglichkeit, wieder frei und offen zu leben. Ich denke an die untergetauchten und aus den Konzentrationslagern befreiten Verfolgten des NS-Regimes und an die Deserteure, die den Wahnsinn des Krieges nicht mitmachen wollten.

Vor allem aber denke ich an die Berliner Juden, die sich der Deportation in die Vernichtungslager hatten entziehen können. Es waren sehr wenige: Nur noch etwa 6.000 von etwa 160.000 Juden, die vor 1933 in Berlin gelebt hatten. Und auch nach dem Ende der Shoa war die Gesellschaft noch durchdrungen von latentem oder gar offenem Antisemitismus. Es folgten neue Demütigungen für Juden in Deutschland. Es war ein langer Weg, bis sich unser Land seiner Geschichte stellte.

Ich begrüße an dieser Stelle drei Frauen, die sehr viel dazu beigetragen haben, indem sie uns ihre persönlichen Erlebnisse erzählt und damit Zeugnisse dieser jüngere Geschichte an die jüngere Generation weitergeben haben.

Herzlich willkommen, Inge Deutschkron, Margot Friedlaender und Rahel Mann!

Offenes und ehrliches Erinnern, das können wir heute – 70 Jahre nach Kriegsende – sagen, gehört zu unserer Stadt. Es gehört zu Berlin, weil sich Bürgerinnen und Bürger dafür engagieren.

So war es bei der Gründung der Topografie des Terrors. So ist es heute bei der Pflege der vielen Stolpersteine in unserer Stadt. Und so ist es auch am Mahnmal für die Ermordeten Juden Europas.

Dort halten wir – Berlinerinnen und Berliner, Bürgerinnen und Bürger aus ganz Deutschland und Gäste aus aller Welt – inne, um an den Völkermord zu erinnern. Und um uns unserer Verantwortung dafür zu vergewissern, dass solches Unrecht nie wieder geschieht.

Sich offen und ehrlich zu erinnern heißt auch: Sich gegenüber der Trauer anderer Völker und Nationen zu öffnen.

Das deutsch-russische Museum in Karlshorst ist ein solcher Ort, an dem die ehemaligen Kriegsgegner gemeinsam an den Zweiten Weltkrieg erinnern.
Man muss sich nicht immer einig sein. Aber man sollte die Sicht des anderen respektieren. Und erkennen, wie sehr uns auch Gemeinsames verbindet: Die Trauer um die Opfer von Krieg und Gewalt, aber auch die gemeinsame Verantwortung für ein friedliches Miteinander in unserer heutigen Welt.

Heute vor 70 Jahren, am Ende eines mörderischen Krieges, lag Berlin in Trümmern.

Wir denken heute an die vielen Berlinerinnen und Berliner, die bei den Bombenangriffen und bei der Schlacht um Berlin ums Leben kamen. Und wir denken an die vielen Menschen in unserer Stadt, die diese Not miterleben mussten. Viele leben ja unter uns und tragen bis heute schwer an den Erinnerungen.

Aber wir wollen dabei nicht vergessen: Das war der totale Krieg, den die Nazis angekündigt hatten, denen so viele Deutsche gefolgt waren. Dieser Krieg hatte sich mit voller Wucht gegen das Land seiner Urheber gewendet.

Dankbar sind wir heute alle denen, die uns nach dem Krieg die Rückkehr in die Gemeinschaft der Völker ermöglicht haben, obwohl sie so sehr unter der deutschen Aggression gelitten haben.

Gerade hier in Berlin werden wir nicht vergessen, wie sehr Amerikaner, Briten und Franzosen unserer Stadt geholfen haben.

Und ich möchte an dieser Stelle auch unsere polnischen Nachbarn nennen. Wir wissen um das Leid, das sie erfahren haben und sind dankbar, dass wir heute gute Nachbarn im vereinten Europa sein können.

Berlin ist heute eine weltweit geachtete Hauptstadt. Unser Anspruch ist es, als europäische Metropole unseren Beitrag zu einem gerechten und respektvollen Zusammenleben im 21. Jahrhundert zu leisten.

Engagieren wir uns im Innern für den sozialen Zusammenhalt und fördern wir den Dialog der Religionen.

Treten wir all denen entschieden entgegen, die Hass und Gewalt gegen Andersdenkende und Andersgläubige verbreiten.

Pflegen wir den internationalen Austausch und die Partnerschaften mit Städten in aller Welt und setzen wir – auch mit dem Humboldt-Forum im Herzen Berlins – ein Zeichen der Weltoffenheit.

Gestalten wir Berlin als eine Stadt, wie Sie unser neuer Ehrenbürger Michael Blumenthal vor einigen Tagen beschrieben hat: Als Magnet für Menschen aus aller Welt, die hier „voller Hoffnung mit ihren Talenten und ihrem Unternehmungsgeist das Leben dieser Stadt bereichern.“

Und: Wo heute Menschen vor Krieg, Not, Verfolgung und Zerstörung in unsere Stadt fliehen und uns, die Nachkommen der Kriegsgeneration von 1945, um Aufnahme und Asyl bitten, begegnen wir diesen Flüchtlingen mit einer Willkommenskultur.

Vergessen wir nicht, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist. Und stellen wir uns der Verantwortung für eine bessere, eine gerechtere und eine friedlichere Welt!”