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Von der Gründung der Gemeindedoppelschule im Jahre 1886 bis zum Bildungszentrum

Museum Pankow – Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner
Die Ausstellung befindet sich im Haupthaus, 2. OG, in den Fluren

Entstehung der Gemeindedoppelschule

Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erlebte die neue Reichs­hauptstadt Berlin einen enormen Zustrom von Arbeits­kräften. Mit der massen­haften Zuwanderung wuchs nicht nur der Bedarf an Wohn­raum, sondern auch an öffent­lichen Bauten, darunter Kranken­häusern und Schulen.
Unter Stadtbaurat Hermann Blankenstein erweckte der bislang vernach­lässigte Schul­bau das öffentliche Interesse. In seiner Amts­zeit entstand 1884 bis 1886 auch das Schul­gebäude an der Prenzlauer Allee/Ecke Mülhauser Straße als Gemeinde­doppelschule für eine Knaben- und eine Mädchenschule.
Bei der Bauplanung und später bei der Nutzung des Gebäudes wurde darauf geachtet, dass die Geschlechter­trennung gesichert war. So erreichten die Mädchen ihre Schule durch den Eingang an der Prenzlauer Allee, während sich der Zugang zur Knaben­abteilung in der Kolmarer Straße befand. Im separat gelegenen Rektoren- und Lehrer­wohnhaus befanden sich die Wohnungen für die beiden Rektoren, den Schul­diener und den Heizer.

Gemeindeschule im Kaiserreich

Bis zu ihrem Einzug in das neu errichtete Schul­haus musste der Unterricht für die rund 1500 Schüler der 121. Gemeinde­schule für Mädchen und der 105. Gemeinde­schule für Knaben in von der Stadt ange­mieteten beengten Räumen statt­finden.
Auf dem wöchentlichen Stunden­plan der Gemeinde­schule stand der Religions­unterricht hinter den Fächern Deutsch und Mathematik an dritter Stelle. Das Erlernen einer Fremd­sprache war nicht vor­gesehen. Der Deutsch- und der Geschichts­unterricht dienten vor allem der Pflege des “vater­ländischen Sinnes”.
Nach 1900 meldeten sich Stimmen zu Wort, die eine allgemeine Erhöhung des Bildungs­niveaus und die Verbesserung des Unterrichts an den Elementar­schulen und damit eine durch­greifende Reform des Volks­schul­wesens forderten. Zu den Wort­führern dieser Reform­bestrebungen gehörte in Berlin der Pädagoge Carl Louis Albert Pretzel.
Von 1910 bis 1919 war er Rektor der 105. Gemeinde­schule für Knaben in diesem Gebäude. Der Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 bereitete den Bemühungen um die all­mähliche Verbesserung der Bedingungen für den Unterricht an den Gemeinde­schulen ein jähes Ende.

Zwischen Monarchie und Diktatur

Nach dem Sturz des Kaiserreiches 1918 und der Aus­rufung der Republik erhielten auch fort­schritt­liche pädagogische Anschau­ungen öffentliche Resonanz.
Die Unterrichts­praxis blieb häufig jedoch weiterhin von den undemokra­tischen Traditionen und Struk­turen der Ver­gangen­heit bestimmt. Reformpädagogische Ansätze wie individu­elle Förde­rung des Schülers anstelle kollektiver Unter­ordnung und Drill oder gemein­samer Unterricht von Jungen und Mädchen setzten sich an den staat­lichen Schulen nur vereinzelt durch. Eine der wichtigsten Veränderungen im Schul­wesen war die Einführung der obligato­rischen vier­jährigen Grund­schule.
Zu den ersten Maßnahmen nach der Errichtung der national­sozialis­tischen Diktatur im Januar 1933 gehörte die Säube­rung der Lehrer­schaft von Juden und politi­schen Gegnern. In den Unter­richt und die Lehr­bücher fanden zunehmend die rassisti­schen und mili­taristi­schen Inhalte der NS-Ideologie Eingang. Unüberseh­bar wuchs in Gesell­schaft und Schule die Dis­kriminie­rung und Aus­grenzung jüdischer Kinder.
Lange vor dem Verbot des Besuches öffent­licher Schulen im Jahre 1938 wechselten viele z.B. in die nahe­gelegene III. Jüdische Volks­schule Rykestraße.
Das schulische Leben wurde zunehmend mit Dienst­formen der Hitler-Jugend verquickt und in den Dienst der Kriegs­vorbereitung gestellt.
1938 wurde aus der 105. Volks­schule (Knaben) die 13. (Knaben) und aus der 121. Volks­schule (Mädchen) die 14. Volks­schule (Mädchen) des Verwaltungs­bezirks Prenzlauer Berg.
Mit Zunahme der Luftangriffe auf Berlin wurden seit Ende 1943 ganze Schulen in Lager der “Kinderland­verschickung” (KLV) verlegt.

Neubeginn

Nach Kriegsende 1945 gehörte die Schule an der Prenzlauer Allee zu den wenigen Schul­gebäuden im Bezirk, die den Krieg weit­gehend unbe­schadet über­standen hatten. Bereits Ende Mai 1945 konnten die beiden Volks­schulen den Unterricht wieder aufnehmen. Im August 1947 wurden die 13. Volks­schule für Knaben und die 14. Volks­schule für Mädchen wegen Über­füllung geteilt. Es mangelte an Lehrern und an Unterrichts­räumen. In den Abend­stunden war das Schul­haus Unterrichts­stätte für die im Herbst 1945 eröffnete Volks­hoch­schule und die 1947 gebildete Volks­musik­schule Prenzlauer Berg. Zu den Lehrern, die in jenen Jahren in diesem Schul­haus unter­richteten, gehörte der nicht nur in der Berliner Lehrer­schaft bekannte Heimat­kundler Wilhelm Ratthey.Wesent­lich auf seine Initiative wurden Ende 1945/ Anfang 1946 an allen Schulen in Prenzlauer Berg Aufsätze geschrieben, in denen die Kinder ihre Erlebnisse in den letzten Kriegs­tagen und den beginnen­den Wieder­aufbau schilderten.

Pionierzimmer, Patenbetrieb und POS

Nach der Spaltung Berlins Ende 1948 und der Gründung der DDR beschleunigte und ver­stärkte sich im Ost­berliner Schul­wesen die maß­geblich vom sowjeti­schen Beispiel geprägte Ent­wicklung.
Auch an der 13. und 14. Grundschule dominierte fortan der Einfluss der SED und der von ihr gelenkten FDJ und der Pionier­organisation. Zu Beginn der 50er Jahre entstanden Pionier­zimmer, Russisch wurde zur ersten Fremd­sprache. Paten­betriebe und Paten­brigaden sollten die Lehrer bei der sozialisti­schen Erziehung der Kinder und Jugend­lichen unter­stützen. Entsprechend den staat­lichen Vorgaben erfolgte 1959/60 die Umwand­lung der beiden Grund­schulen in zehn­klassige polytech­nische Ober­schulen (POS). Seit 1976 trug die 14. POS den Namen »Karl-Baier-Oberschule«.
Zu Beginn des Schul­jahrs 1978/79 wurde ab der 9. Klasse das Fach Wehr­erziehung einge­führt. Die vor­militäri­sche Erziehung und gezielte Nach­wuchs­gewinnung für Armee und Sicher­heits­organe an den Schulen verstärkte seit Mitte der 80er Jahre die Kritik am Schul­wesen der DDR.
1989 wurden auch innerhalb der Institution Schule die Wider­sprüche des politischen Systems immer offen­sichtlicher. An den Runden Tischen Ende 1989/Anfang 1990 standen die Kritik am bisherigen Schul­wesen und die Forderung nach veränderten Lehr­inhalten mit auf der Tages­ordnung.

Hoffnungsvoller Neuanfang

Nach den Kommunal­wahlen im Mai 1990 begann die Umstruktu­rierung des Schul­wesens, an der Eltern, Lehrer und Kommunal­politiker beteiligt waren. Mit dem 1.August 1991 erlangte das West­berliner Schul­gesetz auch im Ostteil der Stadt Gültig­keit.
In das Schul­gebäude in der Prenzlauer Allee zog die 3.Grund­schule. Mehr als 2 Mio. Mark waren erforder­lich, um die dringend­sten Erhaltungs- und Instand­setzungs­arbeiten ausführen zu lassen.
Im Zusammenwirken mit den Eltern und freien Trägern entwickelte die Schule ein breites Freizeit­angebot für die Kinder. Seit Mitte der 90er Jahre setzte auch an dieser Grund­schule verstärkt ein Rück­gang der Schüler­zahlen ein.Trotz Protesten der Schul­leitung, der Lehrer­schaft, der Eltern und Schüler beschloss die Bezirks­verordneten­versamm­lung Prenzlauer Berg im Dezember 1997, die Schließung der 3. Grund­schule. Im Herbst 1998 zogen zunächst zwei Kinder­biblio­theken und eine Erwachsenen­bibliothek sowie die Volks­hochschule in das Gebäude. Ende 1999/Anfang 2000 folgte dann noch das Prenzlauer Berg Museum.

Bildungszentrum am Wasserturm

Bevor die Bibliotheken, die Volkshochschule und das Museum in das Gebäude ein­ziehen konnten, waren umfang­reiche Baumaß­nahmen erforderlich.
Heute befindet sich hier neben den Biblio­theken, der VHS und dem Prenzlauer Berg Museum der Haupt­stand­ort des kommu­nalen Museums­verbandes im Bezirk Pankow.
Bis 2004 erfolgten die Umge­staltung des Hofes und der Umbau der ehemaligen Turn­halle zu einem Ausstellungs­raum für das Museum. Damit konnte die ursprünglich vor­handene Öffnung des Schul­geländes zur Kolmarer Straße und dem Wasser­turm­areal in der Nähe des Kollwitz­platzes wieder her­gestellt werden.
Die Angebote von Bibliothek,Volks­hochschule und Museum sind geeignet, sich inhalt­lich zu ergänzen.
Das Gebäude mit seinen Unterrichts­räumen, Lese­bereichen und Ausstellungs­flächen, seinen Bibliotheks- und Archiv­beständen versteht sich über die Nutzer und Besucher der drei Ein­richtungen hinaus als ein Treff­punkt und Ort gemein­samen Lernens – ein lebendiges Bildungs­zentrum am Wasserturm.

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