Republikflucht – die ewig blutende Wunde. Nichts belegt deutlicher, wie sehr die Politik der SED ein ununterbrochener Kraftakt gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung war, als der ständige Strom von so genannten Republikflüchtigen. Die Fluchtbewegung war in ihrer zahlenmäßigen Schwankung ein anschaulicher Maßstab dafür, wie Veränderungen in der Politik der SED von der Bevölkerung aufgenommen wurden. Sie zwang im August 1961 zum Mauerbau. Einerseits mochte dieser »Wall« bei der eingemauerten Bevölkerung dazu geführt haben, sich mit dem System und seinen politischen Ritualen zu arrangieren, so lange es keine Hoffnung gab, es ändern zu können. Andererseits blieb die Mauer eine ununterbrochen fließende Quelle der Delegitimation und des individuellen Kampfes um das Menschenrecht auf Freizügigkeit.
Dem tödlichen Grenzregime der DDR fielen von 1949 bis 1989 nach jüngsten Angaben der »Zentralen Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität« (ZERV) Berlin mindestens 548 Personen zum Opfer. Erheblich verletzt durch Schüsse oder Minen wurden mindestens 757 Personen. Seit dem13. August 1961 machten Strafverfahren zur Ahndung von Fluchtversuchen und zur strafrechtlichen Abwehr von Ausreiseanträgen Jahr für Jahr ca. die Hälfte aller politischen Strafverfahren aus.






