Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, anlässlich der Trauerfeier für Klaus Schütz am 10. Dezember 2012 im Rathaus Schöneberg

Pressemitteilung vom 10.12.2012

Es gilt das gesprochene Wort! Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat heute auf der Trauerfeier für den früheren Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz im Rathaus Schöneberg laut Manuskript folgende Rede gehalten:

„Wir sind heute zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von einem großen Berliner. Klaus Schütz, unser früherer Regierender Bürgermeister und Stadtältester, ist gestorben. Wir alle sind in Trauer vereint. Denn Klaus Schütz zählt nicht nur zu den prägenden Persönlichkeiten der politischen Nachkriegsgeschichte Berlins. Er war auch bis zuletzt präsent in der Stadt, hat teilgenommen am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Meist als stiller Beobachter, der sich nicht in den Vordergrund drängte, dem man aber anmerkte, wie sehr ihn die Stadt und alles, was in ihr geschieht, beschäftigt und bewegt.

Man musste allerdings schon genau hinschauen. Denn Klaus Schütz war auf unnachahmliche Weise ein Meister der Sachlichkeit und Nüchternheit. Dahinter jedoch verbarg sich – und darin war er ebenfalls Meister – ein trockener, unerschütterlicher Witz und eine völlig unkapriziöse Persönlichkeit. Das machte ihn, den gebürtigen Heidelberger, zu einem Berliner durch und durch.

Ein Jahrzehnt lang – von 1967 bis 1977 – war Klaus Schütz Regierender Bürgermeister von Berlin.
Er war das Gesicht West-Berlins.
Er repräsentierte die Stadt.
Er kämpfte für sie.
Er gestaltete sie.

Wenn wir uns heute an die Zeit von Klaus Schütz erinnern, kommt uns dies sehr weit weg vor: Studentenbewegung, Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen, Schahbesuch, der Tod von Benno Ohnesorg, dann der Rücktritt von Heinrich Albertz – Berlin war eine aufgewühlte Stadt. Eine Stadt, die nach Orientierung suchte. Klaus Schütz bot sie. Und er ließ sich in die Pflicht nehmen, als sein großer Mentor Willy Brandt den berühmten Satz sagte:
‚Wenn die Berliner Schütz wollen, dann sollen sie ihn kriegen.’ So bekamen die Berliner einen Mann als Regierenden Bürgermeister, der gerade erst Gefallen an seinem Amt als Staatssekretär im Bonner Auswärtigen Amt gefunden hatte. Die Chefposition im Schöneberger Rathaus entsprach so gar nicht seiner Lebensplanung. Und doch füllte er das Amt mit allem aus, was er mitbrachte: mit analytischer Schärfe und einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden, mit einem Sinn für die Möglichkeiten praktischer Politik und mit Leidenschaft für die Menschen in der geteilten Stadt, für die er im Gleichklang mit der Entspannungspolitik des Bundes um viele menschliche Erleichterungen kämpfte.

Und Klaus Schütz verfügte über den politischen Kompass eines Mannes, der in seiner Jugend den Krieg mit all seiner Brutalität erlebt hat, schwer verwundet wurde und nach der Rückkehr aus dem Krieg alles daran setzte, beim Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens mitzuhelfen. Dieser Kompass war es, der Klaus Schütz Orientierung gab. Er hatte sich unmittelbar nach dem Krieg der Sozialdemokratie angeschlossen. Geradlinigkeit bewies er als junger Student an der Humboldt-Universität, als er wegen der Relegation von Kommilitonen aus politischen Gründen aus dem Studentenrat zurücktrat.

Bei einem Studienaufenthalt in Harvard entstanden transatlantische Bindungen fürs Leben. Eine im damaligen Berlin seltene Weltläufigkeit umgab diesen aufstrebenden Politiker, der schon mit Anfang 30 als Abgeordneter in den Bundestag einzog. Wenig später übernahm er als Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund die so wichtige Scharnierfunktion in Richtung Bundespolitik. Den Zusammenhalt zwischen der Bundesrepublik und der ‚Insel’ West-Berlin zu wahren, wurde immer schwerer.

Willy Brandt wusste um die Standhaftigkeit von Klaus Schütz und dass er sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. Wie jeder seiner Vorgänger und Nachfolger während der Teilung musste auch Klaus Schütz als Regierender Bürgermeister viel um Statusfragen kämpfen. Das Viermächteabkommen wurde in seiner Zeit abgeschlossen. Das war vertrautes Terrain für einen leidenschaftlichen Außenpolitiker wie ihn. Und mit dem Verkehrsvertrag von 1972 erhielten die Bewohner von West-Berlin die Möglichkeit, wieder regelmäßig Verwandte und Bekannte im Ostteil der Stadt und in der gesamten DDR zu besuchen.

Klaus Schütz sagte einmal im Rückblick: ‚Ich wollte West-Berlin zum Modell einer normalen Stadt machen.’ Diese Paradoxie – ein Modell sein zu wollen und doch auch normal – spiegelt die zwiespältige Stimmung der 70er Jahre in Berlin wieder. Die Blockade, der Mauerbau, die Abwanderung vieler Unternehmen: All dies hatte die Sehnsucht nach einer geordneten, ‚normalen’ Entwicklung hin zu einer lebensfähigen Stadt genährt. Es war die Zeit der großen Wohnungsbauprogramme und ambitionierter Verkehrsprojekte.

Klaus Schütz setzte auf attraktive Hochschulen und auf die kulturelle Ausstrahlung Berlins. Mit der Etablierung der Schaubühne um Peter Stein gelang ihm ein Coup. Und noch eine wichtige Spur hat Klaus Schütz gelegt. Er pflegte einen engen Kontakt zur Jüdischen Gemeinde mit ihrem unvergessenen Vorsitzenden Heinz Galinski. Er begründete das ‚Emigrantenprogramm’ und lud ehemalige Berliner, die von den Nazis in die ganze Welt vertrieben wurden, zu Besuchen in ihrer früheren Heimatstadt ein. Das war seine Art, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich Deutschland mit seiner Geschichte auseinandersetzt.

Es ist schwer, sich in einen so nüchternen Menschen wie Klaus Schütz hineinzuversetzen und zu erahnen, was ihn in seinem tiefsten Inneren bewegt hat. Und doch erkennt man an seiner Politik, dass er als Repräsentant der ehemaligen Reichshauptstadt – wo die Deportation und Ermordung der Juden geplant wurde – eine besondere Verantwortung dafür empfand, dass Juden sicher und frei leben können – in ihrem Staat Israel, aber auch in einer Stadt wie Berlin.

Wir alle sehen Klaus Schütz noch vor uns. Wie er einen begrüßte – mit seiner linken Hand wegen der schweren Verwundung des rechten Armes im Krieg. Wie er Anteil nahm am Geschehen in der Stadt und in der Welt. Klaus Schütz war keiner, der sich in den Vordergrund drängte. Aber seiner Präsenz, seinem wachen Blick und seiner Freundlichkeit konnte sich niemand entziehen.

Die Zeit des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz ist in weite Ferne gerückt. Der Mensch und Politiker Klaus Schütz hat durch sein Handeln Maßstäbe gesetzt, die gültig bleiben. Klaus Schütz war ein aufrechter und leidenschaftlicher Demokrat. Er hat sich um unsere Stadt, um sein Berlin verdient gemacht. Pathos hat er gemieden. Aber heute, in der Stunde des Abschieds, sind wir alle von Trauer tief bewegt. Berlin verneigt sich vor Klaus Schütz. Danke, Klaus!”

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