Polizeioberrat Ingo S.

"Ich würde mich auch heute wieder für den Polizeiberuf entscheiden."

Polizeioberrat Ingo S.
Bild: Polizei Berlin

Was waren die Gründe für die Berufswahl Polizeibeamter?

Zum Zeitpunkt meiner Berufswahl war ich 1988 als Wehrpflichtiger bei der Marine in Kiel stationiert. Ich hatte von jeher eine Affinität zu Berlin und war der Meinung, dass meine Heimat Schleswig-Holstein zu klein für mich ist. Der Wunsch zur Polizei zu gehen, resultierte u. a. aus einem Kindheitserlebnis, bei dem mein Vater mal von einem Verkehrspolizisten angehalten wurde, weil er zu schnell gefahren ist. Wenn ein Polizist solch eine Macht über meinen Vater haben kann, der schließlich für mich als Kind der Mittelpunkt der Welt war, dann muss dass ein toller Beruf sein, so meine damaligen Kindheitsüberlegungen. Als junger Mann stand dann für mich fest, dass ich mangels Interesse weder als klassischer Student noch als Bürojobber eine gute Figur machen würde. Die Bundeswehr stellte damals ebenfalls keine sinnvolle Option dar, so dass sich per Ausschlussprinzip der Polizeiberuf herausstellte und da die Fachrichtung Kriminalpolizei. 1988 gab es noch nicht die heutige Medienvielfalt, so dass dabei auch eine Portion Naivität reingespielt hat, aber der Enthusiasmus hat mich durch das Auswahlverfahren getragen.

Haben Sie diese Wahl bereut? Würden Sie sich wieder bewerben?

Die Berufswahl war eine meiner besten Lebensentscheidungen, ich würde mich auch heute wieder so entscheiden.

Wo werden Sie zurzeit eingesetzt? Was sind Ihre Aufgaben?

Aktuell werde ich als „Stabsbereichsleiter Personal“ in der Direktion Einsatz eingesetzt. Dieser Stabsbereich ist für die verwaltungsmäßige Betreuung der ca. 5500 Angehörigen der Direktion Einsatz verantwortlich. Das Spektrum reicht von Erfassung von Krankheitstagen der Dienstkräfte, Umsetzung von Dienststellenwechseln innerhalb der Direktion Einsatz, Erarbeitung von Personalentwicklungskonzepten abgestimmt auf die jeweiligen Zielgruppen der Direktion Einsatz, Vorbereitung und Veranlassung von Beförderungen bis hin zur Veranlassung von disziplinaren Maßnahmen gegen Dienstkräfte der Direktion Einsatz. Als Leiter dieses Bereiches bin ich für den reibungslosen Ablauf, Steuerung und Kontrolle der unterschiedlichen Aufgaben zuständig. Als ständiger Ansprechpartner berate ich den Leiter der Direktion Einsatz in allen Fragen rund um das Thema Personal. Meine Tätigkeit wirkt nach innen in die Polizei und ist für die Bevölkerung nur bedingt wahrnehmbar. Die Außenkontakte meines Bereiches sind leider immer nur dann gegeben, wenn wir Beschwerden aus der Bevölkerung zu beantworten haben, die Dienstkräfte der Direktion Einsatz betreffen. Leider gibt es mehr Tadel als Lob, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass die Polizei nur schlecht arbeitet. Ich denke, dass es grundsätzlich leichter fällt sich an die Polizei zu wenden, wenn man sich falsch behandelt fühlt, als sich vielleicht auch mal für die professionelle Arbeit, die meine Kollegen jeden Tag abliefern, zu bedanken. Wie sagt der Berliner: „Da jibt et nüscht zu meckern.“

Wie war Ihr bisheriger Werdegang? In welchen Dienststellen wurden Sie bisher eingesetzt?

Meine Vita ist zweigeteilt. Nach Beendigung des damals dreijährigen Studiums an der FHVR (Fachhochschule für Verwaltungs- und Rechtspflege) wurde ich für 2 Jahre im Bereich der örtlichen Kriminalpolizei der Direktion 2 verwendet. Dort war ich neben der Verwendung bei VB I (dem Kriminalpolizeilichen Dauerdienst) u.a. in einem Kommissariat beschäftigt, dass sich mit dem weiten Feld der Diebstahlsdelikte beschäftigt hat. 1994 bin ich in das LKA Berlin gewechselt und habe bis 2001 im Bereich der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität gearbeitet. Hier in den Bereichen Internationale Kfz-Verschiebung und ethnische Tätergruppen mit Schwerpunkt Tätergruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien (wie es damals noch genannt wurde).
Im Rahmen meines Aufstieges in den höheren Polizeivollzugsdienst habe ich 2001 die Laufbahnrichtung gewechselt und bin Schutzpolizist geworden. Nach Beendigung des zweijährigen Studiums für den höheren Dienst wurde ich von 2003 bis 2013 als Leiter Führungsdienst in verschiedenen Polizeiabschnitten in Berlin eingesetzt. Dem schloss sich 2013 eine Verwendung als Referent für kriminalpolizeiliche Fachthemen in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport an, die nach zwei Jahre endete.

Schildern Sie Ihr interessantestes Erlebnis in Ihrem Berufsleben.

Es gab definitiv nicht nur ein interessantes sondern mehrere interessante Erlebnisse:
Im LKA hatte ich es Mitte der 90iger Jahre mit einer Tätergruppe im Bereich der internationalen Kfz-Verschiebung zu tun, die im Ergebnis mindestens 150 hochwertige Kraftfahrzeuge (Mercedes S-Klasse, 7er-BMW, Porsche) verschoben hat. Diese Gruppe war so aggressiv, dass eines schönen Tages (ein Freitag) der zuständige Staatsanwalt telefonisch, von noch in Freiheit befindlichen Bandenmitgliedern telefonisch bedroht wurde. Da diese Drohungen ausgesprochen Ernst zunehmen waren, hat sich mein damaliger Kommissariatsleiter entschlossen zusammen mit der zuständigen Abteilung der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin einen sofortigen Großeinsatz gegen die noch in Freiheit befindlichen Bandenmitglieder durchzuführen. Wir als Dienststelle haben dann mit Unterstützung von drei Staatsanwälten und Spezialkräften (SEK) insgesamt -5- weitere Bandenmitglieder festgenommen, die sämtlich durch den Haftrichter in Untersuchungshaft genommen wurden. Begonnen wurden die Maßnahmen am Freitagabend und haben sich bis zum Sonntagnachmittag hingezogen, so dass wir grob gesagt mehr als 48 Stunden im wahrsten Sinne des Wortes durchgearbeitet haben. Diese Aktion hatte aber zur Folge, dass nachweislich die Kfz-Verschiebungszahlen für Berlin in dem Jahr deutlich zurückgegangen sind.

Im höheren Dienst war ein interessantes Erlebnis sicherlich die Überführung des Abschnitts 64 (meiner aktuellen Dienststelle) aus der alten Organisationsform in das „Berliner Modell“, bei dem auf Basis von 5 Dienstgruppen die Kiezbezogenheit der Polizei deutlich betont wird. Die grundsätzlichen strukturellen und personellen Überlegungen zu begleiten und mitzugestalten waren Tätigkeiten, die fern von jeglicher Polizeiarbeit waren, aber wichtig gewesen sind, um moderne Polizeiarbeit leisten zu können und damit näher an die Bevölkerung heranzurücken.

Als drittes Erlebnis möchte ich die Zeit bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport anführen. Hier konnte ich sozusagen „live“ erleben wie Politik arbeitet, welche Zwänge auch für die Politik bestehen und wie Politik polizeiliche Ereignisse bewertet und darauf reagiert. Durch den Blick „von außen“ auf die Polizei Berlin haben sich für mich neue Perspektiven ergeben und mir nochmal verdeutlicht haben, welcher besonderen Wahrnehmung die Polizei in Berlin durch Politik und Bevölkerung unterliegt.

Welche Tipps haben Sie für Berufsanfänger / -innen?

Tipps oder Ratschläge basieren auf dem eigenen Erleben. Da aber jedermann unterschiedlich ist, fällt es mir schwer, besondere Tipps zu geben. Ich bin der Meinung, dass der Polizeiberuf nur dann sinnvoll ausgeübt werden kann wenn man ein „Brennen im Herzen“ spürt. Dieser Beruf ist kein „nine- to-five – Bürojob“, den man dann zum Feierabend ablegt und sich seinem Privatleben widmet. Dieser Beruf prägt und verändert jeden Polizisten auf eine eigene Art. Als Berufsanfänger muß ich mir bewusst sein, dass der Beruf außergewöhnliche Ansprüche an meine körperliche und geistige Belastbarkeit und Flexibilität stellt.
Ein Punkt ist wichtig für die Berufsanfänger: Es gibt keine dummen Fragen, nur derjenige, der keine Fragen stellt, ist dumm. Will meinen: der Polizeiberuf ist ein Erfahrungsberuf. Das theoretische und praktische Rüstzeug wird in der Ausbildung vermittelt, die praktische Umsetzung erfolgt aber erst im Berufsalltag. Ein Dienstanfänger kann noch nicht alle Abläufe innerhalb der Polizeiorganisation kennen und auch der ständige Widerspruch zwischen theoretischer Überlegung wie ein Arbeitsablauf zu erfolgen hat und wie dann tatsächlich in der Praxis gearbeitet wird, stellt eine Herausforderung dar. Da wir regelmäßig mit Ereignissen konfrontiert werden, die sich eben nicht lehrbuchgemäss entwickeln, müssen regelmäßig auf Basis der bestehenden rechtlichen Grundlagen die Arbeitsabläufe dynamisch angepasst werden. Der Fachmann spricht von einer ständigen Beurteilung der Lage, die ggf. eine veränderte Arbeitsweise erfordert. Polizisten müssen also flexibel im Denken bleiben und nicht auf eingetretenen Pfaden wandeln. Innovationswille und kritisches Hinterfragen sollte jedem Berufsanfänger ins Stammbuch geschrieben werden.