prenzlauer227

Von der Gründung der Gemeindedoppelschule im Jahre 1886 bis zum Bildungszentrum

Museum Pankow – Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner
Die Ausstellung befand sich bis Ende 2023 im Haupthaus, in den Fluren des 2. OG

prenzlauer227, Frühjahr 2004

Entstehung der Gemeindedoppelschule

Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erlebte die neue Reichs­hauptstadt Berlin einen enormen Zustrom von Arbeits­kräften. Mit der massen­haften Zuwanderung wuchs nicht nur der Bedarf an Wohn­raum, sondern auch an öffent­lichen Bauten, darunter Kranken­häusern und Schulen.
Unter Stadtbaurat Hermann Blankenstein erweckte der bislang vernach­lässigte Schul­bau das öffentliche Interesse. In seiner Amts­zeit entstand 1884 bis 1886 auch das Schul­gebäude an der Prenzlauer Allee/Ecke Mülhauser Straße als Gemeinde­doppelschule für eine Knaben- und eine Mädchenschule.
Bei der Bauplanung und später bei der Nutzung des Gebäudes wurde darauf geachtet, dass die Geschlechter­trennung gesichert war. So erreichten die Mädchen ihre Schule durch den Eingang an der Prenzlauer Allee, während sich der Zugang zur Knaben­abteilung in der Kolmarer Straße befand. Im separat gelegenen Rektoren- und Lehrer­wohnhaus befanden sich die Wohnungen für die beiden Rektoren, den Schul­diener und den Heizer.

Gemeindeschule im Kaiserreich

Bis zu ihrem Einzug in das neu errichtete Schul­haus musste der Unterricht für die rund 1500 Schüler*innen der 121. Gemeinde­schule für Mädchen und der 105. Gemeinde­schule für Knaben in von der Stadt ange­mieteten beengten Räumen statt­finden.
Auf dem wöchentlichen Stunden­plan der Gemeinde­schule stand der Religions­unterricht hinter den Fächern Deutsch und Mathematik an dritter Stelle. Das Erlernen einer Fremd­sprache war nicht vor­gesehen. Der Deutsch- und der Geschichts­unterricht dienten vor allem der Pflege des “vater­ländischen Sinnes”.
Nach 1900 meldeten sich Stimmen zu Wort, die eine allgemeine Erhöhung des Bildungs­niveaus und die Verbesserung des Unterrichts an den Elementar­schulen und damit eine durch­greifende Reform des Volks­schul­wesens forderten. Zu den Wort­führer*innen dieser Reform­bestrebungen gehörte in Berlin der Pädagoge Carl Louis Albert Pretzel.
Von 1910 bis 1919 war er Rektor der 105. Gemeinde­schule für Knaben in diesem Gebäude. Der Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 bereitete den Bemühungen um die all­mähliche Verbesserung der Bedingungen für den Unterricht an den Gemeinde­schulen ein jähes Ende.

Zwischen Monarchie und Diktatur

Nach dem Sturz des Kaiserreiches 1918 und der Aus­rufung der Republik erhielten auch fort­schritt­liche pädagogische Anschau­ungen öffentliche Resonanz.
Die Unterrichts­praxis blieb häufig jedoch weiterhin von den undemokra­tischen Traditionen und Struk­turen der Ver­gangen­heit bestimmt. Reformpädagogische Ansätze wie individu­elle Förde­rung der Schüler*innen anstelle kollektiver Unter­ordnung und Drill oder gemein­samer Unterricht von Jungen und Mädchen setzten sich an den staat­lichen Schulen nur vereinzelt durch. Eine der wichtigsten Veränderungen im Schul­wesen war die Einführung der obligato­rischen vier­jährigen Grund­schule.
Zu den ersten Maßnahmen nach der Errichtung der national­sozialis­tischen Diktatur im Januar 1933 gehörte die Säube­rung der Lehrer*innen­schaft von Jüdinnen und Juden sowie politi­schen Gegner*innen. In den Unter­richt und die Lehr­bücher fanden zunehmend die rassisti­schen und mili­taristi­schen Inhalte der NS-Ideologie Eingang. Unüberseh­bar wuchs in Gesell­schaft und Schule die Dis­kriminie­rung und Aus­grenzung jüdischer Kinder.
Lange vor dem Verbot des Besuches öffent­licher Schulen im Jahre 1938 wechselten viele z.B. in die nahe­gelegene III. Jüdische Volks­schule Rykestraße.
Das schulische Leben wurde zunehmend mit Dienst­formen der Hitler-Jugend verquickt und in den Dienst der Kriegs­vorbereitung gestellt.
1938 wurde aus der 105. Volks­schule (Knaben) die 13. (Knaben) und aus der 121. Volks­schule (Mädchen) die 14. Volks­schule (Mädchen) des Verwaltungs­bezirks Prenzlauer Berg.
Mit Zunahme der Luftangriffe auf Berlin wurden seit Ende 1943 ganze Schulen in Lager der “Kinderland­verschickung” (KLV) verlegt.

Neubeginn

Nach Kriegsende 1945 gehörte die Schule an der Prenzlauer Allee zu den wenigen Schul­gebäuden im Bezirk, die den Krieg weit­gehend unbe­schadet über­standen hatten. Bereits Ende Mai 1945 konnten die beiden Volks­schulen den Unterricht wieder aufnehmen. Im August 1947 wurden die 13. Volks­schule für Knaben und die 14. Volks­schule für Mädchen wegen Über­füllung geteilt. Es mangelte an Lehrer*innen und an Unterrichts­räumen. In den Abend­stunden war das Schul­haus Unterrichts­stätte für die im Herbst 1945 eröffnete Volks­hoch­schule und die 1947 gebildete Volks­musik­schule Prenzlauer Berg. Zu den Lehrer*innen, die in jenen Jahren in diesem Schul­haus unter­richteten, gehörte der nicht nur in der Berliner Lehrer*innen­schaft bekannte Heimat­kundler Wilhelm Ratthey.Wesent­lich auf seine Initiative wurden Ende 1945/ Anfang 1946 an allen Schulen in Prenzlauer Berg Aufsätze geschrieben, in denen die Kinder ihre Erlebnisse in den letzten Kriegs­tagen und den beginnen­den Wieder­aufbau schilderten.

Pionierzimmer, Patenbetrieb und POS

Nach der Spaltung Berlins Ende 1948 und der Gründung der DDR beschleunigte und ver­stärkte sich im Ost­berliner Schul­wesen die maß­geblich vom sowjeti­schen Beispiel geprägte Ent­wicklung.
Auch an der 13. und 14. Grundschule dominierte fortan der Einfluss der SED und der von ihr gelenkten FDJ und der Pionier­organisation. Zu Beginn der 50er Jahre entstanden Pionier­zimmer, Russisch wurde zur ersten Fremd­sprache. Paten­betriebe und Paten­brigaden sollten die Lehrer*innen bei der sozialisti­schen Erziehung der Kinder und Jugend­lichen unter­stützen. Entsprechend den staat­lichen Vorgaben erfolgte 1959/60 die Umwand­lung der beiden Grund­schulen in zehn­klassige polytech­nische Ober­schulen (POS). Seit 1976 trug die 14. POS den Namen »Karl-Baier-Oberschule«.
Zu Beginn des Schul­jahrs 1978/79 wurde ab der 9. Klasse das Fach Wehr­erziehung einge­führt. Die vor­militäri­sche Erziehung und gezielte Nach­wuchs­gewinnung für Armee und Sicher­heits­organe an den Schulen verstärkte seit Mitte der 80er Jahre die Kritik am Schul­wesen der DDR.
1989 wurden auch innerhalb der Institution Schule die Wider­sprüche des politischen Systems immer offen­sichtlicher. An den Runden Tischen Ende 1989/Anfang 1990 standen die Kritik am bisherigen Schul­wesen und die Forderung nach veränderten Lehr­inhalten mit auf der Tages­ordnung.

Hoffnungsvoller Neuanfang

Nach den Kommunal­wahlen im Mai 1990 begann die Umstruktu­rierung des Schul­wesens, an der Eltern, Lehrer*innen und Kommunal­politiker*innen beteiligt waren. Mit dem 1.August 1991 erlangte das West­berliner Schul­gesetz auch im Ostteil der Stadt Gültig­keit.
In das Schul­gebäude in der Prenzlauer Allee zog die 3.Grund­schule. Mehr als 2 Mio. Mark waren erforder­lich, um die dringend­sten Erhaltungs- und Instand­setzungs­arbeiten ausführen zu lassen.
Im Zusammenwirken mit den Eltern und freien Trägern entwickelte die Schule ein breites Freizeit­angebot für die Kinder. Seit Mitte der 1990er Jahre setzte auch an dieser Grund­schule verstärkt ein Rück­gang der Schüler*innen­zahlen ein.Trotz Protesten der Schul­leitung, der Lehrer*innen, der Eltern und Schüler*innen beschloss die Bezirks­verordneten­versamm­lung Prenzlauer Berg im Dezember 1997, die Schließung der 3. Grund­schule. Im Herbst 1998 zogen zunächst zwei Kinder­biblio­theken und eine Erwachsenen­bibliothek sowie die Volks­hochschule in das Gebäude. Ende 1999/Anfang 2000 folgte dann noch das damalige Prenzlauer Berg Museum.

Bildungszentrum am Wasserturm

Bevor die Bibliotheken, die Volkshochschule und das Museum in das Gebäude ein­ziehen konnten, waren umfang­reiche Baumaß­nahmen erforderlich.
Heute befindet sich hier neben der Bibliothek am Wasserturm und der VHS der Haupt­stand­ort des Museums Pankow.
Bis 2004 erfolgten die Umge­staltung des Hofes und der Umbau der ehemaligen Turn­halle zu einem Ausstellungs­raum für das Museum. Damit konnte die ursprünglich vor­handene Öffnung des Schul­geländes zur Kolmarer Straße und dem Wasser­turm­areal in der Nähe des Kollwitz­platzes wieder her­gestellt werden.
Die Angebote von Bibliothek,Volks­hochschule und Museum sind geeignet, sich inhalt­lich zu ergänzen.
Das Gebäude mit seinen Unterrichts­räumen, Lese­bereichen und Ausstellungs­flächen, seinen Bibliotheks- und Archiv­beständen versteht sich über die Nutzer*innen und Besuchenden der drei Ein­richtungen hinaus als ein Treff­punkt und Ort gemein­samen Lernens – ein lebendiges Bildungs­zentrum am Wasserturm.

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