Der Bezirk Prenzlauer Berg ist beliebt. Zum Ausgehen und zum Wohnen. Seit Sommer biegen immer mehr Berlin-Besucher und Architekturinteressierte auch in ein Quartier östlich der Prenzlauer Allee ab. "Seit die Siedlung Carl Legien zum UNESCO-Welterbe ernannt worden ist, haben sich die Anfragen nach Führungen verdreifacht", sagt Christian Scheffler, Eigentümervertreter der Pirelli RE in Berlin. Hier stehen Loggien und gerundete Balkone mit den kubischen Bauformen der in U-Form angeordneten Häuser im Kontrast.
Die Wohnstadt ist 1928 bis 1930 nach Plänen von Bruno Taut und Franz Hilliger gebaut worden und trägt den Namen des ehemaligen Gewerkschaftschefs Carl Legien. Sie ist Tauts letzte Großsiedlung und die urbanste und kompakteste unter den Berliner Wohnsiedlungen aus der Weimarer Zeit. Grünflächen sollten der Erholung dienen. An die Stelle kleiner Reihenhäuser trat die Etagenwohnung. Zwischen Grell- und Ostseestraße gelegen, nimmt die Siedlung 8,4 Hektar ein. "Weit über zwei Drittel der 1169 Wohnungen haben jedoch nur zwei Zimmer und so leben hier wenige Familien mit Kindern", hat Scheffler festgestellt. Also sind eher Ältere -und seit die Siedlung das Kulturerbe-Image hat -auch viele junge Leute Mieter. Insgesamt etwa 1200 Menschen. Kaum einer zieht weg. Scheffler: "Wir haben eine Fluktuationsrate von lediglich zwei Prozent". Wer auszieht, bringe meist schon einen Interessenten aus der Bekanntschaft. "Annoncieren müssen wir für die Siedlung nicht."
Regine Domnowsky gehört zu denen, die seit ihrer Geburt hier leben. Seit 1934 mit den Eltern; ab 1957 vis á vis: fünf Personen auf 55 Quadratmetern. "Kann sich keiner vorstellen, aber wir waren froh, eine Wohnung zu haben." Dazu eine Zentralheizung (!) und Kaninchen auf dem Balkon. Sie und ihr Mann können sich nicht vorstellen, jemals an einem anderem Ort zu wohnen.
Inzwischen ist die Wohnstadt vollständig saniert. "Wir haben mit dem Denkmalschutz einige Kompromisse finden können." Zwar mussten die selbstgebauten Verglasungen von den Balkonen verschwinden. Neue Fenster aus Kunststoff durften jedoch zur Hofseite eingesetzt werden und ab dem ersten Treppenabsatz jedes Aufgangs liegt jetzt in den restlichen Etagen Linoleum. Auch eine festgelegte Anzahl Mietergärten besteht weiter. Es ist ein Spagat zwischen Denkmalschutz und moderner Lebensqualität.
Manchmal haben Kompromisse auch überraschende Ergebnisse: Das ehemalige Waschhaus der Siedlung durfte nicht abgerissen werden. Jahrzehntelang haben die Mieter hier ihre Bettwäsche gerollt und gemangelt. Gleichzeitig war es ein Ort ausgedehnter Kommunikation. Jetzt ist das Gebäude saniert und in diesen Tagen ziehen Teile des Bauhaus-Archivs dort ein. "Wir sind froh, dass dieses Stück Vergangenheit erhalten bleibt", freut sich Regine Donmowsy. "Es hat doch zu unserem Alltag gehört." Und wo passt eine Dokumentensammlung über Baugeschichte besser hin als in eine preisgekrönte Architektensiedlung?
| Adresse: |
Wohnstadt Carl Legien
Erich-Weinert-Straße
10409
Berlin
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| Architekt: | Bruno Taut, Franz Hillinger |

