Rede des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Bundespräsident Joachim Gauck am 19. November 2014 im Berliner Rathaus

Pressemitteilung vom 19.11.2014

Es gilt das gesprochene Wort!
Sperrfrist: Redebeginn

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt beim Festakt der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Bundespräsident Joachim Gauck laut Redemanuskript u. a. aus:

„Ich begrüße Sie herzlich zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an unseren Bundespräsidenten und heiße Sie zu diesem schönen Anlass willkommen im Roten Rathaus.

Hinter uns liegen Wochen großer Emotionen.

Die Erinnerung an die Friedliche Revolution und den Fall der Mauer am 9. November vor 25 Jahren.

Die Bilder von den dramatischen Ereignissen im Herbst 1989 haben uns alle tief bewegt.

Wer Joachim Gauck bei der einen oder anderen Veranstaltung rund um den 9. November erlebt hat, wird bemerkt haben:

Immer wieder wurde er von großem Glück ergriffen.
Man sah Ihnen die Begeisterung an. Vor allem das Glücksgefühl eines Menschen, für den seit seiner Jugend Freiheit das zentrale Lebensthema ist.
Und eines Menschen, der persönlich erleben durfte, wie es gelungen ist, die Angst vor dem übermächtigen
SED-Regime zu überwinden, vom Untertan zum Bürger zu werden und dann seinen Teil dazu beizutragen, Diktatur und Unrecht zu überwinden.

Das ist die Leistung von Millionen Menschen in der DDR und in den Ländern Mittel- und Osteuropas.

Das ist die Leistung der europäischen Freiheitsbewegungen, die bis in die 50er-Jahre zurückreicht – vom Aufstand am 17. Juni 1953 über den Ungarn-Aufstand 1956, die Bewegung der Charta 77 in der Tschechoslowakei und die polnische Solidarnosc bis hin zur Bürgerrechtsbewegung in der DDR.

Eine Leistung von sehr vielen und eben auch von Menschen wie Ihnen, Herr Bundespräsident.

Es gibt kaum einen anderen Ort, der dem friedlichen Wandel des Jahres 1989 so viel zu verdanken hat wie Berlin. Die Stadt, die dadurch nach 28 Jahren brutaler Teilung durch Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl ihre Einheit wiedergewonnen hat.

Berlin, die Stadt, die Ihnen heute die Ehrenbürgerwürde verleiht, war vor 1989 nicht Ihr Lebensmittelpunkt.

Sie wuchsen in Rostock auf, studierten dort Theologie und arbeiteten an der Ostsee als Pfarrer.

Sie boten in der Kirche Raum für gesellschaftskritische Diskussionen und schlossen sich in Rostock in jenem Herbst 1989 dem Neuen Forum an.

Und doch spielt Berlin in Ihrem Leben eine besondere Rolle. In Berlin haben Sie wichtige Etappen Ihres politischen Lebens verbracht.

Eine Episode haben Sie kürzlich einmal in einem Interview erzählt. Sie stammt vom 8. November 1989, also unmittelbar vor der Maueröffnung.

Sie konnten an einem Familientreffen im Westen teilnehmen. Und bevor Sie wieder in die DDR zurückkehrten, haben Sie im damaligen West-Berlin noch einen wichtigen Einkauf getätigt.
Nämlich Papier besorgt für die Vervielfältigungsmaschine, mit der Sie bei sich zuhause in Rostock Texte der Bürgerrechtsbewegung druckten.

Ein Berliner Schreibwarenhändler gewissermaßen als Rettungsanker, als das Papier in diesem bewegten Herbst 1989 zur Neige ging…

Vielleicht wird man ja irgendwann einmal erfahren, welcher wegweisende Text seinen Weg in die Öffentlichkeit Ihrem damaligen Einkauf in Berlin am 8. November 1989 verdankt – ganz ohne Facebook und Twitter, gedruckt auf dem damals knappen Gut Papier…
Oder sollte man sagen: Auf dem knapp gehaltenen Gut. Denn auf Papier kann man ja seine Gedanken verbreiten und die sind bekanntlich frei.

Die erste „richtige“ Berlin-Etappe läutete die erste freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 ein. Ein Triumph für die Demokratie, dass sie stattfinden konnte. (Weniger glücklich war der Ausgang für die Sozialdemokratie).

Für Sie, Herr Bundespräsident, markiert dieser Tag den Beginn Ihres Lebens als „Berliner Politiker“…

Die Zeit, um sich in der parlamentarischen Arbeit zu bewähren, war bekanntlich nicht sehr lang. Und doch hat der Volkskammer-Abgeordnete Joachim Gauck in dieser kurzen Phase Spuren hinterlassen.

Das Gesetz über den Umgang mit den Stasi-Unterlagen trägt seine Handschrift. Und, Joachim Gauck war es dann auch, der zum ersten Beauftragten für die Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Daten der Staatssicherheit ernannt wurde.

Wir erinnern uns, wie der Name Gauck, das „Gaucken“ und die gleichnamige Behörde zum Synonym für ein wichtiges Stück Aufarbeitung des SED-Unrechts wurde.

„Gegen Vergessen“: So heißt ein Verein, dessen Vorsitzender Joachim Gauck nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Stasi-Unterlagen-Beauftragten war.

„Gegen Vergessen“: Nach diesem Motto verfuhr Joachim Gauck auch zuvor in seinem Amt.

Aufklärung, der Wahrheit auf den Grund gehen, sie offenlegen: Darin sahen einige Kritiker einen unversöhnlichen Zug von Joachim Gauck in der Auseinandersetzung mit den Tätern.
Doch für Joachim Gauck war und ist es genau anders herum:
dieses Aussprechen von Wahrheiten, das Offenlegen von begangenem Unrecht ist die Voraussetzung dafür, dass ein Prozess der Annäherung beginnen kann, an dessen Ende dann Opfer auch die Hand zur Versöhnung ausstrecken können. Nicht umgekehrt!
Und „Gegen Vergessen“ war und ist bei Joachim Gauck immer auch eng verbunden mit einem energischen: „Für Demokratie“.

Dieses energische „Für Demokratie“: Es ist für Joachim Gauck immer auch ein Appell für eine wehrhafte Demokratie, die sich gegen ihre Feinde verteidigt.
Einer Demokratie, die um ihre Gefährdungen weiß. Auch weil wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen. Mit den Höhen ebenso wie mit den Abgründen.
So wie es Ihr Vorgänger Richard von Weizsäcker in seiner Rede am 8. Mai 1985 sagte:
„Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen.“

Gerade in Berlin gibt es viele Menschen, die sich dem Erinnern widmen. In den Gedenkstätten und zeitgeschichtlichen Museen, aber auch in vielen Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für die Erinnerung in unserer Stadt stark machen.
Ihrem für unsere Stadt so wichtigen Anliegen haben Sie schon bei vielen Anlässen eine Stimme verliehen.

Von vornherein, lieber Herr Gauck, spürte man, dass Sie nicht mit Berlin fremdelten – ja, dass Sie eine besondere Verbundenheit zu dieser Stadt empfinden, die in ihrer Geschichte so sehr um die Freiheit gerungen hat.
Dass Sie sich mit Berlin gefreut haben über die wieder erlangte Einheit, aber auch mitgelitten haben, wo die Entwicklung stockte.
Dass Sie neugierig auf die Stadt sind.
Und, dass die Brüche und Herausforderungen unseres Landes, die sich in Berlin wie in einem Brennglas verdichten, für Sie Stoff zum politischen Lernen sind.

Ich habe das zum Beispiel bei Ihren Besuchen in der Moschee am Columbiadamm erlebt, in der „Academy“, wo Kinder aus sozialen Brennpunkten ihre kreativen Begabungen entfalten können oder in der „Factory“, wo die Berliner Gründerzeitstimmung mit Händen zu greifen ist.

Ein neugieriger, ein Anteil nehmender Bundespräsident, ein Präsident, der auf dem Parkett der Hauptstadt Berlin zuhause ist und dieser Stadt sehr viel gibt. Nicht zuletzt auch als unser wichtigster Botschafter im In- und Ausland – als Repräsentant eines weltoffenen Landes mit seiner Hauptstadt Berlin.

So empfinden wir es als Glücksfall, dass Sie Ihr Amt mit einem so starken Berlin-Bezug wahrnehmen.

Als Bürgerpräsident, der vom Schloss Bellevue aus offen auf die Menschen zugeht.
Sie als selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger anspricht und sie dazu ermutigt, nicht abseits zu stehen, sich einzubringen, sich zu beteiligen.
Und dabei auch selbst einen ausgeprägten bürgerlichen Widerspruchsgeist verströmt. Das ist selten bequem, aber wichtig für den Meinungsstreit in unserer Demokratie.

Und wenn ich Ihre Offenheit gegenüber den Menschen erwähne, Herr Bundespräsident, schließe ich ausdrücklich auch Sie, liebe Frau Schadt, mit ein.

Sie sind zwar eine „Frau ohne Amt“, wie es so schön heißt.

Aber diese Rolle, die in keinem Gesetz definiert ist und für die es keine Stellenbeschreibung gibt, füllen Sie umso leidenschaftlicher aus.

Mit der Ernsthaftigkeit und Neugier der gelernten Journalistin, mit Engagement für wichtige soziale Organisationen (Unicef, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und Müttergenesungswerk) und – nicht zuletzt – mit einer Fröhlichkeit, die sich leicht auf andere überträgt.
Vor allem aber merkt man Ihnen großes Interesse an den Menschen an und an dem, was sie bewegt.

Diese Anteilnahme am Leben in unserer Stadt wissen wir zu schätzen. Vielen Dank, liebe Frau Schadt!

Herr Bundespräsident, Sie sagten kürzlich einmal über Ihren Herbst 1989:
(ich zitiere) „Das waren die acht Wochen, in denen wir nicht gegangen, sondern geflogen sind.“ (Zitatende)

Man spürt, dass Sie dieser Aufwind, der Sie damals erfasst hat, auch heute noch trägt.

Dieses Glücksempfinden von Joachim Gauck ist etwas sehr Ansteckendes. Und wir freuen uns, wenn Sie diese Begeisterung für die Demokratie und für die Freiheit weitergeben.
Denn die Geschichte lehrt: Demokratie braucht engagierte Demokraten. Und für sie sind Sie ein Vorbild.

Berlin ist stolz, Sie einen Bürger dieser Stadt nennen zu dürfen. Abgeordnetenhaus und Senat von Berlin ernennen Sie, verehrter Herr Gauck, zum Ehrenbürger Berlins.“