Rede des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zur „Hommage an Willy Brandt“ am 5. Dezember 2013 im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses von Berlin

Pressemitteilung vom 05.12.2013

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führte in seiner Rede am 5. Dezember 2013 zur „Hommage an Willy Brandt“ anlässlich dessen 100. Geburtstages im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses von Berlin u. a. aus:

„Eine Hommage an Willy Brandt: Das ist für viele von uns eine Herzenssache. Und so freue ich mich, Sie alle auch im Namen des Senats von Berlin begrüßen zu dürfen. ‚Warum er uns nicht loslässt‘ fragte jüngst eine große Wochenzeitung. Die Berliner Antwort darauf kann nur lauten: Willy Brandt hat unserer Stadt unendlich viel gegeben. Er hat sie in einer entscheidenden Phase ihrer jüngeren Geschichte geprägt. Er gab dem freien Berlin eine unüberhörbare Stimme. Vor allem aber hat er von Berlin aus und dann mit den Berliner Erfahrungen im Gepäck als ‚Friedenskanzler‘ den Boden für Entspannung und Aussöhnung mit unseren Nachbarn in Europa bereitet.

Der Bau der Mauer am 13. August 1961 markiert – wie Willy Brandt selbst sagte – ‚einen der traurigsten Tage‘ seines Lebens. Hilflos, wütend musste er gemeinsam mit den Berlinerinnen und Berlinern ansehen, wie die Teilung der Stadt durch die Sowjets zementiert wurde.
Doch genau in jenem Moment zeigte sich die politische Größe Willy Brandts. ‚Berlin erwartet mehr als Worte. Berlin erwartet politische Aktion.‘ So wandte sich Berlins Regierender Bürgermeister direkt an die amerikanische Schutzmacht und er sprach damit den Menschen in der geteilten Stadt aus der Seele. Aber Willy Brandt wusste auch, dass es keinen Sinn machte, weiteres Öl ins Feuer der Blockkonfrontation zu gießen.

Am Tiefpunkt der Nachkriegsentwicklung Berlins entwickelte er die Grundzüge einer auf Verständigung ausgerichteten Ost- und Entspannungspolitik. ‚Wenn die Mauer nicht wegzukriegen ist‘, beschrieb Egon Bahr die Strategie, ‚dann muss man sie durchlässig machen‘. Und so erlebte Willy Brandt in Berlin nicht nur den deprimierenden Moment der Hilflosigkeit nach dem Bau der Mauer. Er konnte auch die Früchte seiner neuen Politik der kleinen Schritte und der menschlichen Erleichterungen ernten.

Am Anfang stand das Passierscheinabkommen, das am 18. Dezember 1963, Willy Brandts 50. Geburtstag, in Kraft trat. Rund um Weihnachten 1963 gab es 1,2 Millionen Besuche von West-Berlinern in Ost-Berlin. Für die meisten war es das erste Wiedersehen nach 28 Monaten Trennung. Ein bewegender Moment der Berliner Nachkriegsgeschichte. Und: 28 Jahre nach dem Bau der Mauer erlebte Willy Brandt auch die Friedliche Revolution und den Fall der Mauer. Ein Ergebnis der Politik, die er als Berliner Regierender initiiert und als Außenminister und Kanzler fortgesetzt hatte – und die von all seinen Nachfolgern fortgesetzt wurde.

Willy Brandt war für ein anderes, ein friedliebendes Deutschland ins Exil gegangen, um von dort aus Widerstand gegen die Nazis zu leisten. Nach den Verheerungen des Krieges setzte er sich für den Wiederaufbau eines freien, demokratischen Landes ein. Seine Vision war die eines Europas, in dem wir mit unseren Nachbarn friedlich zusammenleben. Er hat sich in Polen vor den Opfern des Warschauer Ghettos verneigt. Seine Ostpolitik führte zur Entspannung in Europa.

Ein Land, das einen Mann wie Willy Brandt als Regierungschef hervorgebracht hat und der in seinem moralischen Anspruch so standhaft war – auch gegenüber den Gestrigen, die ihn immer wieder als ‚vaterlandslos‘ zu denunzieren suchten: Ein solches Land taugte in der Sowjetunion nicht mehr als Schreckgespenst. In einem solchen politischen Klima, das Willy Brandt mit geschaffen hat, wurde in den 80er-Jahren nicht nur Abrüstung zwischen den Supermächten möglich, sondern auch das Einverständnis Gorbatschows zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

So steht Willy Brandt bis heute auch für die Erfahrung, dass man mit Mut und Geduld, Beharrlichkeit und politischer Klugheit etwas an den Verhältnissen ändern kann. Dass Politik auch unter extrem schwierigen Bedingungen gestaltbar ist. Und dass Politik unmittelbar Gutes für die Menschen bewirken kann. Das ist es, was uns an Willy Brandt nicht loslässt, der es wie kaum ein anderer Politiker im 20. Jahrhundert vermochte, die Menschen für eine lebendige Demokratie zu bewegen.

Kurz nachdem Willy Brandt aus dem Exil nach Berlin zurückgekehrt war, schrieb er: ‚… mein erster Eindruck bestätigt sich, nämlich dass Berlin trotz der unvorstellbaren Zerstörungen etwas ganz anderes ist als andere deutsche Städte. (…) Hier erlebt man Europa und einen Großteil von dem, was die Welt bewegt.‘ Mit diesem Satz beschreibt Willy Brandt nicht nur seine ersten Eindrücke von Berlin. Man könnte diese Worte auch als Anspruch an die Stadt verstehen – und heute, kurz vor seinem 100. Geburtstag, als politisches Vermächtnis: Berlin als weltoffene Metropole zu gestalten, die aus ihrer eigenen Geschichte weiß, was die Zerstörung der Vielfalt bedeutet und worin die Chancen der Freiheit liegen. Für uns und für alle nachfolgenden Generationen.“