Die Humboldt-Innovation GmbH ist die Service- sowie Wissens- und Technologietransfer-Gesellschaft der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin. Als hundertprozentige Tochtergesellschaft der HU ist sie seit Sommer 2005 Schnittstelle zur Wirtschaft. Die Humboldt-Innovation hat bereits 84 Mitarbeiter. Sie berät Arbeitsgruppen und Einrichtungen der Hochschule in Transfer- und Vermarktungsfragen sowie bei der Durchführung von Forschungsprojekten. Dirk Radzinski ist der Geschäftsführer der Transferstelle und war von 1999 bis 2002 Vorstand seines eigens gegründeten Internet Start-ups. Projekt Zukunft sprach mit dem studierten Juristen über die Bedeutung des Wissenstransfers für die Entwicklung des wirtschaftlichen Potenzials Berlins.
Was war der Anlass für die Gründung der Humboldt-Innovation als privatrechtlich organisierte Forschungstransferstelle?
Durch die EU-Rechtssprechung wurden im Jahr 2004 Forschungsprojekte, die mit der Wirtschaft durchgeführt wurden, innerhalb der deutschen Universitäten steuerpflichtig. Da kam die Frage auf, ob die Steuer nicht einfacher über eine GmbH abgewickelt werden könne. Zudem wollte man mit der Transferstelle eine Schnittstelle zur Wirtschaft schaffen, um auf Augenhöhe mit den Wirtschaftsvertretern verhandeln zu können.
Welche Leistungen bietet Humboldt-Innovation? Wer nimmt das Angebot in Anspruch?
In erster Linie sind die Wissenschaftler der Humboldt-Universität die Zielgruppe. Für sie betreiben wir unser Geschäftsfeld Forschung. Die Humboldt-Innovation übernimmt das gesamte Vertragsmanagement und die Verwaltung der Gelder. Stellt ein großes Unternehmen 100.000 Euro Forschungsgelder bereit, behält Humboldt-Innovation als Vertragspartner 10 Prozent für die Eigenleistung ein. Den Rest können die jeweiligen Professoren für die Forschung verwenden. Auch neues Personal wird über Humboldt-Innovation eingestellt. Dies beschleunigt die Organisation und macht die Abläufe flexibler, als es über die Verwaltung der Universität möglich wäre.
In unserem Geschäftsfeld Spin-Off bieten wir den Wissenschaftlern und Absolventen der Universität Coaching und Beratung für Unternehmensgründungen an bis hin zur Möglichkeit, als Sparringpartner mit uns zusammen zu arbeiten. Derzeit betreuen wir über 25 Unternehmen wie Cyano Biotech aus der Biotechnologie, die Softwareentwickler netCCM, das Unternehmen Tortoise Design, das unter anderem Designfolien für Laptops herstellt sowie das E-Learning Portal Sofatutors.
Unser drittes Geschäftsfeld Vermarktung umfasst unter anderem den Shop im Naturkundemuseum und den HumboldtStore der Universität. Ganz neu ist die Plattform Humboldt-Exkursionen.de, die Fernreisen „auf den Spuren der Wissenschaft“ anbietet.
Wie profitieren Forschungseinrichtungen und Unternehmen vom Wissenstransfer? Liegt hierin die Zukunft der Mittelfinanzierung für Forschung und Wissenschaft?
Vom Wissenstransfer profitiert zunächst die Wirtschaft. Transfer ist in anderen Ländern, ganz besonders in Amerika, wesentlich effektiver organisiert als hierzulande. Derzeitig reduzieren KMUs in Deutschland ihr Forschungsbudget immer weiter. Gleichzeitig sind sie auf Innovation angewiesen, die klassischerweise Universitäten oder Forschungseinrichtungen liefern. Die Vorteile für die Wissenschaftler sind nicht immanent. Aber sie haben oft ein hohes Eigeninteresse die Aufgabe erledigen, weil es sehr befriedigend ist, die eigenen Ideen in der praktischen Umsetzung zu sehen. Wissen für die Schublade ist nicht gerade sinnvoll. Ob Wissenstransfer die Zukunft der Mittelfinanzierung ist? Die Antwort ist ganz klar: Nein. Ob in Amerika oder in Asien, überall auf der Welt wird Grundlagenforschung vom Staat finanziert. Und eine Universität mit einem wissenschaftlichen Anspruch wird sich immer überwiegend aus staatlichen Geldern finanzieren. Aber: Der Wissenstransfer kann und sollte in Deutschland einen größeren Beitrag zur Finanzierung der Forschung leisten.
Über welches Netzwerk und Partner verfügt Humboldt-Innovation? Welche Hürden galt es beim Aufbau der Transferstelle zu überwinden?
Dadurch, dass wir in den letzten drei Jahren über 400 Forschungsprojekte mit unterschiedlichen Vertragspartnern durchgeführt haben, ist unser Netzwerk recht groß. Wir achten sehr genau darauf, alle Akteure in unser Netzwerk einzubinden und auch die Professoren untereinander zu vernetzen. Darüber hinaus verfügen wir mit unserem Spin-Off-Geschäftsfeld über ein starkes Netzwerk im Venture Capital Bereich und auch in der Berliner Gründungsszene sind wir etabliert.
Schwierigkeiten beim Aufbau der Humboldt-Innovation gab es zu Beginn innerhalb der Universität. Denn es war umstritten einen Forschungsbereich auszuwählen mit dem Ziel, damit Geld verdienen zu wollen. Das Modell wurde also vorab in Frage gestellt und wir mussten über ein Jahr lang in allen Gremien Überzeugungsarbeit leisten.
Heute halten wir die Geschäftsabläufe sehr transparent. Wir veröffentlichen unsere Jahresabschlüsse und berichten regelmäßig an die Gremien und den Hochschulsenat. Dank der positiven Geschäftsentwicklung haben sich die anfänglichen Vorurteile abgebaut. Andere Universitäts-GmbHs in Deutschland werden mit Millionen-Budgets ihrer Universität ausgestattet. Wir sind mit 55.000 Euro gestartet, finanzieren uns komplett selbst durch das operative Geschäft – und genießen jetzt die Anerkennung.
Über welche Potenziale verfügt Berlin im Hinblick auf Wissenstransfer und die Gründungen innovativer Start-Ups? Was kann zusätzlich zur Förderung des Wissenstransfers geleistet werden?
Berlin verfügt über ein extrem großes Potenzial an Wissenstransfer und Unternehmensgründungen: Allein die Anzahl an Universitäten, die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und die Charité als größte Klinik in Europa verleihen Berlin Gewicht. Doch uns fehlt die Wirtschaftsseite, was wir immer wieder bei Großprojekten bestätigt sehen. Diese werden nicht mit regionalen, sondern mit internationalen Unternehmen realisiert. Auf Seiten der KMU können wir als grundlagenorientierte Einrichtung nicht so viel bewirken. Für diese Aufgabe sind die TU und die Fachhochschulen besser geeignet, die in engerem Kontakt zu diesen Unternehmen stehen.
Mit dem Geschäftsfeld Spin-Off haben wir eine Initiative gegründet, die sich speziell um Unternehmensgründungen aus der Universität kümmert. Doch ob jemand sich wirtschaftlich selbstständig macht oder nicht, gehört weder zu Forschung und Lehre noch zu dem Transferauftrag einer Universität. Trotzdem glauben wir, dass es der richtige Weg der Unterstützung ist. Wir sind in einer guten Position und weniger bürokratisch als die Landeseinrichtungen, die sich um Förderung kümmern. Aber uns fehlen die finanziellen Möglichkeiten.
Jungen Unternehmen, die finanzielle Hilfe benötigen um die Start-Ups aufzubauen, kann ich leider keine Liquidität über unsere Firma verschaffen. Im Prinzip machen wir Standortpolitik ohne ein dazugehörendes Finanzierungsmodell. Hier wäre eine Förderung sehr angebracht. Die Fördergelder, die in die Berliner Initiativen der Universitäten fließen, kommen überwiegend vom Bund – eigentlich ist das Landesaufgabe. Idealerweise sollte eine Förderung anreizbasiert sein, z. B. indem das Land Prämien für erfolgreiche Gründungsbetreuungen zahlt.

