BÖGER: MARLENE DIETRICH TAT DAS IHR MÖGLICHE GEGEN HITLER

Pressemitteilung vom 28.12.2001

Sperrfrist: heute 20.00 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Der Bürgermeister von Berlin, Klaus Böger, hält heute Abend in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters anlässlich der Gala zum 100. Geburtstag Marlene Dietrichs im Friedrichstadtpalast folgende Rede:

„Wir feiern heute eine Künstlerin, eine der ganz Großen des Films des 20. Jahrhunderts. Und wir feiern eine ebenso engagierte wie couragierte Frau aus Berlin. Eine Weltbürgerin. Marlene Dietrich – die Begnadete, Bewunderte, Geliebte, Verehrte – welche Attribute hat diese Künstlerin, die zum Mythos geworden ist, nicht auf sich vereinigt?

Wir feiern die Diva, die Sängerin, den Showstar und den Weltstar – den einzigen, den Deutschland in dieser Dimension im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Sie war eine fantastische, eine faszinierende Frau. Mit ihrem Auftreten, ihrer Kleidung, ihrem Lebensweg war sie ihrer Zeit voraus. Sie ließ Konventionen hinter sich, sie prägte einen neuen Frauentyp. Sie wirkte immer perfekt und jung mit ihrer Schönheit, ihrer Stimme. ‚Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt‘ – ob Mann, ob Frau, wer erliegt nicht ihrem wunderbaren Charme?

Trotz aller Superlative und trotz allen Schwärmens – Marlene Dietrich wurde auch angefeindet und diffamiert. Nicht nur von denen, die vergeblich versucht hatten, sie vor ihren propagandistischen Karren zu spannen: Sie gab den Nazis – den höchsten Vertretern dieses Menschen verachtenden Systems – Absagen, formuliert mit ungeschminkter Deutlichkeit. Und das schon zu einer Zeit, als viele andere sich dem Blendwerk der Nazi-Diktatur nicht gewachsen zeigten.

Auch manche Berliner hatten Schwierigkeiten, Marlene Dietrichs Engagement bei den Amerikanern als Ausdruck ihrer ethischen Gesinnung zu erkennen: Sie haben sich geirrt. Denn Marlene Dietrich hat Deutschland nicht verraten. Sie wollte das ihr Mögliche gegen Hitler tun. Sie verbündete sich mit denen, die gegen die Barbarei kämpften und stellte die scheinbar arglose Frage: ‚Braucht es da großen Mut, sich zu entscheiden, welche Seite man nimmt?‘ Auch das nötigt uns Bewunderung ab. Beides zusammen – ihr beifallumtostes künstlerisches Wirken und ihr politisches Engagement, dieses ‚nicht wegsehen‘, sondern hingucken und handeln – auch das macht Marlene Dietrich so faszinierend.

Unvergessen das Lied ‚Lilly Marlen‘! Vor Hunderttausenden von Soldaten, amerikanischen und deutschen Verwundeten hat sie es gesungen. Sie hat Melodie und Text mit unverwechselbarer Intensität interpretiert und damit vielen Zuversicht und Trost vermittelt.

Marlene Dietrich war auf dem musikalischen Boden Berlins groß geworden, ihre Liebe zum Schlager und Chanson hat sich hier entwickelt. Und sie ist Berlin treu geblieben. Zusammen mit den Amerikanern kehrte sie zurück nach Deutschland und kam 1960 wieder in ihre Heimatstadt.

Die Bösartigkeit, die ihr damals noch in unserer Stadt entgegenschlug, ist beschämend. Doch sie hat sich davon nicht irritieren lassen. Ihre Haltung zur Weltlage während des Zweiten Weltkriegs beschrieb sie mit entwaffnender Direktheit so: ‚Amerika hat mich aufgenommen, als ich Hitlerdeutschland aufgab. Man kann nicht nur nehmen – man muss auch geben. Das steht schon in der Bibel.‘

Die Berlinerinnen und Berliner haben nach Marlene Dietrich einen Platz benannt mitten im neuen Teil unserer pulsierenden Stadt. Dieser Ort ist genau richtig gewählt. Denn der Name des Platzes ist symbolisch für das Streben Berlins nach dem Ideal einer weltoffenen Metropole. Dafür steht auch Marlene Dietrich.

Sie ist eine Legende. Und dass Berlin einzigartige Erinnerungsstücke dieser Legende – ihren Nachlass – seit 1993 im Filmmuseum beherbergt, das zeigt, wie stark diese Frau hier beheimatet ist.

In ihrem Büchlein ‚ABC meines Lebens‘ hat Marlene Dietrich unter dem Buchstaben H etwas notiert, was den meisten unbekannt sein dürfte: ‚Heimatstadt. Meine Heimatstadt ist Berlin. Ich bin Berlinerin und bleibe Berlinerin, und ich bin dankbar, dass ich Berlinerin bin.‘ Welch eine Hommage an unsere Stadt! Auch dafür wollen wir uns bei Marlene Dietrich bedanken.“ – - – - -

Rückfragen:
Chef vom Dienst
Telefon: 9026-2411