Kriminaldirektorin Tanja K.

"Man muss Menschen mögen."

Kriminaldirektorin Tanja K.
Bild: Polizei Berlin

Was waren die Gründe für die Berufswahl Polizeibeamtin /-beamter?

Es war im Prinzip eine ganz lustige Geschichte, weil ich kurz vor dem Abitur im Jahre 1985 für mich festgestellt hatte, dass ich ganz gut im Umgang mit unterschiedlichen Menschen war, vermitteln, ordentlich schreiben und formulieren konnte. Daraus hatte ich für mich abgeleitet, vielleicht im Journalismus etwas zu bewegen. Gleichzeitig verspürte ich schon immer eine große Liebe zu Tieren, insbesondere zu Hunden, Katzen und Pferden. Also wenn es damals schon die Tier Nanny gegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich die erste geworden. Und dann, wie es im Leben manchmal so ist, ergab sich ein Zufall. Meine Mutter hatte damals für ein Bestattungsunternehmen gearbeitet. Und im Rahmen ihrer Tätigkeit hat sie sich bei einem Hausbesuch in einer Wohnung mit einem Kriminalbeamten unterhalten und fand seine Erzählungen über seinen Beruf unheimlich spannend. Ein junger, engagierter, späterer Kollege sozusagen. Ihr kam dann die Idee, dass das doch ein ganz toller Beruf für mich sein könnte und hat für mich die Verbindung zu diesem Kollegen hergestellt, der mir von seiner Tätigkeit bei einem Treffen dann tatsächlich begeistert berichtete. Das war dann die Initialzündung, mich für die Kriminalpolizei zu interessieren und auch zu bewerben. Später habe ich auch nur eine einzige Bewerbung überhaupt losgeschickt. Ja und im Ergebnis sieht man ja, es hat geklappt!

Haben Sie diese Wahl bereut? Würden Sie sich wieder bewerben?

Ich kann reinen Herzens sagen, dass ich meinen Beruf wirklich sehr liebe und dass ich in nahezu allen Aufgabengebieten, in denen ich gearbeitet habe, wirklich immer sehr viel Freude an meiner vielfältigen Tätigkeit hatte und habe. Ich habe das Gefühl, als Polizeibeamtin etwas Sinnvolles zu tun, habe mich im Laufe der Jahre als Mensch, Polizistin und eben auch als Führungskraft weiterentwickeln dürfen, wurde wohlwollend gefördert und habe jetzt durchaus das Bedürfnis davon wieder etwas an junge Kolleginnen und Kollegen abzugeben, soweit sie dies wollen und ich nützlich sein kann. Es zieht sich bis heute durch, ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit.

Wo werden Sie zurzeit eingesetzt? Was sind Ihre Aufgaben?

Die Polizei hat ja nicht nur die Aufgabe Straftaten zu verfolgen, sondern eben auch ihnen vorzubeugen, also etwas zu tun, damit Straftaten gar nicht erst geschehen. Ich leite eine Dienststelle, die Zentralstelle für Prävention im Landeskriminalamt mit 38 Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern. Wir engagieren uns mit vielen anderen Kollegen in der Polizei dafür, die Menschen in dieser Stadt so zu beraten, dass sie sich vor Straftaten besser schützen können, wir beraten sie aber auch, wenn sie Opfer geworden sind, damit sie ihre Rechte und Ansprüche in einem möglichen Strafverfahren sichern können. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, wie sie durch Verhaltensänderungen zukünftige Gefahren und damit Straftaten vermeiden können. Wir sagen ihnen, wie sie ihre Wohnungen, Fahrzeuge oder Handtaschen sichern oder gefahrlos mit dem Internet umgehen können, aber auch wie sie sich z.B. verhalten sollten, damit sie keine Opfer von Gewalt z.B. in Bus und Bahn werden. Unsere wichtigsten Zielgruppen sind dabei die Kinder und Senioren, also die Bevölkerungsgruppen, die am schutzbedürftigsten sind. Wir kümmern uns aber auch um gesellschaftliche Minderheiten in unserer Stadt, z. B. haben wir jetzt eine Ansprechstelle aufgebaut, die sich um interkulturelle Aufgaben der Polizei kümmert: Berlin ist bunt und vielfältig; das ist einerseits sehr bereichernd aber auch konfliktgefährdet. Wir wünschen uns ein friedliches Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Religionen in dieser Stadt. Dazu gehört z.B. auch, dass Polizeibeamte so geschult werden, dass sie sich mit den kulturellen Unterschieden noch besser auskennen, um im Einsatz aufkommende Konflikte auch beruhigen zu können. Wir engagieren uns aber z.B. auch für die Belange von Schwulen, Lesben und Transgender, sowohl als Mitarbeiter/innen unserer Behörde, aber auch generell, damit sie als Minderheit nicht diskriminiert und Opfer von Straftaten werden. Es geht darum, als wichtige gesellschaftliche Instanz für die Unterstützung von Minderheiten Position zu beziehen. Für alle diese Themen sind wir in Gremien vertreten, im Land Berlin aber auch bundesweit. Dort werden Netzwerke geschmiedet, Strategien entwickelt, um letztlich Prävention noch wirksamer und erfolgreicher zu machen und das geht, wie vieles, nur gemeinsam, auf vielen gesellschaftlichen Schultern verteilt.

Die Prävention ist also ein ganz, ganz buntes Feld, in dem man an nahezu jedem Tag von einem neuen Thema herausgefordert wird. Ein noch recht neues Thema ist die städtebauliche Kriminalprävention. Wir versuchen mit der Unterstützung einer Architektin dazu beizutragen, dass z.B. dunkle, verwahrloste Orte, Plätze oder Straßenzüge so gestaltet werden, dass Menschen sich wieder sicher und wohl fühlen und dass diese Orte nicht zu Plätzen werden, die man meidet, obwohl man dort lebt. Die Polizei kann als „Experte in Sicherheitsfragen“ hierzu eine Menge beitragen, woran Architekten zunächst bei der Bauplanung nicht denken.

Dann kann sich jede Bürgerin / jeder Bürger auch persönlich an Sie wenden, wenn er Probleme hat?

Auf jeden Fall. Wir sind eine Servicedienststelle, das sage ich auch jeden Tag meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wenn jemand eine Frage zur Kriminalprävention hat, eventuell auch zum Opfer geworden ist, sind wir für ihn da. Wir kümmern uns mit vielen anderen Kolleginnen und Kollegen in der Stadt um die Rechte der Opfer und arbeiten z.B. eng mit dem Weissen Ring eV zusammen. Jeder, der irgendeine Frage hat, wenn es um die Vorbeugung von Straftaten geht, kann sich an uns wenden.

Wie war Ihr bisheriger Werdegang? In welchen Dienststellen wurden Sie bisher eingesetzt?

Ich glaube, ich habe das Glück gehabt bunt und spannend verwendet worden zu sein. Das hält bis heute an. Ich habe 1986 nach dem Abitur bei der Kriminalpolizei angefangen und dann 3 Jahre studiert. An der Fachhochschule war ich noch relativ verspielt, habe alles noch nicht so furchtbar ernst genommen. Anschließend bin ich dann in der Direktion 2 eingesetzt worden. Das ist die Direktion, die für Spandau, Wilmersdorf und Charlottenburg zuständig ist. Die meiste Zeit habe ich dort bei der kriminalpolizeilichen Sofortbearbeitung verbracht. Das ist eine Dienststelle, die sozusagen die „Feuerwehr der Polizei“ ist, die also als Erste zum Tatort fahren, wenn schwere Straftaten passiert sind. Ich habe diese Arbeit geliebt. Wir haben im Schichtdienst, also Tag- und Nachtdienst gearbeitet. Es ging dort vom Wohnungseinbruch, Vergewaltigung über die Leichensachen und Drogendelikte bis zum Raub, wir haben also die verschiedensten Delikte dort kurz nach ihrer Begehung bearbeitet. In dieser Direktion habe ich mich später auch um Wohnungseinbrüche, Körperverletzungen und Raubdelikte gekümmert. Damals begann die Zeit der „Abziehereien“, Jugendgruppengewalt war damals ein großes Thema. Da habe ich intensiv mitgearbeitet und von älteren Kollegen gute Ermittlungsarbeit und vor allem Vernehmungstaktik gelernt. In diesem Zusammenhang ist man auf meine Arbeit aufmerksam geworden und ich wurde von da an „gefördert“. Das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt, ich dachte jetzt ist die Chance zur Mordkommission zu wechseln oder Ähnliches. Stattdessen hat es mich aber, jedenfalls damals subjektiv empfunden, ereilt, dass ich zur Senatsverwaltung für Inneres wechseln musste. Als Kollegin, die sehr praktisch unterwegs war, war das zunächst für mich etwas schwierig. Ich glaube, das war überhaupt der einzige Moment in meinem dienstlichen Leben, in dem ich ein paar Monate gebraucht habe, um mich einzugewöhnen, weil die Arbeit in solch einer Verwaltung, sich doch sehr, sehr unterschieden hat, von dem was auf der Straße passiert. Trotzdem war auch das eine spannende Angelegenheit, weil ich ein Gefühl dafür bekommen habe, was die Politik und die Öffentlichkeit interessiert. Die Senatsinnenverwaltung ist ja, wenn man es so sagen will, der Chef der Polizei, die Fachaufsicht, wo es eben auch eine kleine Polizeiabteilung gibt, in der ich gearbeitet habe. Ich war immer die Mittlerstelle zwischen Polizei und der Senatsverwaltung, wenn man so will. Danach habe ich mich für den Aufstieg in den höheren Dienst der Polizei beworben. Ich habe dann 2 Jahre studiert, ein Jahr an der damaligen Führungsakademie der Polizei in Münster. Ich habe das sehr genossen, weil ich in der Mitte des Lebens noch einmal frei gestellt wurde und Gelegenheit erhielt, mich fortzubilden, an meiner Führungsqualität zu arbeiten, zumindest erst einmal theoretisch. Als ich von dort zurück kam, gab es eine große Überraschung, ich musste nämlich die Uniform anziehen, weil es für die Kriminalpolizei in dieser Position gar nicht so viele frei Stellen gab. Und dann habe ich noch einmal eine tolle Erfahrung in meinem Leben gemacht. Ich war plötzlich Schutzpolizistin, war stellvertretende Leiterin eines Polizeiabschnitts in dieser Stadt in Reinickendorf und ich bin einmal „in den Schuhen der anderen Kollegen gelaufen“, so sage ich das immer, und hatte 3 Jahre eine hochinteressante Zeit mit den Kollegen der Schutzpolizei, die auch wirklich Tag für Tag eine harte und vielseitige Arbeit zu erledigen haben. Von dort aus bin ich in den Stab des Polizeipräsidenten gekommen und habe den damaligen Polizeipräsidenten Herrn Glietsch in Personalangelegenheiten höherer Führungskräfte beraten. Das hört sich erst mal ein wenig theoretisch und langweilig an, aber da es immer um Menschen geht und um die Frage, wer welche Posten besetzt, war es dann doch recht herausfordernd. Und auch im Umgang mit den Kollegen waren Attribute wie Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit dort von besonderer Bedeutung. Nachdem Herr Glietsch im letzten Jahr die Behörde aufgrund seiner Pensionierung verlassen hat, habe auch ich mich verändert und bin dann in die Dienststelle gekommen, von der ich vorhin schon berichtet habe, die Zentralstelle für Prävention.

Schildern Sie Ihr interessantestes Erlebnis in Ihrem Berufsleben.

Im Vorfeld habe ich über diese Frage nachgedacht, weil in 27 Dienstjahren natürlich einiges passiert ist. Ich durfte auch an einigen Projekten teilnehmen, die für mich heute noch Bedeutung haben. Ich denke aber für junge Leute ist es auch spannend, was man so draußen auf der Straße im Einsatz erlebt hat. Da gibt es ein Erlebnis, das mir irgendwie immer, wenn die Frage aufkommt, in Erinnerung bleibt. Wir wurden in eine Wohnung gerufen, in der sich ein junges Mädchen erschossen hatte. Solche Erlebnisse passieren im Polizeialltag leider nicht so selten, aber das besonders Belastende war, dass das ein Mädchen war, was lange Jahre so eine Art Todessehnsucht hatte. Sie lebte mit ihrer Mutter in einer kleinen Zweizimmerwohnung, Wand an Wand. Die Mutter hatte ihr Leben praktisch dafür aufgeopfert, ihr Kind am Leben zu halten, in Angst Tag für Tag. Und ich spüre auch heute noch, dass mich das immer noch bewegt, weil sie praktisch Wand an Wand mit ihrer Tochter geschlafen hat und eines Morgens hat das Kind sich dann entschieden, ihrem Leben mit 16 oder 17 Jahren ein Ende zu machen. Wir haben dann zunächst erst kriminalpolizeilich ermittelt, ob andere Täter in Frage kamen, was wir aber dann ausschließen konnten. Anschließend mussten wir dann natürlich auch mit der Mutter sprechen. Und das ist für den Kollegen und mich nachhaltig ein trauriges Erlebnis gewesen und hat einiges von uns abgefordert. Und auch nach 15 Jahren muss ich manchmal heute noch daran denken, obwohl ich sehr viele Tote gesehen habe, aber das war eine Situation, die mich doch sehr bewegt hat.

Welche Tipps haben Sie für Berufsanfänger/ -innen?

Ich glaube, bevor man die Berufsentscheidung trifft, ist es extrem wichtig, dass man grundsätzlich an Menschen interessiert ist, flexibel, tolerant, weltoffen, geduldig und dabei bestimmt sein kann sowie ein Talent für praktische Problemlösungen hat. Man muss menschliche Vielfalt respektieren, sie sogar für spannend und schützenswert halten, denn Menschen und ihre Problemlagen sind es, mit denen wir am allermeisten zu tun haben. Polizei ist gelebter Service und ein Hilfsangebot für den Bürger und wir sind wahrlich nicht immer willkommen. Nicht selten werden wir und unsere Maßnahmen abgelehnt, manchmal sogar sehr deutlich. Es gibt Situationen, in denen man sehr geduldig sein und einiges ertragen muss. Auf der anderen Seite steht das gute Gefühl, Dienst an der Gemeinschaft zu leisten, zu einem vielfältigen aber friedlichen Miteinander beizutragen und in der Lage zu sein, echte Hilfe leisten zu können. Ich frage skeptische Menschen immer, wen sie wohl rufen würden, wenn sie Angst hätten, in Gefahr sind oder nicht mehr weiter wüssten: Ganz häufig ist es nämlich die Polizei, die es richten soll. Wenn diese Hilfe gelingt, wenn Konflikte bereinigt, eine Straftat aufgeklärt, Zeugen und Opfer geschützt werden konnten, dann können wir sehr stolz auf unseren einzigartigen Beruf sein.

Und als Tipp für den beruflichen Lebensweg würde ich sagen:

Zunächst sollte man in der Polizei ein verlässlicher Teamplayer sein, das ist eine Grundvoraussetzung für ein erfülltes Berufsleben. Es erscheint mir wichtig, viele verschiedene Aufgabengebiete zu durchlaufen, um eine gute Übersicht über die thematische Breite unserer Behörde zu bekommen, sich ein echtes Urteil erlauben zu können und eine gute Ausgangsbasis für berufliche Weiterentwicklung zu schaffen. Daher sollte man stets an Fortbildung interessiert sein, um nicht stehen zu bleiben. Ich halte es für besonders bedeutsam, sich trotz des grundsätzlich gültigen Teamgedankens im Polizeiberuf nicht reflexartig Mehrheitsmeinungen anzuschließen, sondern sich den Blick frei zu halten, sich ein eigenständiges Urteil zu den verschiedensten Lebenssachverhalten oder aber auch in der Bewertung von menschlichen Verhaltensweisen zu erlauben. Werden Sie also kein blinder Mitläufer, denken Sie eigenständig!